Artensterben

Naturschützer fordern Systemwechsel


Auf landwirtschaftliche Kulturflächen angewiesen: die Grauammer
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Auf landwirtschaftliche Kulturflächen angewiesen: die Grauammer

Der grüne Politiker Martin Häusling diskutiert mit Wissenschaftlern und Naturschützern über einen Rückgang der Vogelbestände diskutiert. Zwar liege die Ursache nicht ausschließlich in der intensiven Landwirtschaft. Nichtsdestotrotz wird eine Agrarwende gefordert.

Forscher der Universität Exeter haben kürzlich Ergebnisse veröffentlicht, die einen Vogelschwund in Europa belegen. Besonders betroffen sind Vogelarten, die sich in Ackerlandschaften wohlfühlen. Vor diesem Hintergrund diskutierten am Dienstagabend Naturschutzexperten und Vogelkundler auf Einladung des Europaparlamentariers Martin Häusling (Bündnis 90/Die Grünen) im Museum Wiesbaden.

20 Prozent für den Naturschutz

Einig waren sich die meisten Diskussionsteilnehmer in ihrer Enttäuschung über die Lobbyarbeit der Bauernverbände. Häusling, der gerne polarisiert und konventionelle Arbeitsweisen verunglimpft, stellte den Podiumsteilnehmern, die allesamt engagiert für den Naturschutz eintreten, die Frage, ob es einen Systemwechsel brauche. Der Journalist Stephan Börnecke sprach sich unverzüglich gegen eine intensive Landwirtschaft aus. Er hatte zuvor Studienergebnisse zum Artenschwund vorgestellt, die unter anderem einen drastischen Rückgang der Grauammer, die sich in lichten Ackerbeständen wohlfühlt, belegen. Oliver Conz, Vorsitzender der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz, schlug vor, 20 Prozent der ackerbaulichen Fläche dem Naturschutz zu widmen: „Das können wir uns leisten, ohne zu verhungern", so der Vogelkundler und Umweltschützer.

Vorab klären, was man sich leisten darf

Diese Einigkeit ist außerhalb der Wiesbadener Diskussion nicht immer anzutreffen. So vertritt Dr. Friedrich Dechet, zuständig für Technik und Umwelt beim Industrieverband Agrar, erwartungsgemäß eine weniger radikale Position. Für ihn stehe an erster Stelle zu klären, wie viel Produktionsminderung sich Deutschland leisten kann, erklärte er auf Anfrage der agrarzeitung. Er gibt zu bedenken, dass in diesem trockenen Jahr weniger Weizen geerntet wurde, als es dem Bedarf entsprach. Würden ähnliche Jahre folgen, wäre die Lage nicht mehr so entspannt wie derzeit. Die Lösung müsse ein Kompromiss sein. Derzeit werde mit weiten Reihen und dünner Saat in Winterkulturen experimentiert. Dechet hält es für möglich, dies auf 60 Prozent der Fläche umzusetzen. Für zentral hält er, vorher festzulegen, welche Vogelart geschont werden soll. Rebhühner und Lerchen mögen Brachen, während die Grauammer tatsächlich auf landwirtschaftliche Kulturflächen angewiesen ist. Mit gezielten Maßnahmen wie Steinhaufen, die Reptilien und Amphibien lieben, Totholzhaufen oder Abbruchkanten an Bächen, wo Wild- und Sandbienen brüten, könne man schon viel tun.

Wissenschaftler erkennt Arbeit von Hobby-Forschern als wichtig an

Ein weiterer Teilnehmer der Podiumsdiskussion, der stellvertretende Direktor des Senckenberg Forschungsinstituts und Naturmuseums Frankfurt, Prof. Andreas Mulch, hält die Wirkung der Krefelder Studie für einen Segen. „Ob Hobby-Entomologen hin oder her", sagte Mulch in Wiesbaden, sie hätten ein Problem, das Naturschutzexperten seit Jahren bekannt ist, in die breite Öffentlichkeit gebracht. Der Deutsche Bauernverband (DBV) hatte die Krefelder Studie nicht ernst genommen. Vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung wurde sie zur Unstatistik des Monats gekürt.

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