Biokraftstoffe

Branche fürchtet um Existenz

Vor der richtungsweisenden Entscheidung am morgigen Dienstag positionieren sich Landwirtschaft und Biokraftstofferzeuger. Sie sehen einen gesamten Wirtschaftszweig in Gefahr, sollte der Umweltausschuss im Europaparlament (EP) restriktive Ziele vorgeben.

Die Entscheidung im EP hat Einfluss auf den Rapsanbau.
-- , Foto: Erwin Lorenzen / pixelio.de
Die Entscheidung im EP hat Einfluss auf den Rapsanbau.
Zur Abstimmung steht unter anderem, wie hoch der Anteil der Treibstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen ist, die auf das Klimaziel für erneuerbare Energien im Transportsektor anrechenbar sind. Auch das Thema der indirekten Landnutzungseffekte (iluc) bei der Berechnung der Klimaeffizienz von Biosprit kommt dabei auf den Tisch. Die morgige Abstimmung im Europaparlament gilt als richtungsweisend, da ihr Ergebnis in die folgenden Trilog-Verhandlungen zwischen EP, EU-Kommission und Europarat einfließt.

Der europäischen Dachverband der nationalen Bauern- und Genossenschaftsorganisationen (Copa/Cogeca) spricht sich im Vorfeld der Abstimmung dafür aus, dass mindestens 8 Prozent der Kraftstoffe im Verkehrssektor aus Biokraftstoff aus Ackerkulturen stammen sollen. Jegliche Reduzierung dieser Zielvorgabe hätte „nachteilige Auswirkung auf Wachstum und Beschäftigung, die Energie- und Klimaziele, und die Versorgung mit Futtermitteln“, warnt Copa-Cogeca heute. Die EU-Mitgliedstaaten hatten sich im Energierat im Juni auf den Kompromiss verständigt, dass künftig bis zu 7 Prozent aus Biosprit der so genannten ersten Generation stammen sollen; die Kommission hatte sich damals für eine Begrenzung des Anteils von Biokraftstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen wie Getreide oder Raps auf 5 Prozent zugunsten von Biokraftstoffen aus Pflanzenreststoffen oder Abfällen ausgesprochen, die nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelerzeugung stehen. Bei der morgigen Entscheidung im EP zeichnet sich ein Deckel von 6 Prozent für Biokraftstoffe der ersten Generation ab.

Kritik an iluc-Faktoren

Kritisch sieht Copa-Cogeca auch die Anrechnung der iluc-Faktoren auf das Treibhausgaseinsparpotenzial von Biokraftstoffen. Die Effekte, die Landnutzungsänderungen zum Anbau von Ackerpflanzen in Nicht-EU-Staaten auf die Emission von Treibhausgasen und somit die Treibhausgas-Einsparpotenzial von Biokraftstoffen haben, seien schwer einschätzbar, da das Ausmaß von Landnutzungsänderungen dort schwer zu erfassen sei.

Des Weiteren verweisen Copa-Cogeca sowie der Verband der Biokraftstoffindustrie (VDB) auf Bedenken, die Wissenschaftler in der Vergangenheit bei der Methodik der Berechnung von iluc-Faktoren angemeldet hätten: „Es kann für die Abgeordneten in Brüssel nicht ernsthaft eine Option sein, 21.000 Arbeitsplätze in strukturschwachen, ländlichen Räumen in Deutschland auf Basis des haarsträubenden iluc-Konzeptes zu zerstören, während die Regenwaldrodung für andere Nutzungen davon gänzlich unbeeindruckt munter weitergeht“, sagt VDB-Geschäftsführer Elmar Baumann.

Für den VDB entscheiden die Europaparlamentarier morgen über das „Fortbestehen der Biokraftstoffindustrie“. Da gerade importierte Rohstoffe zur Biokraftstoffproduktion wie etwa Palmöl durch den Umbruch von Regenwäldern in die Diskussion geraten waren, legt der VDB Zahlen zum Biokraftstoffmix hierzulande vor. Demnach bestand in Deutschland produzierter Biodiesel 2014 zu rund 73 Prozent aus Rapsöl, zu etwa 17 Prozent dienten Altspeisefette als Rohstoff, zum Beispiel aus Fritteusen. Frisches Palmöl hatte einen Anteil von etwa 3 Prozent. Dies hätten eine Mitgliederbefragung sowie Branchenschätzungen des VDB ergeben.

Die Umweltschutzorganisation Oxfam dagegen will das Ziel für Biokraftstoffe im Transportbereich, das derzeit bei 10 Prozent liegt, am liebsten gänzlich abschaffen. Oxfam sieht in der Biokraftstoffproduktion eine wichtige Ursache für das Steigen der Agrarpreise der vergangenen Jahre und des Hungers in der Welt. Diese Kausalität hält der Verband der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland (Ovid) für schlicht nicht zutreffend: „Bei der Biodieselproduktion werden nur die Pflanzenöle verwendet, die im Lebensmittelbereich weltweit nicht abgesetzt werden“, so Ovid heute. Im Gegenteil würden Koppelprodukte aus der Biokraftstoffproduktion als Futtermittel fehlen, sollte ihre Erzeugung zurückgefahren werden. (pio)
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