Die Top Themen: Allein unter Männern - Weltfrauentag in der Agrarwirtschaft, Auftakt im Superwahljahr

az-Wochenstart: Was Wichtig Wird

Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lektüre! Ihre Stefanie Pionke, Chefredakteurin der agrarzeitung (az).
Stefanie Pionke (39) ist weitere Chefredakteurin der agrarzeitung.
Foto: Privat
Stefanie Pionke (39) ist weitere Chefredakteurin der agrarzeitung.


Die neue Woche startet mit dem Weltfrauentag. Zeit, zu schauen, wie weit Agrarwirtschaft und -politik in Sachen Genderparität bereits gekommen sind. Die Woche endet mit den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Sie setzen den Auftakt im Superwahljahr 2021.

Allein unter Männern - Weltfrauentag in der Agrarwirtschaft

Foto: IMAGO/IPON

Am heutigen Montag, den 8. März, ist Weltfrauentag. Grund genug, sich einmal anzuschauen, wie es in der Agrarwirtschaft und -politik um die Frauenquote bestellt ist. Der Blick auf die Bundesländer zeigt: Von 16 Agrarressortchef:innen sind sechs Frauen. Auf dem Weg zur Parität herrscht folglich noch Aufholbedarf. Dafür ist Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) eine Frau. Historisch betrachtet, bildet Sie eine Ausnahme: Die Bundesrepublik hatte bislang 16 Agrarminister:innen, davon drei Frauen mit Klöckner, Renate Künast (Grüne) und Ilse Aigner (CSU). Nun könnte man argumentieren, mit der Besetzung dieses traditionell konservativen Ressorts durch die grüne Ministerin Künast sei der Diversität auf Jahrzehnte genüge getan, doch damit würde es sich selbst der konservativste und betonköpfigste unter den tonangebenden alten, weißen Männern zu einfach machen. Und bei der jungen, politisierten „Fridays for Future“-Generation wohl kaum Blumentöpfe gewinnen. Es sei denn, die Coronakrise sorgt für eine Renaissance des Sicherheitsdenkens, Wertekonservativismus und somit einen restaurativen Backlash, was sich noch zeigen muss.

Doch nun zur Wirtschaft, und zunächst zur agrochemischen Industrie: Die BASF SE hat einen siebenköpfigen Vorstand, darin – Achtung, Trommelwirbel – eine Frau, nämlich Saori Dubourg. Ähnlich divers sieht es bei der Bayer AG aus. Hier ist Sarena Lin, zuständig für Talent und Transformation, ebenfalls allein unter der liebenswerten Spezies der alten, weißen Männer. Crop Science, das Agrargeschäft, liegt bei Liam Condon in männlicher Hand. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Syngenta Group. Zwar genießen in der (Agrar-)chemie Frauen im Vorstand Seltenheitswert. Doch bei den Zuckerverarbeitern herrscht eine „boys only“-Kultur, man ist offenbar gerne komplett unter sich. Im vierköpfigen Südzucker-Vorstand befindet sich keine einzige Frau, das Vorstandstrio bei Nordzucker ist ebenfalls ein reiner Männerclub. Und im Agrarhandel? Gehen wir zur Baywa AG: Fünf Vorstände, keine Frau. Bei der Agravis ist Mann im Vorstand gerne unter seinesgleichen und teilt sich die vier Spitzenposten untereinander auf. Auch bei der RWZ in Köln besteht das Vorstandsduo rein aus Männern.

Bitte nicht ärgern, liebe Leser, alte, weiße Männer sind nicht per se etwas Schlechtes – doch etwas mehr Durchmischung tut jeder Organisation gut. Intellektuell hat man (und frau sowieso) vielfach verstanden: Gemischte Teams sind besonders leistungsfähig. Aber der Weg von der Erkenntnis zur praktischen Umsetzung ist bisweilen steinig. Außerdem braucht es in der gesamten Wirtschaft, vor allem in konservativen Branchen, noch ein bisschen Veränderungswillen – etwa, was Vereinbarkeit von Familie und Beruf angeht (häufig ein Bremsklotz für die Karriere, vor allem bei Frauen), flexibles Arbeiten oder das Führen in Teilzeit.

In der Coronakrise wurden hier gewissermaßen erste Veränderungen erzwungen. Möge die Erkenntnis, dass Erfolg nicht in allen Tätigkeitsfeldern an starre Arbeitszeiten und physische Präsenz im Unternehmen gekoppelt ist, von Dauer sein. Und die Einsicht, dass Mitarbeiter:innen ihre Jobs nicht schlechter machen, weil sie nebenbei ihrer Familie gerecht werden, ebenfalls.

