az-Wochenstart: Corona / Systemrelevanz/ Sichere Versorgung / Unternehmensbilanzen

Was wichtig wird: Leben auf Sparflamme


Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hält es für dringend erforderlich, die Branchenunternehmen über Liquiditätshilfen und Kurzarbeitergeld hinaus zu unterstützen.
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Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hält es für dringend erforderlich, die Branchenunternehmen über Liquiditätshilfen und Kurzarbeitergeld hinaus zu unterstützen.

Das Corona-Virusführt zum Stillstand im sozialen Miteinander, bundesweit gibt es Ausgangsbeschränkungen. Die Versorgungssicherheit treibt die Politik in Berlin und Brüssel um. Währenddessen Unternehmen versuchen, ihr Geschäft aufrecht zu erhalten und Bilanz zu ziehen.

Maßnahmen in der Ressortabstimmung

Auch in dieser Woche gibt es kein dringenderes Tema als die Eindämmung der Corona-Epidemie. Am heutigen Montag will sich das Bundeskabinett weiter damit beschäftigen, welche Maßnahmen noch ergriffen werden und möglicherweise in Gesetze gepackt werden müssen. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner fordert, die gesamte Agrar- und Ernährungswirtschaft als kritische Infrastruktur und damit als systemrelevant einzustufen – von der Urproduktion bis zum Einzelhandel. Damit will sie sicherstellen, dass die Lebensmittelkette von der Urproduktion bis zum Verbraucher funktioniert.

Ihre Forderungen unter anderen: Branchenunternehmen über Liquiditätshilfen und Kurzarbeitergeld hinaus unterstützen, auch über Hilfsprogramme der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW); flexible Transitregelunge für Saisonarbeiter, pragmatische Lösungen bei den seuchenhygienischen Vorschriften. Betriebsschließungen müssten im Krankheitsfall vermieden und unbürokratische Lösungen gefunden werden. Einen störungsfreien Warenverkehr verspricht sich die Ministerin auch von einer vorübergehenden Aufhebung des Sonntagsfahrverbots für Lebensmitteltransporte, einer Ausdehnung der Lenkzeiten und einer Anpassung der Lärmschutzvorschriften. Tiertransporte sollen an den Grenzen bevorzugt abgefertigt werden. Das Kabinett muss zügig entscheiden, welche der Maßnahmen am vordringlichsten ist. Dabei können sie auch nur auf Sicht fahren, da sich die Epidemie-Situation ständig verändert. Die Regierung wird darüber hinaus heute einen Nachtragshaushalt von 156 Mrd. € verabschieden. Es soll ein Stabilisierungsfonds für große Unternehmen eingerichtet werden. Direkte Zuschüsse gibt es für kleine Unternehmen.

Versorgungssicherheit im Vordergrund

Auch die EU-Minister sprechen nur noch per Videokonferenz.
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Auch die EU-Minister sprechen nur noch per Videokonferenz.
Auch in Brüssel rauchen den Ministern und den Beamten der EU-Kommission die Köpfe. Der EU-Agrarrat für diesen Montag ist abgesagt, auch die Vorstellung der Farm-to-Fork-Strategie wird auf den 29. April verschoben. Abgeordnete aus dem EP-Agrarausschuss hatten sich dafür eingesetzt, weil zurzeit ausreichende Beratungen über die Verminderung von Pflanzenschutzmitteln, Düngemitteln und Antibiotika nicht möglich seien – es gibt zurzeit Wichtigeres zu besprechen, nämlich die Versorgungssicherheit und die Arbeitsfähigkeit des Agrarsektors. Darüber beraten die EU-Landwirtschaftsminister am Mittwoch per Video-Konferenz. Denn erste Versorgungsengpässe zeichnen sich ab, wenn beispielsweise keine Saisonarbeiter kommen und Erdbeeren und Spargel ernten.

Einige Maßnahmen sind bereits besprochen worden. So sollen unter anderem Sonderspuren für Lkw für einen reibungslosen Transport von verderblichen Lebensmitteln und Lebendvieh sorgen. Auch die Antragsfrist für Direktzahlungen ist verlängert worden. So haben die EU-Mitgliedstaaten die Möglichkeit, ihren Landwirten statt dem Termin Mitte Mai den 15. Juni als Abgabedatum anzubieten.

