Glyphosat

Kritik an technischer Verlängerung


Gegen die Ankündigung des EU-Gesundheitskommissars Vytenis Andriukaitis, nun doch eine technische Verlängerung der Zulassung von Glyphosat für weitere 18 Monate durchzusetzen, regt sich Protest aus den Reihen der Umweltschutzverbände. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), wertete die Entscheidung der EU-Kommission von Dienstag als „Affront gegen viele überzeugte Europäer“: Nachdem die Brüsseler Behörde es vier Mal nicht geschafft habe, den Widerstand der Mitgliedstaaten gegen das Pestizid zu brechen, drücke sie jetzt dessen Weiterverwendung durch, so der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger.

Immer mehr Menschen in Europa und in Deutschland würden eine Landwirtschaft ohne Pestizide fordern. Dem müsse die Politik endlich Rechnung tragen, so der BUND weiter.

Greenpeace-Befragung: Mehrheit der Deutschen gegen Glyphosat

In eine ähnliche Richtung argumentiert Greenpeace. In der vergangenen Woche hatte die Umweltschutzorganisation die Ergebnisse einer Forsa-Umfrage veröffentlicht. Demnach würden sich 83 Prozent der Bundesbürger gegen Glyphosat aussprechen. Zudem erklärten sich 96 Prozent der Befragten dazu bereit, mehr für Lebensmittel zu zahlen, wenn diese ohne Glyphosat produziert würden.

Der BUND hält unterdessen die EU-weit vorgeschlagene Möglichkeit für Mitgliedstaaten, nationale Beschränkungen für den Einsatz von Glyphosat zu verhängen, für nicht ausreichend. Dabei gehe es lediglich um ein Einsatzverbot auf öffentlichen Flächen, das in Deutschland in fast der Hälfte der Bundesländer bereits existiere, so der BUND.

„Die Europäische Kommission missachtet die Mehrheit der EU-Regierungen und die Öffentlichkeit. Jetzt wäre der Moment gewesen, auf die vielen Menschen zu hören, die das giftige Pflanzenschutzmittel Glyphosat ablehnen“, sagte Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen/EFA-Fraktion im Europaparlament. „Mit einem Stopp von Glyphosat hätte die Europäische Kommission zeigen können, dass sie die auch nach dem britischen Referendum deutlich gewordene Skepsis vieler Bürger gegenüber Entscheidungen in der EU ernst nimmt“, fügte Häusling hinzu. Seiner Meinung nach kann die Verlängerung der Zulassung „nur der Anfang vom Ende der Anwendung von Pestiziden und Herbiziden und der Beginn einer nachhaltigen europäischen Landwirtschaft sein.“

Grundsatz der Wissenschaftlichkeit missachtet

Für unbefriedigend hält auch die Agrarwirtschaft eine technische Verlängerung – allerdings aus anderen Gründen. Der Industrieverband Agrar (IVA) kritisiert die angekündigte Entscheidung der EU-Kommission, anstelle einer erneuten Genehmigung des Herbizid-Wirkstoffs Glyphosat zunächst mit der sogenannten „technischen Verlängerung“ für 18 Monate zu arbeiten, als unbefriedigende Zwischenlösung. Zwar sei für Industrie, Handel und Landwirtschaft so wieder Planungssicherheit bis Ende kommenden Jahres geschaffen worden, juristisch zwingend sei indes eine umfassende Erneuerung der Wirkstoffgenehmigung des Herbizids für 15 Jahre.

„In der Europäischen Union haben wir das weltweit strengste Pflanzenschutzrecht, in dessen Mittelpunkt eine umfassende wissenschaftliche Bewertung der Wirkstoffe und Mittel steht. Der Grundsatz der Wissenschaftlichkeit ist im Glyphosat-Verfahren allerdings mehrfach mit Füßen getreten worden“, kommentierte IVA-Hauptgeschäftsführer Volker Koch-Achelpöhler. (pio)
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