Positionspapier

Veterinäre wollen Tierhaltung grundlegend ändern

Die Bundestierärztekammer (BTK) will die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung überprüfen lassen. In einem Mitte September verfassten Positionspapier plädert die Berufsvertretung der Veterinäre dafür, die Verordnung neu zu regeln. Konkret geht es den Tierärzten vor allem um den Ausstieg aus der Kastenstandhaltung, mehr Kontrolle und mehr Genehmigungsverfahren. „Änderungen sind nicht nur politisch und gesellschaftlich gewollt und gefordert, sondern unbestritten notwendig", erklärt BTK-Präsident, Dr. Uwe Tiedemann.

Mehr Sozialverhalten für die Sau

Die BTK lehnt die Haltung von Sauen in Kastenständen sowohl im Deckzentrum als auch im Abferkelbereich "aus tierschutzfachlichen Gründen" ab. In ihrer Ablehnung bezieht sich die Kammer auf Stellungnahmen des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) und der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT). Als besonders bedenklich wird angesehen, dass die Sauen während der Zeit im Kastenstand fast keine Möglichkeit zu Sozialverhalten hätten, sodass Verhaltensauffälligkeiten wie Stangenbeißen oder Leerkauen auftreten würden. Auch wird eine erhöhte Entzündungsgefahr durch die unausweichliche Nähe zum Kotbereich gesehen und auf körperliche Schäden infolge der eingeschränkten Bewegungsfreiheit hingewiesen.

Die Veterinäre beklagen darüber hinaus in ihrem Positionspapier, dass Ställe und Einrichtungen ohne vorherige Prüfung auf das Tierwohl auf den Markt gebracht werden könnten. Gefordert wird eine Art Stall-TÜV mit Tierwohl-Kriterien für serienmäßig hergestellte Stalleinrichtungen. Das gleiche soll auch für Betäubungsanlagen im Schlachthof gelten. 

Im Interesse der Veterinäre
Die Bundestierärztekammer vereint 17 Landes- /Tierärztekammern in
Deutschland. Sie vertritt rund 40.000 Tierärzte, Amtsveterinäre und Wissenschaftler gegenüber Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit auf Bundes- und EU-Ebene.


Genügend Tierwohlindikatoren vorhanden

Darüber hinaus soll eine Tiergesundheitsdatenbank geschaffen werden. Denn den Veterinären zufolge gibt es bereits heute genügend Indikatoren, die Aussagen über Tierwohl und Tierschutz möglich machen. Sie müssten nur zentral erhoben werden. So sollen in dieses Register verbindlich Daten aus HIT und der Antibiotikadatenbank sowie aus Schlachttier- und Fleischuntersuchungen und von der Tierkörperbeseitigung einfließen. Diese Datenbank soll für die Eigenkontrolle der Tierhalter und im Rahmen der behördlichen Überwachung zur Verfügung stehen.

Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Abschaffung der Amputationen. Sowohl das Schwänzekürzen, die Enthornung und das Schnabelkürzen als auch die Kastration sollen untersagt werden. Wenn Eingriffe vorgenommen werden müssten, dann nur durch Tierärzte und nicht beispielsweise durch den Landwirt, so die Forderung. Auch wird eine Tierhaltung nur nach vorheriger Erlaubnis gefordert. Nutztierhalter müssten zunächst einen Sachkundenachweis- ähnlich ist es bereits im Pflanzenschutz geregelt - erbingen. Begründet wird diese Tierhaltungslizenz mit dem Erlaubnisvorbehalt des § 11 des Tierschutzgesetzes. 

Die Forderungen passen in die Stimmung der Zeit. Gestern erst wurde bekannt gegeben, dass der Berliner Senat per Normenkontrollklage die Vorschriften zur Schweinehaltung vom Bundesverfassungsgericht überprüfen lässt. (kbo)
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