Unternehmen ziehen Bilanz

Agrarkonzerne legen in dieser Woche ihre Bilanzen vor.
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Agrarkonzerne legen in dieser Woche ihre Bilanzen vor.
Am kommenden Donnerstag gibt Bayer Crop Science via Webcast Einblicke wie sich das Geschäft in Deutschland entwickelt und welche Innovationen Bayer Crop Science für deutsche Landwirte parat hat. Weltweit hat sich das Geschäft mit Pflanzenschutz und Saatgut positiv entwickelt. Im Geschäftsjahres 2019 stiegen Umsatz und Gewinn. Insbesondere das Geschäft in Latein-Amerika trug zur positiven Entwicklung bei. In Nordamerika hingegen nahm die Prozesswelle um Glyphosat weiter Fahrt auf. Diese Entwicklung wird auch auf der Hauptversammlung am 28. April ein zentrales Thema sein, dem sich Bayer-Chef Werner Baumann stellen muss. Aufgrund der Corona-Krise haben viele Konzerne ihre Hauptversammlungen verschoben, Bayer noch nicht. Ob Baumann entlastet wird, steht in den Sternen. Allerdings hat das Coronavirus inzwischen auch die USA voll erfasst. Vermittler Kenneth Feinberg geht inzwischen nicht mehr davon aus, einen Vergleich noch im März zu erreichen. Die Zeit für Baumann könnte knapp werden.

Ebenfalls am Donnerstag stellt Agravis seine Bilanz für das Geschäftsjahr 2019 via Internet vor. Belasten wird die Bilanz vor allem die empfindliche Geldbuße im Rahmen des Pflanzenschutzkartell-Verfahrens in Höhe von knapp 44 Mio. €. Für die Aktionäre bedeutet das: keine Dividende 2019. Denn das Unternehmen geht nach Abzug des Bußgelds von einem negativen Ergebnis vor Steuern (EBT) aus – zuvor hatten die Hannoveraner und Münsteraner ein positives EBT von rund 10 Mio. € erwartet. Für das Geschäftsjahr 2020 soll es aber wieder eine Dividende geben, denn die Liquidität des Unternehmens stehe nicht in Frage. Agravis will weiter in seinem Kerngeschäft wachsen, wenn auch eher konservativ.

Der Münchner Konzern Baywa veröffentlicht auch digtal am Donnerstag die ausführlichen Zahlen seiner Konzernbilanz 2019. Nach der vorläufigen Bekanntmachung knackt die grüne AG erstmals die Umsatzmarke von 17 Mrd. € und zahlt wieder eine Dividende. Als Treiber erweist sich die Sparte Baywa r.e.

Die Baywa hat ebenso eine Kartellstrafe zu verdauen in Höhe von knapp 69 Mio. €. Das Ergebnis wird laut Baywa nicht belastet, sondern durch Sondererträge aus verschiedenen Beteiligungsverkäufen vollständig ausgeglichen. Der Vorstand geht ungeachtet dessen weiterhin von einer Ergebnissteigerung 2019 im Vergleich zu 2018 aus“, heißt es seitens der Baywa.

Die grüne AG sieht sich durch das Bundeskartellamt mit Blick auf das Pflanzenschutz-Kartellverfahren unfair behandelt und hat das Kartellamt verklagt. Sie sieht die Chancengleichheit im Verfahren verletzt. „Wir sind unseren Aktionären gegenüber verpflichtet, diesen Weg zu gehen“, sagte dazu Baywa-CEO Klaus Josef Lutz. Juristen bezweifeln allerdings, dass der Behörde ein Fehlverhalten nachgewiesen werden kann und Schadensersatzansprüche gerechtfertigt sind.

Unterdessen tun die Agrarunternehmen alles Menschenmögliche, um ihre Mitarbeiter vor der Ausbreitung des Coronavirus zu schützen und auch um ihre Betriebstätigkeit weiterhin aufrechterhalten zu können.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Fachagrarwirt Schneider Michael
    Erstellt 19. November 2019 11:28 | Permanent-Link

    Also dieser geistig Verstaubten Agrarpolitik kann man nicht mehr weiterhelfen, Frau Klöckner hatte ich meine Ansätze zur Öko-Sozialen- Agrarwende vorgelegt, außer dummes Zeug kam nicht zurück.
    Deutschland sollte mehr für blühende Wiesen als Sojaersatz und fermentierte Futtermittel stehen, hier hat die deutsche Agrarfütterungsforschung nichts vorzuweisen, einfach nur Respektlos gegeüber der Schöpfung und Schöpfungswillen

  2. Armin Rathjen
    Erstellt 19. November 2019 18:02 | Permanent-Link

    Was wirklich wichtig wird?
    Zuerst wird es wichtig, wieder fair miteinander umzugehen!

