Damals noch auf einem Podium: Nina Sehnke, ehemalige BDL-Bundesvorsitzende und DBV-Milchpäsident Karsten Schmal auf dem Deutschen Landjugendtag im Juni 2018 im nordhessischen Fritzlar.
BDL
Damals noch auf einem Podium: Nina Sehnke, ehemalige BDL-Bundesvorsitzende und DBV-Milchpäsident Karsten Schmal auf dem Deutschen Landjugendtag im Juni 2018 im nordhessischen Fritzlar.

Ein mittlerweile zurückgezogenes Positionspapier des BDL zur Anbindehaltung hat für reichlich Unmut gesorgt. Auch Köpfe sind gerollt.

Im Sommer 2018 sorgte ein Positionspapier des Bund der Deutschen Landjugend (BDL) zur Anbindehaltung für reichlich Ärger. In dem Positionspapier hatte sich dieser gegen die Zukunftsfähigkeit der Anbindehaltung ausgesprochen. Der BDL schlug eine Übergangsfrist von fünf Jahren bei ganzjähriger oder von 10 Jahren bei saisonaler Anbindehaltung vor. Das Vorpreschen des DBV-Nachwuchsverbands hat nicht jedem gefallen. Nach Veröffentlichung des Papiers sind Köpfe im BDL-Bundesvorstand gerollt. So mussten die damalige Bundesvorsitzende Nina Sehnke und der damalige stellvertretende Bundesvorsitzende Christoph Daun das Ehrenamt nach eigener Aussage "unfreiwillig" aufgeben. Das Positionspapier hat der BDL mittlerweile von seiner Homepage genommen.

Maßlos enttäuscht von den Kollegen

Hintergrund war ein Antrag auf Abberufung der beiden, der von den Landeslandjugendverbänden initiiert wurde. Der Vorwurf gegenüber Sehnke und Daun lautete, "bewusste Inkaufnahme einer Verbandsschädigung und inhaltliche Alleingänge", schildert Sehnke das Geschehen mit großer Enttäuschung. Über diesen Antrag sei in einer geheimen Wahl innerhalb einer außerordentlichen Bundesmitgliederversammlung abgestimmt worden, die ebenfalls aufgrund eines Antrags mehrerer Landeslandjugendverbände einberufen wurde. Die Mehrheit stand nun nicht mehr hinter dem Positionspapier, das laut Sehnke und Daun einstimmig verabschiedet worden war. Nina Sehnke und Christoph Daun sollten als Zuständige für Agrarpolitik zur Verantwortung gezogen werden. "Plötzlich hieß es vonseiten der übrigen Vorstandsmitglieder, man sei für das Positionspapier nicht verantwortlich gewesen. Die jetzige BDL-Vorsitzende Kathrin Muus hat jedoch seinerzeit sogar inhaltlich an dem Papier mitgewirkt."

Nina Sehnke ist enttäuscht von dem defensiven Verhalten der Verbände
Foto: Archiv
Nina Sehnke ist enttäuscht von dem defensiven Verhalten der Verbände


"Ich bin enttäuscht vom mangelnden Rückgrat der Kollegen und davon, dass der BDL nicht in der Lage war, proaktiv das Thema Anbindehaltung zu bearbeiten und den Ausstieg zu gestalten. Jetzt bearbeiten Politik und LEH das Thema und die Verbände sind wie so oft defensiv.“, sagt Sehnke gegenüber agrarzeitung.de. Vor Veröffentlichung des Positionspapiers sei im Bundesvorstand einstimmig darüber abgestimmt worden, berichtet Sehnke. "Vor Gericht wäre unsere Abberufung nicht haltbar gewesen, da die Abstimmung pro Veröffentlichung des Positionspapiers damals nachweislich einstimmig war. Wir hätten einen Freispruch erhalten."

Druck über seine DBV-Landesverbände ausgeübt?

