Ampel 2.0

Kampfansage an Fett, Zucker und Co.


Wissenschaftler fordern zuckerhaltige Getränke höher zu besteuern.
Rainer Sturm/Pixelio
Wissenschaftler fordern zuckerhaltige Getränke höher zu besteuern.

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft und andere Gesundheitsorganisationen empfehlen eine höhere Steuer auf Lebensmittel mit viel Zucker, Salz oder Fett. Die Ernährungsindustrie ist alarmiert.

Im Kampf gegen die Zunahme starken Übergewichts in Deutschland kann eine Staffelung der Mehrwertsteuer für Lebensmittel helfen. Das teilt die Deutsche Diabetes Gesellschaft am Dienstag mit und beruft sich auf eine Studie der Universität Hamburg, die sie gemeinsam mit anderen Gesundheitsorganisationen beauftragt hat. Berechnet wurden Ernährungsverhalten und Gewichtsentwicklung der Bevölkerung, wenn Obst und Gemüse gar nicht, ungesunde Lebensmittel aber höher als bisher besteuert werden. Das Ergebnis: Der Anteil stark übergewichtiger Menschen würde nicht weiter ansteigen, sondern sogar um zehn Prozent sinken.

System Ampel Plus

Konkret schlagen die Autoren der Studie das System „Ampel Plus“ mit einer folgender Maßen bestaffelten Besteuerung von Lebensmitteln vor: Die „grünen“ Lebensmittel Obst und Gemüse würden darin gänzlich von der Mehrwertsteuer befreit. „Normale“ und auf „gelb“ geschaltete Produkte wie Nudeln, Milch oder Fleisch würden weiterhin mit dem heute für die meisten Lebensmittel geltenden, ermäßigten Satz von 7 Prozent besteuert. Für „rote“ Nahrungsmittel wie Produkte mit viel zugesetztem Zucker, Salz oder Fett würde eine Mehrwertsteuer von 19 Prozent fällig. Das würde unter anderem Fertiggerichte, Chips oder Süßigkeiten betreffen.

„Die Studie zeigt, dass die Bürger durchaus mehr gesunde Lebensmittel kaufen wollen, bisher aber auch am Preis scheitern“, sagt der Ernährungsmediziner Prof. Hans Hauner von der Technischen Universität München. Hauner schlägt daher vor, den Steuersatz für die „besonders gesundheitsschädlichen Softdrinks wie Cola oder Fanta“ von heute 19 auf 29 Prozent zu erhöhen. Denn diese Getränke spielten eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von starkem Übergewicht. „Die Politik muss daher die Bedingungen schaffen, um eine gute Ernährung für alle zu erleichtern“, zitiert die Deutsche Diabetes Gesellschaft den CDU-Gesundheitspolitiker Ulf Fink, Vorsitzender des Vereins Gesundheitsstadt Berlin. Natürlich solle jeder selbst entscheiden, was er kaufe – günstige Preise erleichterten es dem Verbraucher aber, seine Gesundheit zu fördern, so Fink weiter.

Ernährungsindustrie beklagt Bevormundung der Verbraucher

Nicht gelten lassen wollen dies die Verbände der Ernährungsindustrie, Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) und Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE). „Was der Pharmalobbyverein Deutsche Diabetes Gesellschaft hier macht ist eine reine Bevormundung vor allem sozial benachteiligter Menschen, die auf Transferleistungen angewiesen sind. Diesen wird jetzt vorgeschrieben, was sie essen dürfen und was nicht - weil sie sich schlicht nicht mehr die komplette Lebensmittelvielfalt leisten können“, keilt Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer von BVE und BLL, zurück. Modellrechnungen könnten immer nur einen kleinen Teil der Realität abbilden, so Minhoff weiter, Prognosen zum menschlichen Verhalten seien deshalb „mit Vorsicht zu genießen“.

Auftraggeber der Studie

Die Studie wurde beauftragt und finanziert von: Deutsche Adipositas Gesellschaft (DAG), Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), Deutsche Diabetes Stiftung (DDS), diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe, Gesundheitsstadt Berlin e.V., Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland e.V. (VDBD), Universität Kiel.
Die Verbände bezeichnen die Aufteilung von Nährstoffen in „gesund“ und „ungesund“ und empfehlen statt ordnungspolitischer Maßnahmen eine „sachgerechte Aufklärung“. Neben der Ernährung würden nämlich andere Faktoren wie Stress und Bewegungsmangel eine bedeutende Rolle bei der Entstehung von Übergewicht spielen. „Deshalb sind nachhaltige Maßnahmen gefragt wie für jeden verfügbare Bildungs-, Sport- und auch Entspannungsangebote in Kita, Schule und am Arbeitsplatz“, so Minhoff.

Außerdem spielt die Industrie den Ball zurück in das Spielfeld des mündigen Verbrauchers: „Zutaten und Nährwerte sind auf allen verpackten Lebensmitteln klar und deutlich ausgewiesen, so dass jeder die Produkte miteinander vergleichen und eine informierte Kaufentscheidung treffen kann“, heißt es weiter von BLL und BVE.

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