Auftakt in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg

Foto: IMAGO / foto2press

Am Sonntag fällt in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg der Startschuss für das Superwahljahr 2021. In beiden süddeutschen Ländern wird ein neues Landesparlament gewählt zu Zeiten, in denen es auch agrarpolitisch jede Menge Zündstoff gibt. So ringen die Agrarministerinnen und -minister der Länder derzeit um die nationale Umsetzung der Reform der EU-Agrarpolitik (GAP). Auf Bundesebene wird über das Insektenschutzpaket beraten. Und last but not least gehen Landwirtinnen und Landwirte weiterhin gegen aus ihrer Warte überzogene Umweltschutzvorgaben und Dumpingpreise im Lebensmitteleinzelhandel auf die Barrikaden. Wer den Posten des Agrarressorts in einem neu gewählten Parlament übernimmt, hat folglich dicke Bretter zu bohren.
 
In Rheinland-Pfalz kümmert sich in der derzeitigen Ampel-Regierung die FDP um wirtschaftliche Belange der Agrarbranche im Wirtschaftsressort. In dem Bundesland herrscht frischen Erhebungen zufolge wenig Wechselstimmung in der Wählerschaft: Die Bürgerinnen und Bürger möchten mehrheitlich, dass die beliebte Landesfürstin Malu Dreyer (SPD) weitermacht. Ihrer Ampelkoalition mit Grünen und FDP stehen die Pfälzer dabei mehrheitlich kritisch gegenüber und wollen lieber eine rot-grüne Koalition in der Staatskanzlei. Wird der Wählerwunsch Realität, stellt sich die Frage nach der Ressortaufteilung: Bislang kümmern sich in Mainz das Wirtschaftsministerium und das Umweltministerium um agrarpolitische Belange, das Umweltministerium naheliegender Weise um die Agrarumweltpolitik. Ob es so bleiben wird? Dr. Volker Wissing, Wirtschaftsminister und somit auch zuständig für die Agrarwirtschaftspolitik, zieht es jedenfalls nach der Wahl endgültig aufs bundespolitische Parkett. Seine Staatssekretärin Daniela Schmitt ist Spitzenkandidatin der FDP im Landtagswahlkampf. Bleibt es bei der aktuellen Koalition und Ressortverteilung, würde sie künftig die wirtschaftlichen Geschicke der Landwirtschaft lenken. Doch das hängt davon ab, welches Wahlergebnis die FDP einfährt, und wie sich sonst die Mehrheiten verteilen. Denn danach wird sich entscheiden, ob Rheinland-Pfalz den Bürgerfavorit Rot-Grün, eine weitere Ampelperiode oder eine pragmatische GroKo bekommen wird. Letzteres will eigentlich niemand - zumal die Union wegen der Skandale um Schutzmasken-Provisionen einzelner Abgeordneter gerade Image-Turbulenzen durchläuft. Die Bauernverbände wissen derweil, was ihnen besonders wichtig ist: eine starke Förderung der einzelbetrieblichen Beratung, und, natürlich, tragfähige Lösungen in Sachen Pflanzenschutz und Biodiversität.

In Baden-Württemberg wünschen sich die Bürgerinnen und Bürger den Umfragen zufolge ebenfalls, dass der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) weitermacht. Ob die schwarz-grüne Koalition weitermachen darf, hängt davon ab, wie übel die Wähler der CDU die Schutzmasken-Affäre nehmen. In dem Bundesland hat bisher die CDU mit Minister Peter Hauk das Sagen im Landwirtschaftsministerium. Dass die Stimmung unter den schwäbischen und badensischen Erzeugern angespannt ist, zeigte die jüngste Traktorendemonstration vor dem Stuttgarter Landtag am Samstag. Ein Bündnis aus regionalen Gruppen der Initiative „Land schafft Verbindung“ (LsV), Bundesverband Deutscher Milchviehhalter und weiteren Bauern machte seinem Ärger gegen Insektenschutzgesetz und Düngeverordnung, Umweltauflagen im Allgemeinen und mutmaßliche Dumping-Importe durch ein Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten Luft. Zudem wünschen sich die wütenden Bauern eine Herkunftskennzeichnung auf Lebensmitteln, um die Vermarktung hiesiger Erzeugnisse zu stärken. Bemerkenswertes Detail am Rande: Der Landesbauernverband demonstrierte nicht mit. Die neue baden-württembergische Landesregierung wird es also mit einem explosiven Gemisch an Themen in der Landwirtschaft zu tun haben. Dabei ist das Land in Sachen Versöhnung von Landwirtschaft und Gesellschaft vorangegangen. In einem Bündnis aus Umweltschützern, Branchenverbänden und Politik ist das Biodiversitätsstärkungsgesetz hervorgegangen, das auf EU-Ebene als vorbildhaft gilt. Aber der konventionellen Agrarwirtschaft verlangt es viel ab, da es den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Schutzgebieten begrenzt und eine deutliche Ausweitung des Ökolandbaus fordert.
    stats