Skandalöse Bilder aus dem Stall wandern durch die Medien. Die Aktivisten feiern ihre vielbeachtete Kampagne als weiteren Schritt hin zur vollständigen Abschaffung des Fleischkonsums. Der fleischerzeugende Sektor muss sich fragen, ob Kontrollmechanismen versagt haben.

Von Steffen Bach und Katja Bongardt

Saugferkel wie man sie sich wünscht
-- , Foto: Archiv
Saugferkel wie man sie sich wünscht
Unerträgliche Zustände
az-Interview: Das Tierschutzbüro will Probleme in der Tierhaltung in die Öffentlichkeit tragen. Die Aktivisten sehen ein Versagen der Kontrollmechanismen. Der Vorsitzende Jan Peifer hält zudem den Verzehr von Tieren grundlegend für falsch.

az: Wie kamen Sie auf den Ferkelerzeuger in Zeven?

Peifer: Da gab es einen Hinweis von einer Person, die dort gearbeitet hat. Sie hatte wegen der unerträglichen Zustände gekündigt.

az: Wie viele Kameras haben Sie noch irgendwo laufen?

Peifer: Sie glauben doch nicht, dass ich Ihnen diese Frage ernsthaft beantworte.

az: In einer Online-Petition rufen Sie die Richter in Oldenburg auf, den Angezeigten zu verurteilen. Sorgen Sie sich um die Sorgfalt der Behörden?

Peifer: Die Leute fragen uns: Was können wir machen? Mit der Petition können sie ausdrücken, dass sie mit dem, was passiert, nicht einverstanden sind.

az: Warum haben Sie ein halbes Jahr bis zur Anzeige gewartet?

Peifer: Sonst wird uns doch vorgeworfen, das wäre eine Momentaufnahme.

Das Gespräch führte Katja Bongardt
Die Vorwürfe gegen die Hollenhof Schweinezucht wiegen schwer. Nicht ordnungsgemäßes Töten von Ferkeln, unbeaufsichtigte Geburten, in Kotschlitzen verendete Tiere. Partner aus der Erzeugergemeinschaft sehen bei sich nur begrenzte Einflussmöglichkeiten auf die Bedingungen.

In der vergangenen Woche sind Tierschutzaktivisten mit drastischen Bildern aus dem Betrieb in Zeven an die Öffentlichkeit gegangen. Der für die Aufnahmen verantwortliche Verein „Deutsches Tierschutzbüro“ hat den Geschäftsführer der Hollenhof Schweinezucht GmbH & Co. KG angezeigt.

Der Betrieb ist Teil eines größeren Zusammenschlusses entlang der Wertschöpfungskette, die von der Erzeugung bis zur Schlachtung reicht. Am Ende steht das Fleischunternehmen Böseler Goldschmaus. Mit dem Anspruch einer „lückenlosen Kontrolle vom Landwirt bis zur Ladentheke“ bewirbt das Unternehmen seine Produkte.

Eine unmittelbare Verantwortung der Goldschmaus-Gruppe sieht Dr. Gerald Otto, der im Unternehmen für den Tierschutz zuständig ist, jedoch nicht. „Der korrekte und tierschutzgerechte Umgang mit den Tieren ist innerhalb der Goldschmaus-Gruppe ein hohes Gut“, versichert Otto gegenüber der agrarzeitung (az). Die im Fernsehen gezeigten „Abweichungen hiervon“ seien nicht akzeptabel. Zwar seien die mit der Sauenanlage verbundenen Mäster Mitglieder der Erzeugergemeinschaft, einen direkten Einfluss auf den Umgang der Mitarbeiter mit den Tieren in dem gezeigten Stall habe die Goldschmaus-Gruppe aber nicht.

