Interview mit Clemens Tönnies

"Wir kommen da raus"


Clemens Tönnies möchte bis Jahresende alle Werkvertragsarbeiter in den Kernbereichen fest anstellen.
Ludwig Heimrath
Clemens Tönnies möchte bis Jahresende alle Werkvertragsarbeiter in den Kernbereichen fest anstellen.

Clemens Tönnies ist getroffen, will aber seine Spitzenposition verteidigen, indem er die gesellschaftlichen Themen aufnimmt: Werkverträge abschaffen, Wohnungsfragen lösen, Tierwohl fördern.

von Bernd Biehl, Dirk Lenders und Renate Kühlcke

Herr Tönnies, wie geht es Ihnen nach sechs Wochen Corona-Stress?

Es hat schon weh getan. Die Schließung, die Folgen für die Bevölkerung, aber auch, dass so vieles unsachlich in Frage gestellt wurde. Ich habe viele Briefe bekommen, positive Zustimmung wie auch Negatives, bis hin zu Drohungen. Ich würde meine Wurzeln in der Region nie verleugnen und habe immer als ehrbarer Kaufmann gehandelt.

Sie betonen, sich an Recht und Gesetz gehalten zu haben, geht Verantwortung nicht auch darüber hinaus?

Ich habe mich öffentlich hingestellt und gesagt, es tut uns leid. Wir übernehmen Verantwortung für diesen Unfall. Aber wir waren nicht verantwortlich für den massenhaften Ausbruch. Das haben inzwischen unabhängige Wissenschaftler herausgearbeitet. Professor Exner in einem ersten Gutachten für die Behörden, und nun Professor Brinkmann und andere in einer weiteren Studie. Was hier herausgefunden wurde, findet weltweit Beachtung.

Juristisch also alles sauber?

Wir kennen keinen Rechtsverstoß, der ursächlich gewesen wäre für diesen massenhaften Ausbruch. Und wir haben bis heute keine schriftliche Schließungsverfügung mit einer Begründung erhalten. Im ersten Moment war Gefahr im Verzug, da haben wir klar gesagt, wir schließen. Danach hat man auf die moralische Tube gedrückt, statt auf Fakten zu sehen. Das ist nicht in Ordnung, weil wir eben nicht alleine sind. Es poppt ja laufend woanders auf, bei einem Döner-Hersteller und aktuell in der dänischen Fleischbranche. Wir konnten beweisen, dass das Geschehen bei uns mit dem Werkvertragssystem überhaupt nichts zu tun hat, dass es an den Unterkünften nicht gelegen hat. Es gab ein Phänomen in der Lüftung, das bis dato niemand kannte. Und das daher auch noch nirgendwo geregelt war. Das ist eindeutig.

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Die Folgen waren dennoch groß, für die Öffentlichkeit sind Sie Schuld und man wundert sich über die beantragten Ausgleichszahlungen.

Dass es einen Lockdown über Gütersloh und Teile von Warendorf gegeben hat, ist uns nicht egal. Wir bedauern das sehr. Im Mainstream waren wir die Bösen, da haben Sie recht. Aber wir haben diesen Ausbruch nicht verschuldet. Es kann nicht sein, dass unsere Mitarbeiter und Werkvertragsarbeiter aus Polen oder Rumänien weniger wert sind, als die anderer Betriebe. Unsere Werkvertragsarbeiter haben deutsche Arbeitsverträge. Quarantänegeld steht in Deutschland allen zu, die aufgrund von Infektionsschutz nicht arbeiten dürfen.

Die Unterkünfte waren kein Corona-Problem, sie werden oft kritisiert.

