Pflanzenschutz

Willkür prägt Umgang mit Statistiken

Im Mai haben viele Medien vor dem steigenden Pflanzenschutzmitteleinsatz gewarnt. So titelte die Berliner Zeitung am 12. Mai „Über 34.000 Tonnen – Bauern spritzen immer mehr Pflanzengift“. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hat daraufhin die Zahlen untersucht und geschaut, was an der Warnung dran ist.

Tatsächlich schwankt die Menge der in Deutschland verkauften Pflanzenschutzmittel nach Angaben des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in den Jahren 2006 bis 2015 zwischen 30.000 und 35.000 t (siehe Grafik). Die Unterschiede sind überwiegend witterungs- und preisbedingt.

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Je nachdem, welchen Ausschnitt der Kurve man betrachtet, erhält man unterschiedliche Aussagen. Der Vergleich der Jahre 2009 (30.162 t) und 2015 (34.752 t) zeigt nach oben. Vergleicht man hingegen die Jahre 2008 (34.664 t) und 2014 (34.514 t), erhält man einen leicht negativen Trend. Und der wäre mit den neuen Zahlen aus 2016 – noch nicht in den obigen Meldungen enthalten - sogar noch stärker ausgeprägt, betonen die Statistiker des RWI. Denn die Aussagen des Industrieverbands Agrar (IVA) deuten darauf hin, dass der Absatz im Jahr 2016 um einiges niedriger als im Vorjahr war. Offizielle BVL-Daten liegen aber noch nicht vor.

Glyphosat, Armut, Trump
Die Aktion „Unstatistik des Monats" existiert seit 2012. Wissenschaftler am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) wollen damit auf Fehlinterpretationen von Daten hinwiesen. Das Spektrum ist vielseitig. Warnungen vor Glyphosat im Urin haben bereits zwei Mal die zweifelhafte Auszeichnung gewonnen. Die RWI-Fachleute analysieren darüber hinaus, ob die Armut in Deutschland wirklich auf einen Höchststand gestiegen ist oder ob US-Präsident Donald Trump sein Einreiseverbot für Muslime mit Fakten begründen kann. (db)
„Jede Zeitreihe, die zufällig um eine Konstante herum schwankt, hat, wenn man in einem Tal anfängt und auf einem Berg aufhört, einen positiven Trend. Und umgekehrt erzeugt man einen negativen Trend beim Start auf einem Berg und Ziel in einem Tal“, interpretieren die RWI-Statistiker die Absatzzahlen für Pflanzenschutzmittel: „So kann man sehr unterschiedliche Aussagen erzeugen, je nachdem welches Jahr man zum Vergleich heranzieht.“

Analogie zur Finanzbranche

Eine sehr willkürliche Auswahl von Zeitabschnitten beobachtet das Wirtschaftsinstitut auch in der Finanzbranche. „Die gleiche Methode – ein Tal auszuwählen und oben am Berg aufzuhören – wird auch gerne von Investmentfirmen verwendet, die bei potenziellen Kunden den Eindruck erwecken möchten, dass der Wert ihres Produkts stets nach oben geht“, beschreibt das RWI das Vorgehen, das sicher fast jedem bekannt ist. Die Essener Fachleute kommen zu dem Schluss: „Die Moral der Geschichte ist: lassen Sie sich immer die ganze Kurve zeigen.“ (db)
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