Die Landwirte in Sachsen betrachten mit zunehmender Sorge den Verlust von landwirtschaftlich nutzbarer Fläche. Brachliegende Flächen würden ignoriert und Bauern zu Mindestpreisen enteignet, lautet der Vorwurf vom sächsischen Landesbauernverband (SLB).

 
Auf der Uhr des Sächsischen Landesbauernverbandes ticken die Zahlen im Sekundenrhythmus: Sie zeigt den Flächenverbrauch an, dem das deutsche Bundesland aktuell unterliegt. "Landfraß" bezeichnet den seit Jahren nicht nur in Deutschland zu beobachtenden Vorgang von Bodenversiegelung und Umnutzung landwirtschaftlicher Flächen. 500 Millionen m2 Ackerland habe Sachsen in den letzten 20 Jahren dadurch verloren, klagte der Präsident des Sächsischen Landesbauernverbandes, Wolfgang Vogel, laut aiz.info auf der Landwirtschaftsmesse "agra 2019" in Leipzig. Um jeden m2 müsse gekämpft werden, "um alle ordentlich zu ernähren". Seit 1990 sei die landwirtschaftlich genutzte Fläche des Freistaats um 151.000ha auf 901.000ha geschrumpft.

Autobahnausbau gefährdet Grund und Boden

Alle Referenten der Veranstaltung zeigten sich vom Autobahnbau in Sachsen betroffen. Für den Vorstandsvorsitzenden der Agrargenossenschaft Pötzschau, Wolfram Rühle, ist es die A72, durch deren Ausbau seine Vereinigung 40ha Ackerland verloren habe. Zwar stimme man dem Ausbau zu, nicht aber "der Zwangsenteignung gegen Entschädigung". Diese liege bei 70 bis 90 Cent pro m2. "Der Bund enteignet zu Minimalpreisen, gleichzeitig verhökert das Land Sachsen Eigenland beidseits der Autobahntrassen zum Höchstgebot", klagte der Bauernvertreter. Soweit verfügbar, sollte Land gegen Land getauscht werden, so Rühle. Wo dies nicht möglich sei, müsse der Ausgleich zum Verkehrswert erfolgen.

Ersatz zum Verkehrswert

"Hier helfen nur wirtschaftliche Maßnahmen", sagt Rühle. Wenn der Verkehrswert für benötigte Flächen bezahlt werden müsse, würde man es sich überlegen, künftig Trassen weiter so großzügig in die Landschaft zu legen wie bisher. Auch die Agrargenossenschaft Radeburg hat Flächen an den Autobahnbau verloren: 8 Prozent der eigenen Landwirtschaftsfläche mussten der Autobahn nach Berlin weichen, berichtete Rüdiger Stannek von der Agrargenossenschaft. Sein Appell: "Wenn ihr anfangt zu bauen, müssen alle an einen Tisch, auch die Landwirte, damit Ausbaumaßnahmen so gestaltet werden, dass sie sinnvoll sind." Oft würden nämlich Flächen durch die Versiegelung zerstückelt. Dort, wo dann Unkraut wachse oder Müll abgelagert würde, könnte man aber Ausgleichsflächen anlegen, schlug Stannek vor.

Um den Landverbrauch zu minimieren, dürfe möglichst wenig Ackerland verbraucht werden, forderte er. Im Hinblick auf die globale Klimaveränderung und die zunehmende Trockenheit sagte Stannek: "Wir sind die zukünftige Kornkammer einer wachsenden Weltbevölkerung, wir haben die Verantwortung für die weltweite Ernährung."
Als weiteres Beispiel voranschreitender Bodenversiegelung nannte der Hauptgeschäftsführer des Sächsischen Landesbauernverbandes, Manfred Uhlemann, den auf sechs Fahrspuren vorgesehenen Ausbau der A4 Richtung Polen. "Die Lkw könnte man komplett auf die Schiene bringen, statt mit ihnen die Autobahn zu verstopfen", sagte er. "Die parken inzwischen auf der Autobahn, weil es zu wenige Parkplätze gibt." Uhlemanns Kollege Stannek erzählte von einem ha Agrarland, das an den Bau eines Parkplatzes verloren gegangen sei, auf dem Lkw über Nacht abgestellt würden.

Land ist zu billig

Neben der Zunahme des Verkehrs sind es Umwidmungen für die Wirtschaft, die den Agrariern Sorge bereiten. Uhlemann nannte den geplanten Industriepark Oberelbe südlich von Dresden, der auf 170ha "grüner Wiese" gebaut werden solle. Dabei würden südlich der sächsischen Landeshauptstadt Industrieflächen aus DDR-Zeiten nach wie vor ungenützt brachliegen. Zum für den Bau verwendeten Boden komme noch einmal so viel an Fläche, die als Ausgleichsfläche der Landwirtschaft entzogen werde.

Die vom Sächsischen Landesbauernverband vorgeschlagenen Maßnahmen sind vielfältig: Sie reichen vom Verbot der Widmung landwirtschaftlicher Flächen für Photovoltaik-Anlagen über die verstärkte Nutzung von Baulücken und Industriebrachen sowie eine konsequente Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene bis zur Abschaffung von Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen bei natur- oder klimaschutzdienlicher Inanspruchnahme von Flächen. Nur so könne das vom Land Sachsen selbst gesteckte Ziel des Verbrauchs unter 2ha pro Tag bis 2020 erreicht werden, heißt es seitens des Verbandes. Derzeit liege er noch beim doppelten Wert.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

stats