Es wird von Massenunterkünften, Gemeinschaftsunterkünften gesprochen. Wir haben zirka 1.500 Wohneinheiten für 5.500 Mitarbeiter. Da sehe ich keine Masse. Als wir uns 2017 verpflichtet haben, dass alle Mitarbeiter der Werksvertragsunternehmer ins deutsche Sozialversicherungssystem übernommen werden, was einen hohen Millionenbetrag pro Jahr kostet, haben wir angefangen, auch auf die Wohnungen zu schauen. Von den rund 1.500 Wohnungen sind mehr als 70 Prozent durch die Arbeiter selbst gemietet. Die Integration läuft in großem Stil, oft von Familien mit Kindern, die langfristig hier arbeiten und die Kinder in die Schule gehen. Da wurde ein völliges Zerrbild vermittelt.

Gibt es denn Wohnungen, die überteuert vermietet sind?

Natürlich gibt es negative Fälle. Deshalb müssen wir das selbst machen. Wir haben uns auf den Weg gemacht und haben das verbessert. Jetzt bauen wir auch selbst und stellen die Menschen bei uns ein. Das ist die wichtige Aussage. Diese Strukturen müssen weg. Für 320 Euro wohnt hier aber auch schon heute keiner im Mehrbettzimmer und es gibt auch keine eingefallenen Dächer. Wenn von angeblichen Zeugen miserable Wohnverhältnisse in der Presse gezeigt werden, die mit unserem Unternehmen nichts zu tun haben, checken wir die Fakten. Viele mussten sich von ihren Aussagen distanzieren. Noch vor wenigen Wochen haben Behörden die Wohnungen überprüft und Herr Laumann oder Landrat Adenauer öffentlich kundgetan, dass die Wohnverhältnisse bei Werkvertragsarbeitern von Tönnies nicht zu beanstanden seien.


Es gab Berichte über rumänische Arbeiter, die dort "shanghait" worden sind. Kennen Sie solche Fälle?

Das zeigt doch den Unsinn in der Berichterstattung. Die Menschen werden dort nicht mit dem Lasso eingefangen. In rumänischen Zeitungen gab es kürzlich Berichte, dass Tönnies der beste Arbeitgeber in Deutschland wäre. Es kommt kaum jemand alleine nach Deutschland. Es sind Paare, Familien, mehrere junge Männer zusammen. Die bleiben zusammen und wohnen zusammen. Viele arbeiten zehn Monate, sind total sparsam, dann bauen sie sich gemeinsam reihum Häuser. In Rumänien gibt es ganze Dörfer mit Arbeitern, die mal bei uns waren. Das zeigt niemand.

Sie wollen die Werkvertragspraxis beenden. Erfreut Sie der Gesetzesentwurf von Arbeitsminister Heil?

Wir werden bis Jahresende alle Werkvertragsarbeiter in den Kernbereichen fest anstellen. Das ist jetzt der Weg. Der Gesetzentwurf jedoch ist schwierig. Das Papier hat leider mit dem Eckpunktepapier nicht mehr viel zu tun. Da geht es nicht nur um Werkverträge, sondern die Flexibilisierung insgesamt wird abgeschafft. Wir sollen ein Konzernverbot bekommen. Untergesellschaften sollen verboten werden, nur noch einen Inhaber soll es geben. Das nimmt uns die Möglichkeit der Spezialisierung und die Möglichkeit, auf Marktereignisse zu reagieren. Ich muss doch Würste und Schinken produzieren und die an einem anderen Punkt schneiden und verpacken können. Mit Veggie-Wurst und Käse darf ich das. Da besteht zwingend noch Diskussionsbedarf.

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Was wären die Folgen dieses Verbotes?

