Die Top Themen: Schlachter unter Druck, Bärischer Start ins Getreidewirtschaftsjahr, EU-Ratspräsidentschaft mit Handicaps

az-Wochenstart: Was Wichtig Wird


Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lektüre! Ihre Stefanie Pionke, Chefredakteurin der agrarzeitung (az). 

Stefanie Pionke (39) ist weitere Chefredakteurin der agrarzeitung.
Foto: Privat
Stefanie Pionke (39) ist weitere Chefredakteurin der agrarzeitung.


An diesem Mittwoch, dem 1. Juli, fallen so einige Startschüsse: Für die Fleischwirtschaft in NRW gilt eine neue Allgemeinverfügung zum Pandemieschutz. Das Getreidewirtschaftsjahr 2020/21 beginnt. Und Deutschland startet seine halbjährige EU-Ratspräsidentschaft – in einem schwierigen Umfeld.

Krisenherd Fleischwirtschaft: NRW zieht Daumenschrauben an

Foto: Imago Images / Steinach

Rückblende in die Vorwoche: Die Liste der Politiker, die Tönnies-Konzernchef Clemens Tönnies in aller Öffentlichkeit das Vertrauen mal mehr, mal weniger direkt absprechen, ist lang: Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von NRW; Hubertus Heil (SPD), Bundesarbeitsminister; Peter Altmaier (CDU), Bundeswirtschaftsminister; Karl-Josef Laumann (CDU), Arbeits- und Sozialminister in Nordrhein-Westfalen. Die Liste ließe sich weiter fortsetzen; selbst Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU), deren Kurs gemeinhin als industriefreundlich gilt, betonte auf dem Runden Tisch für die Neuausrichtung der Fleischwirtschaft, dass die Fleischbranche nach massenhaften Coronafällen (die gab es, wir erinnern uns, nicht nur, aber eben besonders ausgeprägt, bei Tönnies) „keine zweite Chance“ verdiene, weil diese nicht krisenfest sei. Die Konsequenzen: Tierwohlabgaben, Verbote von Werkverträgen und eine neue Allgemeinverfügung des Arbeits- und Sozialministeriums in NRW.

Letztere tritt an diesem Mittwoch in Kraft. Sie schreibt Schlacht- und Zerlegebetrieben im bevölkerungsreichsten Bundesland vor, ihre gesamte Belegschaft mindestens zwei Mal wöchentlich auf das Coronavirus testen zu lassen. Zudem werden die Unternehmen verpflichtet, die Adress- und Namensdaten sämtlicher Personen, die sich auf ihrem Werksgelände aufhalten, zu erfassen und vier Wochen aufzubewahren – damit die Behörden im Zweifelsfall dazu in der Lage sind, Infektionsketten schnell zu unterbrechen und nachzuvollziehen. Wir erinnern uns: Tönnies hatte den Krisenstab in Gütersloh damit verärgert, Personendaten schleppend und lückenhaft zu übermitteln, selbst als die Zahl der Corona-Infektionen am Stammwerk in Rheda-Wiedenbrück die 1.000er-Marke überschritt. CEO Clemens Tönnies begründete dies mit Datenschutz und mangelnder Verfügbarkeit, da die Personendaten in zahlreichen Fällen beim zuständigen Subunternehmer gelegen hätten. Denjenigen, die organisierte Verantwortungslosigkeit in den „Sub-sub-sub-Unternehmerstrukturen“ der Branche beklagen, hat Tönnies damit wohl kaum den Wind aus den Segeln genommen, geschweige denn das Argument entkräftet.