Die Positionen von DBV und BDL lagen beim Thema Anbindehaltung auseinander. Der DBV und seine Landesverbände sehen die Anbindehaltung zwar auch als Auslaufmodell. Allerdings will der Bauernverband keine Fristen setzen. Es ist daher nicht auszuschließen, dass vonseiten der DBV-Landesverbände, die die Landeslandjugend finanziell unterstützen, Druck ausgeübt wurde.  „Wir haben keinen Einfluss genommen. Für einen Jugendverband, wie den BDL, ist es normal, sich ab und an anders als der DBV zu positionieren. Es erscheint mir allerdings ein drastischer Schritt, den Vorstand wegen eines Positionspapiers abzuwählen. Offenbar war doch mehr im Busch", widerspricht Bernhard Krüsken, Generalsekretär beim Deutschen Bauernverband.
Kritische Sicht vermisst
Das Positionspapier des BDL wurde im August 2018 veröffentlicht. Damals teilte der BDL mit, es mangele vielen Betriebsleitern an einer kritischen Sicht bezüglich der Zukunftsfähigkeit ihres eigenen Betriebes. Die Anbindehaltung sei nicht mehr zeitgemäß. Landwirte seien gefordert, "sich mittelfristig Gedanken zu machen". Es ginge dabei um die Frage, wo diese ihren Betrieb in fünf oder zehn Jahren sehen. Statt zuzusehen, wie die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Haltungsform weiter sinkt, müsse schleunigst gehandelt werden, mahnte der Jugendverband. „Nur so lässt sich einem drohenden Abnahmestopp von Milch aus Anbindehaltung durch den Lebensmitteleinzelhandel zuvorkommen“, ließ sich der damalige und mittlerweile abgewählte stellvertretende BDL-Bundesvorsitzende Christoph Daun zitieren.

Der Vorwurf mangelnder Kommunikation und schlechter Informationsweitergabe von Nina Sehnke und Christoph Daun gegenüber den Landeslandjugendverbänden steht im Raum. Der Vorsitzende der Landeslandjugend in Westfalen-Lippe, Stefan Schmidt, der mittlerweile auch das Amt des stellvertretenden Bundesvorsitzenden ausfüllt, beschreibt es so: "Es gab mehrere Gründe für die Abwahl, allerdings wollen wir darüber Stillschweigen bewahren. Das Positionspapier hat das Fass zum Überlaufen gebracht."

Erneuerungsideen gescheitert

Der abgewählte Christoph Daun, der damals auch die Arbeitskreise auf Bundesebene leitete, beteuert aber, dass Vertreter der Landeslandjugendverbände in verschiedenen Arbeitskreisen inhaltlich an dem Positionspapier zusammengearbeitet hätten. Sogar DVB-Milchpräsident Karsten Schmal habe an einer Arbeitskreissitzung teilgenommen und sei im Bilde gewesen.

Christoph Daun wollte die DBV-Gremien öffnen.
Archiv
Christoph Daun wollte die DBV-Gremien öffnen.

Daun, der sich sehr für eine Verjüngung innerhalb des Deutschen Bauernverbands eingesetzt hat, vermutet, dass sein Wille Diskussionen anzustoßen, um Dinge zu erneuern, einigen Verbandsmitgliedern sauer aufgestoßen ist. Als Beispiel nennt er Anträge auf Satzungsänderungen, die der BDL gegenüber dem DBV gestellt hatte. Darin ging es beispielsweise darum, den Kreis an möglichen Nominierten für den DBV-Vorstand auf Bundesebene zu erweitern. Bisher steht diese Position nur den DBV-Landesbauernpräsidenten zu. Dauns Anliegen war es, dass der Landesvorstand künftig auch andere Mitglieder, die er für fähig hält, berufen kann. "Ziel war es, dass auch jemand jüngeres und damit ist nicht unbedingt ein Junglandwirt gemeint, sondern auch jemand mit Mitte 40, der zuvor nicht unbedingt Landesbauernpräsident war, Verantwortung in Berlin übernehmen könnte." Daun ist genau wie seine ehemalige Kollegin Sehnke zutiefst enttäuscht vom Geschehen, "meine Motivation ein Ehrenamt zu übernehmen, hat gelitten."

Mittlerweile hat der BDL laut Daun das Verfahren zur Abstimmung über Positionspapiere geändert. Während dies vorher im Bundesvorstand möglich war, muss nun eine Bundesmitgliederversammlung einberufen werden, an der auch die Landeslandjugendverbände teilnehmen.





Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

stats