Ich hole mal weit aus: Die Landwirtschaft in Deutschland ist familiengeführt strukturiert. Weltweit einmalig! Die Durchschnittsgröße eines landwirtschaftlichen Familienbetriebs liegt bei etwa 40 Hektar. Dazu pachtet er 60 bis 80 Hektar und baut Feldfrüchte an. Davon kann er aber nicht existieren. Er muss veredeln, das kann er mit Milch, mit Eiern, mit Bullen, Schweinen oder Geflügel. Die 11.600 Familienbetriebe, die uns beliefern, haben durchschnittlich 1228 Schweine im Bestand. In den USA sind das in Konzernstrukturen oft 80.000 bis 130.000 Schweine, in Brasilien gibt es Betriebe mit bis zu 200.000. Selbst in Spanien, je nach Region, gibt es viele Kooperativen mit 10.000 Schweinen und mehr. Wir alle wollen die familiären Strukturen. Aber wir müssen auch sehen, dass wir einen Strukturnachteil in der Primärproduktion gegenüber allen anderen Ländern haben. Den kann ich nur durch hocheffiziente Veredelungsbetriebe wie Tönnies und andere ausgleichen. Wenn ich dieses Bindeglied zum Markt herausreiße oder da an der Effizienz drehe, bricht das System zusammen. Und dabei geht es nicht um die Lohnkosten. Das wird eine massive Veränderung des ländlichen Raumes geben. Und da sitzt das Hauptwähler-Klientel der CDU.

Wie wollen Sie denn künftig Ihre Arbeit organisieren?

Unser Plan ist es, die Mitarbeiter direkt anzustellen. Eventuelle Spitzen werden wir, wenn möglich, mit einem geringen Anteil Leiharbeiter und dem Austausch von Arbeitern über die Standorte hinweg abdecken. Wie sonst sollen wir die Kundenwünsche zum Beispiel an Ostern und Weihnachten oder in der Grillsaison erfüllen können?

Welche Rolle spielen die neu gegründeten Tochtergesellschaften?

Wir haben 15 Gesellschaften, für die Wohnungsfragen und Personalgesellschaften. Die brauchen wir, um unsere bestehenden Gesellschaften auch in diesen Themen abzubilden. Wir gehen an das Thema ran. Wenn wir die Flächen bekommen, bauen wir Wohnungen um die Standorte herum. Wir planen, rund 1.500 Appartements für maximal 3.000 Menschen selbst zu bauen.


Sie haben auch eine Erhöhung des Mindestlohns und eine Allgemeinverbindlichkeit eines Tarifvertrages gefordert.

Dafür habe ich mir in der Branche eine blutige Nase geholt. Ich arbeite noch dran. Ich bin überzeugt, wir kommen an einem allgemeinverbindlichen Tarifvertrag nicht vorbei. Und auch an einer deutlichen Erhöhung des Mindestlohns für unsere ganze Branche. Da müssen alle mitziehen.

Wie viel teurer wird Fleisch, wenn man Tierwohl auch noch dazurechnet?

Fleisch wird wesentlich teurer. Wenn Minister glauben, das wäre nur marginal, irren sie sich gewaltig. Es wird je nach Veredelung zwischen 80 Cent und 1,30 Euro pro Kilo ausmachen. Der Schweinepreis selbst ist dabei nicht mehr die alleinige Kenngröße für Preise. Andere Kosten werden immer wichtiger. Die alten Rechenmodelle gelten nicht mehr.

Ist die Branche dann noch wettbewerbsfähig?

In Deutschland spielt sich das ein. Im Export ist das nicht zu erzielen. Es geht um die Bewertung. Viele glauben, wir exportieren ganze Schweine und das könnten wir dann einstellen. Wir exportieren aber von jedem Schwein die Teilstücke, die wir in Deutschland nicht verzehren, und das macht 50 Prozent des Schweines aus.

Für die Grünen oder auch für Ihren Landrat Adenauer gilt Ihr Betrieb mit 30.000 Schlachtschweinen pro Tag als zu groß. Auch viele Tierfreunde wünschen sich eher 100 regionale Schlachthöfe, ginge das?

