Fleischmarkt

Nordamerika setzt aufs Borstenvieh

Markus Walti/Pixelio

USA und Kanada bauen Schweinebstände und Infrastruktur massiv aus. Rekorde werden erwartet.

Während für die Schweinefleischerzeugung in der EU ein Rückgang erwartet wird, stocken Farmer und Schlachtbetriebe in Nordamerika ihre Kapazitäten auf. Laut amerikanischem Landwirtschaftsministerium (USDA) wurden zum 1. September 73,55 Mio. Schweine gehalten; das waren 1,76 Mio. oder 2,5 Prozent mehr als im Vorjahr – und so viele wie noch nie bei einer Herbstzählung seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1964.

Zuwachs bei allen Schweineklassen

Dabei nahm die Zahl der Ferkel mit einem Gewicht von weniger als 23 kg im Vorjahresvergleich um 1,7 Prozent auf 21,57 Mio. zu. Bei den „Läufern“ mit einem Gewicht von 23 kg bis 54 kg wurde ein Plus von 1,8 Prozent verzeichnet, während der Bestand an schwereren Mastschweinen mit 3,9 Prozent auf 26,27 Mio. am stärksten wuchs. Moderater stockten die US-Erzeuger ihre Sauenherde auf: um 1,2 Prozent auf 6,09 Mio. Tiere. Zusätzlich nimmt die Produktivität der Sauen zu. Von Juni bis August 2017 wurden mit durchschnittlich 10,65 Ferkeln je Wurf so viele Tiere lebend geboren wie nie zuvor; das Ergebnis 2016 von 10,58 Ferkeln wurde um 0,7 Prozent übertroffen.

Kanadier stocken ebenfalls auf

Auch in Kanada wuchs die Schweineherde. Farmer hielten nach Angaben des Statistikamtes in Ottawa Anfang Juli 14,13 Mio. Tiere; 290 000 Schweine oder 2,1 Prozent mehr als 2016. Neben mehr Ferkeln, Läufern und Mastschweinen wurde auch dort der Sauenbestand aufgestockt, und zwar um 1,1 Prozent auf 1,28 Mio. Stück. Zusammen mit der ebenfalls höheren Sauenproduktivität wurde der Grundstock für höheres Schweineaufkommen bis weit in 2018 hinein gelegt. 
Ruhende Schweine
-- , Foto: Markus Walti/Pixelio
Ruhende Schweine

Schlachtkapazität ebenfalls rapide erhöht

Begleitet wird dies in den USA von einer Erweiterung der Schlacht und Verarbeitungskapazitäten. Anfang September haben zwei neue Werke ihre Arbeit aufgenommen. Der in der Schweinehochburg Iowa gelegene Betrieb von Seaboard-Triumph Foods kann pro Schicht 12.000 Tiere verarbeiten; im Werk von Clemens Food in Michigan sind es 10.000. Im kommenden Jahr soll die erste Verarbeitungsstätte von Prestage Farms in Iowa mit einer Schlachtkapazität von täglich 10.000 Tieren ans Netz gehen. Teilweise ist auch ein Zweischichtbetrieb möglich, so dass sich laut Experten die Schlachtkapazität bis Ende 2018 um 10 Mio. Tiere vergrößern könnte.

Angesichts des expandierendem Bestands und der Verarbeitungskapazitäten geht die USDA davon aus, dass sich die US-Schweinefleischproduktion 2017 auf 11,72 Mio. t belaufen und das Vorjahresniveau um rund 408.000 t oder 3,6 Prozent übertreffen wird. Auch 2018 soll die Erzeugung um 3,4 Prozent auf 12,12 Mio. t. zulegen. Für Kanada schätzen sie den Zuwachs mit 2,4 Prozent auf 1,96 Mio. t in diesem Jahr und 2 Prozent auf 2 Mio. t im kommenden Jahr etwas geringer ein. Die Mehrproduktion wird in erster Linie in den Export gehen. Zwar nimmt der Inlandsverbrauch zu, doch dürften die US-Schweinefleischausfuhren 2017 gegenüber dem Vorjahr um 235.000 t auf 2,61 Mio t zulegen. Bis August 2017 konnte allein die Absatzmenge beim wichtigsten Kunden Mexiko um ein Fünftel auf 457.000 t gesteigert werden. Auch Verkäufe nach Japan und Kanada lagen leicht im Plus. Laut USDA die kanadischen Exporte 2017 gegenüber Vorjahr um 4,5 Prozent und 2018 um 5,1 Prozent auf dann 1,45 Mio. t anwachsen; das wären neue Rekordwerte. 