    Leider ist die Fairness abhanden gekommen, wenn die "konventionelle" Landwirtschaft beschuldigt wird, nahezu alles falsch zu machen, sowohl in der Tierhaltung, als auch im Pflanzenbau, als auch in der Umweltpflege.
    Fairness ist abhanden gekommen, wenn die Bundesregierung aus einer größeren Anzahl von Grundwassermessstellen nur die "roten" nach Brüssel meldet, um den auf diese Weise entstandenen Eindruck von einer durchschnittlich schlechten Wasserqualität in Deutschland allein der Landwirtschaft anzulasten, als ob es keine anderen Eintragsquellen für Nitrat ins Grundwasser gäbe!
    Fairness ist abhanden gekommen, wenn man dem Pflanzenbauer vorwirft, dass er nicht die Biodiversität als oberstes Ziel hat beim Anbau von Kulturpflanzen auf seinem genau dafür bestimmten Ackerland.
    Fairness ist abhanden gekommen, wenn man in der Tierwohldiskussion nicht danach schaut, ob es den Tieren in dem jeweiligen Bestand gut geht, sondern stattdessen vereinfachende und nicht zielführende Kriterien zum Maßstab nimmt wie z. B. die Tierzahl pro Betrieb.

    Wenn wir hoffentlich bald die Kunst des fairen Umgangs wieder praktizieren, dann wird es wichtig, sich auf die Ziele einer gemeinsam zu tragenden Agrarpolitik zu besinnen. Meiner Ansicht nach sollte sie sich danach ausrichten, dass
    1. möglichst alle Menschen auf der Welt satt werden,
    2. der Preis für die Ernährung möglichst günstig ist bei guter Qualität und hoher Vielfalt der Nahrungsmittel,
    3. Boden und Umwelt durch die ldw. Produktion möglichst wenig belastet werden, dabei dauerhaft in ihrer Funktion und Leistungsfähigkeit erhalten werden,
    4. insbesondere der Klimawandel nicht durch eine geringe Flächenproduktivität des gewählten Produktionsverfahrens beschleunigt wird, sondern durch eine möglichst hohe Flächenproduktivität und durch Humusbildung (beides als Folge des gewählten Produktionsverfahrens) verlangsamt wird.

    So gesehen, kann das Ziel deutscher und europäischer Agrarpolitik nicht die "Ökologisierung der konventionellen Landwirtschaft" sein, wie es Herr Habeck einmal formulierte, denn die verzichtet auf Flächenproduktivität und garantiert auch nicht in jedem Fall höchstmögliches Tierwohl.
    Das Klima in der Welt wird nicht besser, wenn wir in Deutschland weniger produzieren und in der Folge entsprechend mehr Produkte im Ausland zur Bedarfsdeckung hergestellt werden. Im Gegenteil: Es ist anzunehmen, dass ein Produktionsrückgang auf unserem Ackerland sogar zur Waldrodung in anderen Ländern führt!
    Auch die Biodiversität steigt, insgesamt betrachtet, nicht, wenn man bei uns in Deutschland auf Ackerland etwas mehr Unkraut toleriert, aber im Gegenzug anderswo Flächen gerodet und/oder urbar gemacht werden, die vorher gar nicht beackert worden sind.

    Zu einem ganzheitlichen agrarpolitischen Ansatz gehört auch noch, nicht zu übersehen, wie sich die Anzahl der auf der Welt lebenden Menschen verändert. Mit dem angenommenen Anstieg der Weltbevölkerung durch höhere Produktionsleistung möglichst auch ohne weitere Entwaldung Schritt zu halten, das ist die größte Herausforderung, vor der die weltweite Landwirtschaft steht....

    ....UND DAS WIRD WIRKLICH WICHTIG.

  3. Schneider Michael
    Erstellt 20. November 2019 14:29 | Permanent-Link

    ?? zu wochenstart??

    Ich kann Herrn Rathjen, nur zusprechen: Durch mehr blühendes Grünland und fermentierte Futtermittel können wir nicht nur auf Sojaimporte verzichten, sondern auch noch auf 100.000 Hektar Futterfläche verzichten. Mehr Effizienz bringt die Gentechnik nicht auf den Weg.

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