Wenn unser Betrieb zu groß ist, was gilt dann für Bertelsmann, Miele oder VW? Da werden Dinge leider nicht bis zu Ende gedacht. Wer kleine Betriebe will, soll es machen. Das geht vielleicht auch, aber dann nach anderen Kriterien. Wenn ich wegen mangelnder Nachfrage nach einigen Teilstücken hier 50 Prozent exportieren muss, kann ich nicht erkennen, wie hundert Betriebe das hinbekommen. Da bekomme ich einen strukturellen Nachteil, der das Fleisch viel teurer macht. Und wer glaubt, dass in kleinen Betrieben Tierwohl, Nachhaltigkeit oder Sicherheit besser zu realisieren wären, kennt sich nicht aus.

Effizienz statt klein und kuschelig?

Wir haben in Rheda nicht nur Schlachthof und Zerlegung, wir haben alles von der Produktentwicklung bis zur Spedition. Jeden Tag kommen 25.000 Schweine an und 24 Stunden später haben wir Einzelprodukte, Schnitzel, Frikadelle, Bratwurst daraus gemacht. Oder auch die Schweinepfote oder die Aorta im Froster für den Export. Wir verwerten nachhaltig das ganze Tier.

Wie verändert sich der Fleischmarkt mittelfristig, Premium oder Masse?

Wir sind Marktführer bei Bio, machen Fair & Gut und viele weitere Spezialprogramme, wir sind Vorreiter in der Antibiotika-Reduzierung. Das sind die Antworten, die vor und auch nach Corona wieder kommen müssen. Wir werden die Haltungsstufen 2 und 3 mit größeren Stückzahlen darstellen. Ich glaube, die landwirtschaftliche Seite insgesamt ist heute durchoptimiert, da können wir das ein oder andere wieder korrigieren. Im Moment entstehen 39 neue Offenfrontställe. Die Landwirte stehen hinter uns. Das geniale am Offenfrontstall ist, dass wir gleiche Mastergebnisse erzielen wie im geschlossenen belüfteten Stall. Das alles läuft übrigens in unserer Nachhaltigkeitsstrategie T30.

Haben Sie den Handel hinter sich?

Wir konnten den deutschen Handel in den letzten 30 Jahren überzeugen, dass es kein besseres Produkt gibt. Wir werden durch die Veränderungen die nötige Preiserhöhung bekommen, aber ich bin strikt dagegen, Fleisch nur für Besserverdienende zu produzieren. Wir müssen auch an die fünf- bis sechsköpfige Familie denken. Es sollte ein Allgemeingut bleiben. Das bedeutet nicht, dass man Hackfleisch verramschen muss. Die Aktionspreise sind übrigens heute schon höher als letztes Jahr.

Was hat Sie der Lockdown des Betriebes gekostet?

Darum haben wir uns noch nicht gekümmert. Das Jahr ist noch nicht vorbei. Und wir wollen sehen, was der Markt macht. Sicherlich werden wir nicht das Schlusslicht.

Wie viel haben Sie kurzfristig hier investiert?

Bis zu 7 Millionen Euro bis jetzt, nur für die technische Ausstattung in Rheda. Für die anderen Standorte haben wir alles in Auftrag gegeben. Professor Exner sagte, wir seien jetzt weltweit die Benchmark. Einer der größten amerikanischen Produzenten will in einer Arbeitsgruppe von uns wissen, wie wir das technisch machen. Und jetzt kommt es auf den Gesetzgeber an. Das muss der Standard werden und für alle gelten.

Was steht im Jubiläumsjahr 2021 an?

Wir wollen weiter einen guten Job machen. Eines ist sicher, wenn alles wieder normal läuft, steht freitags immer noch Greta auf der Straße mit den Zukunftsfragen. Unsere Antwort ist unsere Nachhaltigkeitsstrategie T30. Damit hören wir nicht auf. Unsere Zukunftsfähigkeit werden wir uns etwas kosten lassen. Wir produzieren Lebensmittel in Deutschland unter weltweit besten Standards. Das wollen wir ausbauen.

Das Gespräch führten Renate Kühlcke, Bernd Biehl und Dirk Lenders.

Dieser Text erschien zuerst auf www.lebensmittelzeitung.net.

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