Davon einmal abgesehen, hat der Corona-Skandal bei Tönnies eine selten zuvor beobachtete Dynamik entfacht, mit der Politiker verschiedener Couleur die Branche auch mit ordnungsrechtlichen Mitteln (siehe Werkvertragsverbot) zum Umsteuern zwingen wollen. Wer dachte, die Agrarwende-Dabatte „gehe irgendwann von alleine weg“, ist spätestens jetzt eines Besseren belehrt. Wobei: Man weiß ja nie, wie stark sich Beharrungskräfte erweisen, wenn diverse Krisen wieder überwunden sein sollten. Auch in der Fleischwirtschaft selbst ist ein regelrechter Wettlauf des freiwilligen Werkvertragsverzicht zwischen den Unternehmen und einzelnen Teilsektoren entstanden. Ob dabei die Fleischwirtschaft selbst oder der Lebensmitteleinzelhandel am Drücker saß, ist die nächste Frage. Wie dem auch sei: Die Frage, wie es denn nun mit der Fleischwirtschaft weitergehen soll, wird sicher auch in dieser Woche weiterverhandelt. (Foto: Imago Images / Steinach)

Mähdrescher, marsch!

In Kitzen drehen die Mähdrescher in der Gerste die ersten Runden.
Foto: da
In Kitzen drehen die Mähdrescher in der Gerste die ersten Runden.

Das neue Getreidewirtschaftsjahr 2020/21 startet ebenfalls in dieser Woche, und zwar am Mittwoch. Schon vorher, am Dienstagabend, gibt das US-Agrarministerium seine vierteljährliche Flächenschätzung und die Ergebnisse seiner Befragung zu den Lagerbeständen bei Getreide- und Ölsaaten bekannt. Einige grobe Orientierungsmarken für 2020/21: Als bärisch, also preisdrückend, gilt die neue US-Maisernte, die riesig und rekordbrechend erwartet wird. Wie sehr sie dazu geneigt ist, die Preise zu drücken, darüber entscheiden auch der weitere Verlauf der Corona-Pandemie, die damit verbundene Futternachfrage aus der Tierhaltung und der Bioethanolkonsum in den USA mit. Denn die USA haben viele Coronafälle, ihre eigenen Epidemien in Schlachthöfen und damit eine geringere Fleischverarbeitung. Außerdem leidet in Rezessionen, so eine wirtschaftliche Binsenweisheit, allgemein der Fleischkonsum. Für den Weizenmarkt in der EU gilt als bärisch, dass Russland, vorbehaltlich der weiteren Trockenheitsentwicklung, wieder auf eine deutlich größere Ernte als im Vorjahr zusteuert und damit mehr Weizen exportieren kann – womöglich zulasten der EU. Entspannender Faktor dabei: Die EU wird wohl weniger Weizen einfahren, aufgrund von Trockenheit, hat also einen geringeren Exportüberschuss. Und am Ölsaatenmarkt bremst die Rezession das Aufwärtspotenzial für Pflanzenöl- und somit auch Rapspreise. Gibt es auch bullische Faktoren? Da bliebe die Trockenheit. Doch die kann nach Einschätzung von Analysten kaum größere Löcher in die gut gefüllten Silos fressen. (Foto: Daphne Huber)

EU-Ratspräsidentschaft unter deutlich erschwerten Bedingungen

Foto: Imago Images / Christian Ohde

Als ob Corona allein nicht schon genug wäre: jetzt überschattet auch noch die Coronakrise in deutschen Schlachthöfen die am Mittwoch beginnende EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands. Der EU-Sozialkommissar Nicolas Schmit kündigte via Spiegel an, Deutschland und andere Mitgliedstaaten wenn nötig per Richtlinie dazu zu zwingen, Saisonkräfte aus dem EU-Ausland fair zu behandeln. Außerdem sind neue Corona-Herde wie eben vom Tönnies-Schlachthof in Rheda-Wiedenbrück nicht dazu angetan, welt- und somit auch EU-weit herrschende Befürchtungen einer zweiten Pandemie-Welle zu zerstreuen. Zudem ist die deutsche EU-Ratspräsidentschaft auf agrarpolitischer Ebene gefordert, die zähen und stockenden Verhandlungen über die Reform der Gemeinsam Agrarpolitik (GAP) endlich in den Trilog und auf die Zielgerade zu führen. Da wollte schon die scheidende Ratspräsidentschaft Kroatien deutlich weiter sein, wurde aber von Corona ausgebremst. (Foto: Imago Images / Christian Ohde)

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