Die Branche fürchtet um weiteren Betriebsmittelschwund
-- , Foto: Erich Westendarp/Pixelio
Die Branche fürchtet um weiteren Betriebsmittelschwund
Wenn Wirkstoffe demnächst neu zugelassen oder deren Genehmigung verlängert wird, müssen die Hersteller nachweisen, dass es sich nicht um endokrine Disruptoren handelt. Können die Hersteller das nicht, werden die Pflanzenschutzmittel automatisch verboten. 


Damit werden Schäden für das Hormonsystem mit den bisherigen Ausschlusskriterien gleichgestellt wie karzinogene, mutagene, reproduktionstoxische (CMR) Stoffe. Die EU-Kommission einigte sich gestern mit den EU-Mitgliedstaaten auf eine Definition für die endokrinen Disruptoren. Sie fußt auf der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Ein Stoff gilt als endokriner Disruptor, wenn:

  • er schädigende Wirkung für die menschliche Gesundheit hat
  • er eine endokrine Wirkungsweise aufweist
  • wenn eine Kausalbeziehung zwischen der schädigenden Wirkung und der endokrinen Wirkungsweise besteht

Wirkungen auf das Hormonsystem
1993 wurde erstmals eine Liste von Stoffen  bekannt gemacht. Endokrine Disruptoren sind sowohl natürlich vorkommende als auch chemische Stoffe, die die Funktion des Hormonsystems beeinflussen. Von der gestern verabschiedeten Regelung sind 26 Substanzen betroffen: 13 Herbizide, 9 Fungizide und 4 Insektizide. 2018 starten dazu weitere Forschungsprojekte mit einem Budget von rund 50 Millionen €. (kbo)
Wenn die EU-Mitgliedstaaten und das Europaparlament keinen Einspruch erheben, werden die neuen Kriterien für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln in einem halben Jahr angewendet. 

26 Wirkstoffe sind betroffen

Allerdings fehlen noch Leitlinien für Einzelheiten, etwa welche Tests vorgenommen werden müssen, um die Eigenschaft festzustellen. Die Europäische Lebensmittelbehörde (Efsa) und die Europäische Chemikalienagentur (Echa) arbeiten zurzeit an den Leitlinien, die letztendlich darüber entscheiden, wieviel Pflanzenschutzmittel zukünftig wegfallen werden. Die EU-Kommission geht bisher von 26 Wirkstoffen auf dem Markt aus, die das Hormonsystem schädigen. Betroffen sind vor allem Getreidefungizide. 

Industrie ist entsetzt

Die Pflanzenschutz-Industrie befürchtet den Verlust wichtiger Wirkstoffe. Die in Brüssel beschlossenen Kriterien werden nach Auffassung der europäischen Pflanzenschutz-Industrie in der Praxis keine verlässliche Unterscheidung in regulierungsbedürftige und harmlose Stoffe leisten. Sie befürchtet, dass nun abermals viele bewährte Pflanzenschutz-Wirkstoffe verloren gehen. „Die Pflanzenschutz-Industrie hat wiederholt darauf hingewiesen, dass die wenig spezifischen WHO-Kriterien für eine wissenschaftsbasierte Regulierung – die das EU-Pflanzenschutzrecht vorschreibt – untauglich sind“, erklärte IVA-Hauptgeschäftsführer Dietrich Pradt. Es sei jetzt an den Regulierungsbehörden, die verkorksten Kriterien so handhabbar zu machen, dass Landwirte ihre Ernte vor tatsächlich gefährlichen Stoffen weiter schützen könnten. 


Grüne sprechen von Politikversagen

Ganz in die andere Richtung argumentieren erwartungsgemäß Vertreter der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen und auch der europäische Verbraucherverband Beuc. Harald Ebner, Sprecher für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik und Nicole Maisch, Sprecherin für Verbraucherpolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen werfen den Bundesministern Schmidt und Hendricks "Versagen beim Schutz vor Hormongiften" vor. Die Kriterien würden so hohe Beweislasthürden für ein Verbot schaffen, dass kaum einer dieser Stoffe aus dem Verkehr gezogen werde. Das sei ein Geschenk an die Agrarchemie-Konzerne. In diesem Zusammenhang zeigen sich die Grünen-Politiker insbesondere von der Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) enttäuscht. (Mö/kbo)  
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