Erzeuger sind auch Gesellschafter

Insgesamt acht Landwirte aus dem Kreis Cloppenburg bilden den Gesellschafterkreis der Hollenhof Schweinezucht GmbH & Co. KG. Die Landwirte sind gleichzeitig auch Mitglieder der Erzeugergemeinschaft (EZG) Bösel. Die EZG wiederum ist Gründerin und Mitgesellschafterin der Goldschmaus-Gruppe. Das Unternehmen erklärt auf seiner Internetseite: „Die EZG Bösel bildet auch heute noch die Basis für die hohe Qualität.“ Ein Teil der Gesellschafter wird auf der Homepage als die „Goldschmaus-Bauern“ vorgestellt, die von externen Auditoren kontrolliert würden. Otto kündigt an, dass sein Unternehmen, das jährlich rund 1,8 Millionen Schweine bei einem Jahresumsatz von rund 500 Mio. € schlachtet, Konsequenzen aus den Vorfällen ziehen wird. Beim Tierschutz soll nun der Fokus stärker auf die Sauenhaltung gerichtet werden. Dazu zähle insbesondere die Nottötung von Tieren.

Schockbilder bringen Spenden
Der Verein "Deutsches Tierschutzbüro" hat den Sauenbetrieb in Zeven ein halbes Jahr lang observiert. Der Verein installierte versteckte Kameras und Aktivisten drangen nachts in den Stall ein. Die Frage steht im Raum, warum der Verein bei möglichen Verstößen gegen den Tierschutz nicht unverzüglich das Veterinäramt hinzugezogen hat.

Stattdessen betreiben die Aktivisten vielfältige Öffentlichkeitsarbeit. Sie wenden sich an Fernsehsender (RTL), veranstalten Happenings („Tatortbegehung“) vor dem Betrieb und verschicken Online-Petitionen an die zuständige Staatsanwaltschaft Oldenburg. Das Tierschutzbüro reichte dort Anfang Juni eine Strafanzeige gegen den 27-jährigen Geschäftsführer des Betriebes ein. Mehr als 30000 Petitionen sind mittlerweile verschickt worden.

Anfang dieser Woche hat der Rechtsanwalt des Betriebsleiters, Dr. Walter Scheuerl, Kanzlei Graf von Westfalen, Anzeige gegen den Verein erstattet. Die Vorwürfe lauten unter anderem: Vortäuschen einer Straftat, Hausfriedensbruch und üble Nachrede. Scheuerl kritisiert auch deutlich, dass diese emotional aufwühlenden Bilder unmittelbar zur Spendengenerierung genutzt würden. Die Einnahmen des Tierschutzbüros stiegen laut Finanzbericht in sieben Jahren von 12.000 auf mehr als 500.000 €. (kbo)
Auch der Rechtsanwalt des betroffenen Geschäftsführers, Dr. Walter Scheuerl von der Kanzlei Graf von Westfalen, erklärt, dass die Vorwürfe zur Art und Weise der Nottötung von Ferkeln sehr ernst genommen würden. Er weist aber „die im Übrigen erhobenen falschen und unberechtigten Darstellungen zurück“. Ein nicht-begleiteter Geburtsvorgang stelle eine Ausnahmesituation dar, die sich aber letztendlich nie ganz ausschließen lasse, so der Anwalt.

Behörden haben nicht beanstandet

Wie darüber hinaus mit den Haltungsbedingungen in der Bucht umzugehen ist, die dazu führten, dass Ferkel in Kotschlitzen verendeten, muss sich aber noch herausstellen. Da sind noch Verantwortlichkeiten zu klären. Laut QS-Checkliste gehört zu den Basiskriterien eine Spaltenbreite bei Saugferkeln von maximal 11 mm. Auf die Kotschlitze am Ende der Stallfläche sind indes nicht die Maße der eigentlichen Spalten anzuwenden.

Bei einem Sonderaudit des nach QS zertifizierten Betriebes am 4. Juni 2017 ist die Reinigungslücke auch nicht beanstandet worden. „Auch das Veterinäramt hat die Reinigungslücke in den 15 Jahren, seit es den Betrieb unserer Mandantin gibt, nie beanstandet“, erklärt Scheuerl. Dennoch wurde jetzt veranlasst, dass die Reinigungslücke in der Abferkelphase abgedeckt werde, sodass ausgeschlossen werden könne, dass sich dort noch einmal ein Ferkel einklemme.
stats