az-Interview: Prof. Albert Sundrum

„Das Label ist pseudo“

Prof. Albert Sundrum ist Fachbereichsleiter Tiergesundheit und Tierhygiene an der Universität Kassel.
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Prof. Albert Sundrum ist Fachbereichsleiter Tiergesundheit und Tierhygiene an der Universität Kassel.

Das geplante staatliche Tierwohl-Label ignoriert mit seinen Kriterien zentrale Probleme. Die Politik tabuisiert den Kern des Konflikts in der Tierhaltung. Das sagte Prof. Albert Sundrum von der Universität Kassel, am Rande des 5. Zukunftsdialogs Agrar & Ernährung von agrarzeitung (az) und Die ZEIT diese Woche in Berlin.

agrarzeitung: Die vorgeschlagenen Kriterien für das staatliche Tierwohl-Label sind aus Ihrer Sicht untauglich. Warum?

Prof. Albert Sundrum: Das Bundesagrarministerium beschränkt sich im Wesentlichen auf haltungsbezogene Kriterien, die für das gesamte Tierwohl- und Tierschutzthema viel zu unterkomplex sind. Dabei ist seit langem klar, dass erhöhte Anforderungen an die Haltungsbedingungen nicht zu einer besseren Tiergesundheit  und somit auch nicht zu mehr Tierwohl führen.

Inwiefern?

Sundrum: Sehr viele Untersuchungen zeigen, dass man den Tieren zum Beispiel mehr Platz im Stall bieten kann, dadurch aber die Gesundheit nicht besser wird. Denn die Gesundheit hängt von sehr vielen Faktoren ab: von der Hygiene, der Fütterung, der tierindividuellen Gesamtbetreuung. Die Haltung steht dabei nicht im Vordergrund. Gesundheitliche Beeinträchtigungen sind das größte Hindernis für mehr Wohlbefinden. Die Komplexität des Themas kann man also nicht auf ein paar Quadratzentimeter mehr Platz oder  Beschäftigungsmaterial reduzieren.

Warum ist die Gesundheit der Nutztiere so oft beeinträchtigt: Was läuft aus Ihrer Sicht falsch?

Sundrum: Es liegt daran, dass viele Betriebsleiter aufgrund der Marktsituation nicht die ökonomischen Ressourcen und nicht die Anreize zur Verfügung haben, die sie benötigen, um allen Tieren das zu geben, was diese brauchen, um sich ohne Gesundheitsstörungen anpassen zu können. Die Gesundheitsstörungen signalisieren eine Überforderung der Anpassungsfähigkeit.

Was brauchen die Tiere?

Sundrum: Das, was das Tierschutzgesetz eigentlich vorgibt: eine den tierindividuellen Bedürfnissen angepasste Nährstoff- und Energieversorgung, Schutz vor krankmachenden Mikroorganismen durch Hygienemaßnahmen, angemessene Betreuung, und schließlich auch ausreichend Platz, um sich adäquat zu verhalten. Das ganze Umfeld in den Betrieben müsste sich folglich je nach Ausgangssituation verbessern. Aber das können die Betriebe unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht realisieren, weil der Markt es nicht hergibt.

Warum gibt der Markt es nicht her?

Sundrum: Weil die Rahmenbedingungen auf Kostenführerschaft und Export ausgerichtet sind. Das ist für mich der zentrale Konflikt. Dieser wird aber von den Hauptakteuren tabuisiert.

Wer kann den Konflikt lösen: Der Verbraucher, wie Bundesagrarministerin Julia Klöckner sagt, oder die Politik?

Sundrum: An einer Lösung müssen alle Beteiligten mitwirken. Dabei muss die Politik definitiv den ersten Schritt tun! Sie muss zunächst über ein Monitoring den Status quo hinsichtlich der Tierschutz- und Umweltschutzleistungen der einzelnen Betriebe erfassen. Dies erscheint als ein immenser Aufwand, was gern als Vorwand genommen wird, um untätig bleiben zu können. Dem widerspreche ich entschieden, weil es hierzu praktikable Lösungsansätze gibt, die bereits in Nachbarländern zum Einsatz kommen. Über ein Benchmarking der betrieblichen Tierschutz- und Umweltschutzleistungen wird die Orientierung gegeben, die für die Landwirte, den Handel und auch die Verbraucher so wichtig ist, und die ihnen derzeit fehlt.

