Denkanstöße

Der frische Blick


Andreas Möller
Bild: David Ausserhofer
Andreas Möller

Andreas Möller kennt den Grabenkampf zwischen der Öffentlichkeit und den Bauern genau. Die Landwirtschaft habe heute die Rolle der Atomindustrie. Ein Umdenken in der Kommunikation wäre nötig.

Eine Kuh steht Kopf. Die Rotbunte ziert das Cover des neu erschienenen Buches Zwischen Bullerbü und Tierfabrik. Einen Wechsel der Perspektiven wünscht sich Andreas Möller generell, um die Entfremdung zwischen Landwirten und Verbrauchern zu überwinden. „Die Landwirtschaft ist zu wichtig, als dass wir sie noch länger zum Gegenstand ideologischer Grabenkämpfe machen dürfen“, lautet sein glühender Appell. Auf 235 Seiten begründet er, „warum wir einen anderen Blick auf die Landwirtschaft brauchen“.

Hauptberuflich ist Möller, Jahrgang 1974, Kommunikationschef eines mittelständischen Weltmarktführers im Maschinenbau. Zu seinem Arbeitgeber auf die Schwäbische Alb pendelt er, sein Privatleben mit Frau und zwei Kindern zentriert sich auf den Berliner Bezirk Weißensee. Was treibt den Mittvierziger an, neben verantwortungsvollem Job und ausgefülltem Familienleben Bücher zu schreiben? Und dann auch noch über ein solch ausgefallenes Thema? Wenn Möller gelegentlich vor Landwirten oder Landfrauen Vorträge hält, spürt er diese unausgesprochene Frage: „Wie kann jemand, der nicht aus der Landwirtschaft stammt, Verständnis für uns aufbringen?“ In der Tat lassen seine Studienfächer – Geschichte, Germanistik, Politik – eher befürchten, dass sich da wieder einer sein Agrarwissen aus Spiegel und Landlust angelesen hat und die Bauern als Umweltsünder und Tierquäler brandmarken wird.

Doch Möller weiß, wie er in Vorträgen das Eis bricht. Der gebürtige Mecklenburger angelt von Kindesbeinen an und erzählt gerne, wie sich der Zustand seiner Lieblingsgewässer bis heute verbessert hat, weil nicht mehr wie in den frühen 1980er Jahren unkontrolliert Gülle eingeleitet wird. Und er weiß auch, dass sich die meisten Verbraucher ein falsches Bild von der Landwirtschaft machen. „Sie träumen von Bullerbü und regen sich über Tierfabriken auf.“ Der Kommunikationsprofi empfiehlt einen frischen Blick. „Wir brauchen die Bereitschaft, anderen, positiven Geschichten über die Landwirtschaft zum Licht zu verhelfen.“

Doch der Weg ist steinig. Möller, der seine Doktorarbeit über den Widerstand der Deutschen gegen Naturwissenschaft und Technik geschrieben hat, glaubt, dass Landwirtschaft heute die Rolle einnimmt, die Kernkraft früher hatte. Vergleichbar sind für ihn damals wie heute die eindimensionale Betrachtung und die damit verbundene Ignoranz. Es heißt nicht mehr: „Der Strom kommt aus der Steckdose“, sondern: „Das Essen kommt aus dem Supermarkt“. Deutsche Verbraucher fordern zwar mehr Nachhaltigkeit auf dem Acker, mehr Tierwohl im Stall und gerechtere Löhne für Spargelstecher aus Osteuropa. Beim Einkaufen schauen sie aber nicht so genau hin. Möller weiß sehr wohl, dass der gesellschaftliche Wunsch nach einer intakten Natur vor allem einen emotionalen Kern hat. „Da drückt sich auch ein Unbehagen an der modernen Welt aus“, spannt der Politikwissenschaftler den größeren Bogen.

Bild: David Ausserhofer
Er ruft aber ebenfalls Landwirte auf, Entwicklungen in der Agrarbranche selbstkritisch unter die Lupe zu nehmen. Deutschland müsse, statt immer weiter auf die Hochleistungslandwirtschaft zu setzen, „Maß und Mitte wiederfinden“, lautet Möllers Credo. Für Mäßigung plädiert er allerdings auch an die andere Seite. Die ständige pauschale und oft ungerechtfertigte Kritik von außen zermürbe die Landwirte. „Damit verstärken wir bei den Bauern das Gefühl, aus der Gesellschaft ausgestoßen zu sein“, warnt der Kommunikationsexperte. Er glaubt zwar nicht, dass sich über Gespräche alle Konflikte lösen lassen. „Aber der Ton sollte anders werden“, sagt Möller. Für ihn geht es um Zukunftsthemen jenseits der Debatte um konventionelle oder ökologische Landwirtschaft. „Es scheint mir manchmal, als wären wir – bildlich gesprochen – ständig damit beschäftigt, über die Verschönerung von Fassaden eines Hauses zu debattieren, während das im Erdreich liegende Fundament stillschweigend ausgetauscht wird.“ Um das zu erkennen, muss mehr als die Kuh auf den Kopf gestellt werden. Anregungen für diesen „anderen Blick auf die Landwirtschaft“ liefert Möller mit seinem Buch reichlich. Einen Hashtag schlägt er auch schon vor. #Landwirtschaftneudenken könnte den Anfang machen.

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