Schlachtverbot

Viertes Bundesland zieht nach


Als viertes Bundesland, nach Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, hat Nordrhein-Westfalen eine Vereinbarung unterzeichnet. Damit will das Bundesland die Schlachtung trächtiger Rinder im letzten Trächtigkeitsdrittel vermeiden. Verschiedene Verbände, darunter auch der Deutsche Tierschutzbund, haben unterschrieben. Im selben Atemzug fordern die Tierschützer auch die noch fehlenden Bundesländer zum Handeln auf. Gleichzeitig sieht der Verband aber auch den Gesetzgeber in der Pflicht.

Als Reaktion auf den Vorstoß von Niedersachsen im Jahr 2015 hatte sich bereits die „Nordwestdeutsche Kooperation Gravide Rinder“ gegründet. Auch Bremen und Hamburg sind Teil dieser Kooperation und planen, die niedersächsische Einigung ebenfalls zu akzeptieren und umzusetzen. Die Kooperation plant außerdem, eine länderübergreifende Vereinbarung zu erstellen sowie Gespräche mit den anderen Bundesländern zu führen. Der Deutsche Tierschutzbund macht mit seiner Kampagne „Schlachtabfall?“ auch die breite Öffentlichkeit auf die Tierschutzproblematik aufmerksam.

„Es darf nicht sein, dass letztlich aus ökonomischem Zwang zehntausende hochträchtige Milchrinder in die Schlachtung gegeben und damit zehntausende lebensfähige Kälber brutal getötet werden“, sagt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. Bisher sieht das Tierschutzgesetz vor, dass eine trächtige Kuh im letzten Monat ihrer Tragezeit nicht mehr transportiert werden darf. Die Bundesregierung prüft zurzeit ein Abgabeverbot für hochträchtige Rinder am Schlachthof als Reaktion auf die Diskussion. Das Schlachten soll so auf „unvermeidbare Ausnahmefälle“ beschränkt werden. Diese sind nach Aussagen von Landwirten auch nötig. Denn hochansteckende Tiere würden sonst die ganze Herde gefährden. Auch Verletzungen, die so gravierend sind, dass das Muttertier die Kalbung nicht mehr überleben kann, führten dazu, dass ein trächtiges Tier geschlachtet werden muss.

Unterschiedliche Zahlen sind im Umlauf

Unklar ist, wie viele Tiere wirklich betroffen sind. Im Umlauf ist eine geschätzte Zahl von jährlich bis zu 180.000 trächtigen Kühen, die auf einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2010 von Prof. Katharina Riehn beruht, die an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg forscht. Laut Studie kann der Anteil tragend geschlachteter Tiere im Bezug auf die Gesamtzahl weiblicher Rinder bis zu 15 Prozent betragen. Gegenüber der agrarzeitung (az) erklärte Riehn bereits, diese Zahl könne jedoch nicht verallgemeinert und aufgrund der begrenzten Zahl an besuchten Schlachtbetrieben nur eingeschränkt extrapoliert werden. Zudem sei der Umfang der Stichprobe gering. Seit Februar 2015 wird daher im Rahmen des „Sign“-Forschungsprojekts ermittelt, wie viele trächtige Tiere betroffen sind. Das Projekt wird vom Bundesagrarministerium für zwei Jahre gefördert und von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) koordiniert. Der Verband der Fleischwirtschaft (VDF) ermittelt eigene Daten: Trächtig im letzten Drittel waren 0,72 Prozent der an den VDF gemeldeten Tiere. Das entspricht 3.800 von 433.000 Tieren für den Zeitraum zwischen Mitte März und August 2015.

Der Deutsche Tierschutzbund fordert neben einer verpflichtenden Trächtigkeitsuntersuchung vor dem Transport zum Schlachthof ein nationales und EU-einheitliches Schlachtverbot für trächtige Tiere. Auch sollte ihr Transport, zumindest ab dem zweiten Trächtigkeitsdrittel vermieden werden, so die Tierschützer. (has)
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