Ernährungsverhalten

Schulische Bildung kann nicht alles leisten


Das Wissen über eine gesunde Ernährung ist in der deutschen Gesellschaft unzureichend. Doch staatliche Reglementierungen wie beispielsweise zusätzliche Steuern auf Kohlenhydrate in Getränken oder Fett und Salz in verarbeiteten Lebensmitteln würden keine Wirkung auf den Gesundheitsstatus der Verbraucher bewirken, betonte Stefan Nießner, Präsident des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), heute in Berlin. Eine unausgewogene und damit krankmachende Ernährung sei vielmehr Folge unangemessener Verhaltensweisen, führte er auf der heutigen Mitgliederversammlung des BLL aus. Diesen könne nicht durch mehr Verboten und Vorschriften begegnet werden. Vielmehr könne nur eine lebensnahe Bildung besonders der nachwachsenden Generationen zielführend wirken. Unbedingt erhalten werden müsse die Freiheit der Verbraucher, über ihren Lebensstil selbst entscheiden zu können. „Dies ist Teil unseres freiheitlichen Gesellschaftssystems", unterstrich der BLL-Präsident.

Breiter Konsens

Sicher müssten Fragen der Ernährung auch Teil der schulischen Bildung sein, sagte Elfriede Ohrnberger, Berichterstatterin für Wirtschaftserziehung und Verbraucherschutz der Kultusministerkonferenz (KMK) der Bundesländer. Doch sei zu berücksichtigen, dass dies nicht zu Lasten des bereits bestehenden Fächerkanons geschehen könne. „Welche Fächer wollen wir streichen?", gab sie zu bedenken. Auch Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV), verwies auf Grenzen der schulischen Bildung. Die Schule dürfe nicht überfordert werden. Auch nannte er eine mangelnde Ausstattung der Schulen mit geeignetem Unterrichtsmaterial als Hemmnis für eine sinnvolle Unterrichtsgestaltung. Derzeit obliege es jeder einzelnen Lehrkraft, den Unterricht nach eigenen Vorstellungen „meist mit Materialien aus dem Internet" zu gestalten. Somit gebe es die Notwendigkeit, geprüftes und einheitliches Bildungsmaterial zu entwickeln.

Industrie in der Zwickmühle

Als Vertreter des Bundestagsausschusses für Ernährung und Landwirtschaft sieht Thomas Mahlberg (CDU) eine Aufgabe der Politik auch in der Elternberatung. Aufgrund veränderter gesellschaftlicher Strukturen insbesondere in den Familien sei ritualisiertes Verhalten wie gemeinsame Mahlzeiten und die Erörterung damit im Zusammenhang stehender Fragen zur Ernährungsbildung zu großen Teilen entfallen.

In der Ernährungsindustrie sieht der BLL-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff eine große Bereitschaft, sich in Bildungsfragen zur Ernährung stärker zu engagieren. Jedoch würden derartige Bemühungen immer wieder auf große Vorbehalte im öffentlichen Sektor und auch bei den Eltern stoßen. Zwar gebe es die Kompetenz in den Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft und auch die Möglichkeiten, diese in den Bildungsprozess einzubringen, gewünscht sei dies jedoch offenbar nicht, so Minhoff. (jst)
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