Foodwatch

NGO kritisiert „Kindermarketing“


Eine neue Veröffentlichung der Verbraucherinitiative Foodwatch wirft der Lebensmittelindustrie (mal wieder) Untätigkeit vor. Die gestern gemeinsam unter anderem mit der Deutschen Adipositas Gesellschaft vorgestellte Studie widmet sich der Selbstbeschränkung bei Werbung für Kinder. Die Nichtregierungsorganisation (NGO) bezieht sich dabei auf das sogenannte EU-Pledge. Zahlreiche Lebensmittelunternehmen hatten sich 2007 darin verpflichtet, keine Produktwerbung an Kinder unter 12 Jahren und keine Produktkommunikation in Grundschulen zu veranstalten.


Foodwatch wirft den Unterzeichnern nun vor, dass ihre Selbstbeschränkung wirkungslos sei. Denn die freiwillige Selbstverpflichtung verhindere nicht, dass ungesunde Lebensmittel an Kinder vermarktet werden. Damit kritisiert Foodwatch zunächst einmal nur die Ausgestaltung des vor acht Jahren formulierten EU-Pledges.


Kritik an der Lebensmittelindustrie entsteht durch einen Vergleich mit Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die WHO hatte Anfang dieses Jahres Erkenntnisse zu ernährungsphysiologisch ausgewogenen Lebensmitteln zu Papier gebracht. Foodwatch kommt zu dem Ergebnis, dass von 281 getesteten EU-Pledge-Produkten 29 die WHO-Kriterien erfüllen. Das für eine Nachricht verwertbare Fazit der Studie lautet demzufolge: „Die Nährwertgrenzen des EU Pledge, wonach ein Produkt als ernährungsphysiologisch unausgewogen gilt, sind im Vergleich zu den Kriterien der WHO/Europa zu lasch.“


Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V. (BLL) beurteilt die von Foodwatch angefertigte Untersuchung demzufolge als unseriös und effektheischend. "Foodwatch verunglimpfe sichere und qualitativ hochwertige Lebensmittel aufgrund von Nährwertprofilen, die eine reine Empfehlung und keine verpflichtende Vorgabe darstellen, heißt es. So blieben die Autoren der Studie etwa die Antwort schuldig, warum 94 Prozent der Kinder in Deutschland nicht adipös sind, obwohl sie den gleichen medialen, gesellschaftlichen und gesetzlichen Bedingungen ausgesetzt sind, wie die sechs Prozent betroffenen adipösen Kinder.

Auch die deutsche Zuckerwirtschaft warnt vor dem „blindem Aktionismus, der Verbraucher in die Irre führen kann.“ One-Size-Fits-All Lösungen wie Grenzwerte, Rezepturänderungen oder Strafsteuern helfen nicht, Übergewicht und damit verbundene Zivilisationskrankheiten wirksam zu bekämpfen“, betont Günter Tissen, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker (WVZ).  

Rezepturänderungen sind kein Zaubermittel gegen Übergewicht. Der Hinweis „weniger Zucker“ sei oft Augenwischerei. Verbraucher brächten den Hinweis „weniger Zucker“ in der Regel mit weniger Kalorien in Verbindung. Aber genau das könne ein Irrtum sein. Denn gerade in festen Lebensmitteln werden Kalorien aus Zucker oft durch andere Kalorien ersetzt. Deswegen führe der Ersatz von Zucker auch nicht automatisch zu weniger Kalorien. (kbo)
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