CETA hilft kanadischen Exporten

Zukünftig dürfte die EU für kanadische Exporteure wichtigerer werden. Im vorläufig in Kraft getretenen Freihandelsabkommen CETA wurde ihnen für Schweinefleisch eine bis 2022 ansteigende zollfreie Quote von 75.000 t Schlachtgewicht (SG) zugestanden, zu der sich die bisherige Zollquote von 5550 t SG addiert. Dem Dachverband der dänischen Land- & Ernährungswirtschaft zufolge könnte die Einfuhrmenge aus Kanada von wenigen tausend Tonnen bereits 2018 auf 30.549 t und 2019 auf 43.049 t steigen. In den vergangen Jahren lagen die EU-Schweinefleisch-Einfuhren je bei gut 30.000 t. Größter Lieferant war die Schweiz mit 20.000 t. Die den Kanadiern zugestandene Zollquote soll etwa 0,4 Prozent des Verbrauchs in der EU entsprechen. Die britische Absatzförderungsorganisation AHDB geht davon aus, dass die kanadischen Exporteure vor allem Teilstücke wie Schinken oder Schultern liefern werden, so dass deren Anteil am Verbrauch höher als die 0,4 % ausfallen wird. Zudem weist sie darauf hin, dass die Produktionskosten in Kanada rund 25 Prozent niedriger als in der EU würden, weshalb in anderer kaum größere Exporte zu seien. Lediglich für hochpreisige Tierwohlprodukte, erzeugt ohne Genfutter, Antibiotika und Wachstumsförderer, könne sich ein Nischenmarkt auftun. Die größere inländische Angebotsmenge und der Wettbewerb am Weltmarkt haben seit dem Sommer einen deutlichen saisonalen Abwärtstrend der Schlachtschweinepreise in den USA und Kanada eingeleitet.

Lebendnotierung abgestürzt

In den USA ist die Lebendnotierung in Iowa und Minnesota von 0,88 $/lb (1,65 Euro/kg) Anfang Juli auf 0,50 $/lb (0,94 Euro/kg) Anfang Oktober abgestürzt. Ähnliches galt für Kanada, und auch die Schweinepreise in Brasilien lagen deutlich unter EU-Niveau. Dies machte den hiesigen Exporteuren zu schaffen, die preislich nicht wettbewerbsfähig waren. „Wir erleben einen Wendepunkt auf dem Markt“, erklärt der Vorstandsvorsitzende der Schweinesparte von Danish Crown, Lars Albertse. Im Jahr 2016 seien die Preise durch ein niedriges Angebot in Europa angetrieben worden, jetzt steige die Versorgung wieder an, weshalb die Preise gedrückt würden. Das USDA ist für 2018 wenig optimistisch. Für 2017 erwarten die Analysten, dass Lebendschweine mit einem Muskelfleischanteil von 51 bis 52 Prozent im Schnitt mit 50 $/cwt (94 Euro/100 kg) abgerechnet werden; das wäre weniger als im Sommer, aber noch gut 8 Prozent mehr als 2016.
Im Jahr 2018 soll der Preis zwischen 46 $/cwt (86 Euro/100 kg) und maximal 50 $/cwt (94 Euro/100 kg) liegen; das wären im Mittel bei einem Ausschlachtungsgrad von 78 Prozent nur rund 115 Euro/100 kg SG. (alö)
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