Architekturwettbewerb

Wie glückliche Schweine leben


Erster Platz: die "Schweinevilla"
Katharina Münch
Erster Platz: die "Schweinevilla"

Studenten haben sich darüber Gedanken gemacht, wie ein Schweinestall aussehen könnte. Das Ergebnis: Nähe zum Tier, mehr Transparenz, mehr Möglichkeiten, um als Verbraucher selbst aktiv mitzuarbeiten.

Eine Villa mit Auslauf, ein Stall mit Pool, eine Dachterrasse – die innovativen Konzepte junger Architekten bieten alles, was das Schweineherz vermeintlich begehrt. Wie realistisch so manches Stalldesign ist, bleibt fraglich. Was jedoch deutlich wird: Es ist ein Gewinn für die Landwirtschaft, interdisziplinär zu arbeiten. Im Rahmen eines Architekturwettbewerbs „Saustall“ des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft (KTBL) und der Stiftung LV Münster entwarfen Architekturstudenten der TU Braunschweig, TU Darmstadt, TU München und der Universität Stuttgart Schweineställe. Völlig frei von reglementierenden Vorgaben sollten sie einen neuen Stall für 500 Mastschweine inklusive Schlachthof und Hofladen für den Betrieb Renfert-Deitermann in der Bauerschaft Gittrup in Münster designen.

Projekt schafft Nähe

Ziel des Projekts war es, interdisziplinäre Ansätze zu schaffen, um innovative Lösungen zu entwickeln. Diese Lösungen werden dringend benötigt, um aktuelle Herausforderungen zu meistern: Nutztierhaltung und Tierwohl werden kontrovers debattiert, die Perspektiven für die Zukunft sind ungewiss. Um neue Konzepte zu entwickeln, braucht es neue Sichtweisen. Querdenker waren hier ausdrücklich erwünscht. Nur wenige Studenten hatten vorher Berührungspunkte mit der Landwirtschaft. Im Vorfeld wurde deshalb ein dreitägiger Workshop organisiert. Dabei diskutierten die angehenden Architekten mit jungen Landwirten und Stallbauexperten. Den Studenten wurde ein Einblick in die Vielfalt und Komplexität der Landwirtschaft geboten, die Landwirte waren begeistert von den architektonischen Lösungen abseits der bekannten Standards. Ziel war ein möglichst artgerechter Stall, in dem Praktiker aber auch noch gut arbeiten können. Vergangenes Jahr wurden die Sieger gekürt, vor Kurzem überreichte Uwe Feiler vom Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung den Gewinnern die Preise. Die Entwürfe sind noch bis zum 5. März in Berlin im Aedes Architekturforum zu sehen.

Festgelegte Pfade verlassen

Die Grundrisse, Modelle und Lagepläne zeigen innovative Visionen der Zukunft. Was alle Konzepte eint, ist der Wunsch nach Transparenz und einer engeren Bindung von Mensch und Tier. Besonders der 1. Platz lebt von diesem Traum. Die „Schweinevilla“ strebt die Symbiose von Nutztierhaltung und Frei(zeit)fläche an. 21 Ställe werden hier gebaut, jeweils drei davon formen eine Insel mit dem Stall, den Auslaufflächen für die Schweine und Gemüseanbauflächen. Diese Flächen können die Verbraucher entweder pachten und selbst bewirtschaften oder selbst ernten. Umgeben sind die Schweine-Inseln von einer Parklandschaft mit Obstbäumen. Der Schlachthof mit Hofladen ist dem linearen Schlachtprozess nachempfunden und ermöglicht Einblicke für die Kunden.

Architekturwettbewerb: Schöner Wohnen für Schweine



Andere Vorschläge denken nicht nur die Ställe neu, sondern auch das Gesamtkonzept der Landwirtschaft. Platz 2 möchte aus dem Betrieb eine Kooperative machen. Das schaffe eine größere Produktbreite und ein größeres Einzugsgebiet. Die angehenden Architekten sehen darin ein großes Potenzial, sich auf dem Markt zu behaupten. Der Entwurf auf Platz 3 spielt mit der völligen Transparenz – genau das, was sich die Verbraucher wünschen. Der Stall bietet kompletten Einblick und ein Rundgang führt den Verbraucher auch zum Schlachthaus. Ein anderes Konzept entwickelt neue Möglichkeiten zur Freilandhaltung. Ein oft moniertes Problem von den Landwirten ist die Belastung der Weidefläche. Das lösen die Architekten mit einem Felderverbund um den Stall herum. Hier kann die Freilandhaltung mit Ackerbau und Brache reihum rotiert werden und schafft so die dringend benötigten Ruhephasen für das Land. Ein anderer Entwurf nutzt die Dachflächen der Ställe als Freilauffläche für die Tiere. Ein Stallkonzept plant sogar einen Pool für die Schweine ein.

Deutlich wird jedenfalls: Tierwohl geht auch anders als auf den festgelegten Pfaden. Die Architekten zeichnen eine zukünftige Landwirtschaft mit modernen Gebäuden, die aber gleichzeitig zum Ursprung zurückkehrt. Mehr Nähe zum Tier, mehr Transparenz, mehr Möglichkeiten, um als Verbraucher selbst aktiv mitzuarbeiten. Viele Stallkonzepte bieten einen kompletten Einblick von der Aufzucht über die Schlachtung bis hin zur Verarbeitung. Viele Entwürfe spiegeln auch den gesellschaftliche Diskurs wider, der sich eine geschlossenere Kreislaufwirtschaft auf den Betrieben selbst erhofft und eine niedrigere Tierzahl präferiert. Zudem ist der Wunsch nach einer aktiveren und lebhafteren Gestaltung der Umgebung für die Tiere deutlich sichtbar. Ob es dann am Ende ein Pool sein muss, bleibt dem Landwirt selbst überlassen.

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