„In der Landwirtschaft wird viel zu wenig kontrolliert, auch wenn die Bauernverbände reflexartig und ohne Nachweis das Gegenteil behaupten. “
Prof. Albert Sundrum, 
Was muss Ministerin Klöckner, was muss ihr Haus konkret ordnungspolitisch tun?

Sundrum: Sie muss unter anderem die Bundesländer endlich dazu bringen, die Einhaltung der bestehenden Gesetze zum Tier- und Umweltschutz angemessen zu kontrollieren, um unfairen Wettbewerb einzudämmen. In der Landwirtschaft wird viel zu wenig kontrolliert, auch wenn die Bauernverbände reflexartig und ohne Nachweis das Gegenteil behaupten. Dann brauchen wir vor allem das angesprochene Monitoring. Schließlich sollte das Ministerium daran mitwirken, ein ‚sowohl als auch‘ hinzubekommen, also einen Ab- und Ausgleich zwischen Ökonomie und Ökologie, zwischen Produktivität und Prozessqualitäten.

Ein Monitoring und Kontrollen alleine würden in der Praxis zunächst nichts ändern…

Sundrum: Das Monitoring wäre erst einmal geeignet, um zu wissen, wo wir dran sind und dann zu skalieren: Wo sind die guten, wo sind die mittleren, wo sind die schlechten Betriebe. Und auf die schlechten Betriebe muss sich die Politik dann fokussieren, denn bei den Guten ist ja zum Glück nicht so viel zu tun. Die Ressourcen müssen da hingelenkt werden, wo die Probleme sind.

Und da ist wieder die Politik gefragt…

Sundrum: Ja, da kann sie begleitend, unterstützend und durch finanzielle Anreize tätig werden. Aber sie muss tätig werden, und bisher verweigert sie sich.

Warum: Zu schwieriges Thema, zu unpopulär?

Sundrum: Es gibt in dem Sinne keine potente Lobby für die Gemeinwohlinteressen. Die Verbraucherverbände sind aus Kostenüberlegungen sehr zurückhaltend, auch wenn es momentan ein bisschen Bewegung gibt. Der Bauernverband möchte nicht, dass die Betriebe kontrolliert werden, die Lebensmittelindustrie hat kein Interesse an großen Veränderungen, sondern möchte Rohwaren preiswert einkaufen und Produkte in Form von eigenen Labeln platzieren. So gesehen ist für die Politik momentan nicht gut zu erkennen, bei welchen gesellschaftlichen Gruppen ein Gewinn an Wählerstimmen zu erwarten ist und wo sie welche zu verlieren droht.

Mehr zum Thema Tierwohl
In dem Bericht "Beurteilung von Tierschutzleistungen in der Nutztierhaltung" in der Zeitschrift "Berichte über Landwirtschaft" geht Prof. Albert Sundrum vertiefend auf die Thematik ein. Zudem widmet sich der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik in einer Sonderveröffentlichung von Juni 2018 der Fragestellung, wie eine gemeinwohloriente EU-Agrarpolitik nach 2020 aussehen könnte.

Ein staatliches Tierwohl-Label kann wirklich nichts bewirken?

Sundrum: Ein Tierwohllabel - so wie es bislang diskutiert wird - ist pseudo, da tut man so, als ob man etwas für die Tiere tut. Ein Label ist Kosmetik, insbesondere wenn es auf Freiwilligkeit basiert. Es hilft nur den Betrieben, die mitmachen. Und es machen nur die Tierhalter mit, die ohnehin schon bessere Bedingungen bieten, weil sie sich diese in der Vergangenheit haben leisten können. Ein Label schafft also klassische Mitnahmeeffekte. Es werden deshalb keine neuen Ställe gebaut.

Warum dann das ganze Gewese um ein staatliches Tierwohl-Label?

Sundrum: Mit dem Label versucht man, einen Deckel auf die Debatte zu legen und weigert sich, sie im Kern zu führen. Dabei müssten alle Akteure der Agrarwirtschaft, der -politik und der -wissenschaft viel tiefer in die Debatten einsteigen. Man müsste viel mehr ringen, viel mehr Streiten miteinander, damit die unterschiedlichen Perspektiven erst einmal transparent gemacht werden. Erst dann kann man schauen, wie man die einzelnen Perspektiven und Interessen zu einer möglichst großen Schnittmenge zusammenführt.

Interview: Stefanie Pionke


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