Die Top Themen: Schlachthof-Debakel reloaded, Farm2Fork, Neues vom Mars

az-Wochenstart: Was Wichtig Wird


Stefanie Pionke (39) ist weitere Chefredakteurin der agrarzeitung.
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Stefanie Pionke (39) ist weitere Chefredakteurin der agrarzeitung.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lektüre! Ihre Stefanie Pionke, Chefredakteurin der agrarzeitung (az)


Imagekrise in der Coronakrise? Covid19-Infektionen in Schlachthöfen werfen ein Schlaglicht auf Arbeitsbedingungen für meist ausländische Vertragsarbeiter. Am Montag will sich das Corona-Kabinett mit Werksverträgen in der Fleischwirtschaft beschäftigen. Außerdem stellt die EU-Kommission ihre Farm-to-Fork-Strategie vor, die auch eines bedeutet: weniger Dünger und Pflanzenschutz. Wer es da marktmäßig nüchtern mag, kommt durch den neusten Bericht des EU-Prognosedienstes MARS auf seine Kosten.

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PR-Desaster Arbeitsschutz

Das Thema Arbeitsschutz droht der Agrarwirtschaft so richtig um die Ohren zu fliegen. Am heutigen Montag will Bundesarbeitsminister Hubertuns Heil (SPD) im Corona-Kabinett voraussichtlich einen Vorschlag zum weitgehenden Verbot von Werkverträgen in der Fleischwirtschaft vorlegen. Der Grund: Bei Branchenriesen der Fleischwirtschaft wie Vion, Westfleisch, Wiesenhof oder Müller-Fleisch häuften sich Corona-Infektionen. Denn diese Unternehmen arbeiten bekanntlich gerne mit meist osteuropäischen Vertragsarbeitern zusammen, die an den Schlachtbändern stehen und häufig unter prekären Bedingungen über Subunternehmer angestellt sind. Zum Komplettpaket für zahlreiche dieser Arbeiter gehört, dass sie für ihre Einsatzzeit in meist beengten Verhältnissen in Gemeinschaftsunterkünften leben. Dort und auch an den Schlachtbändern selbst waren zuletzt die Abstands- und Hygieneregeln, die in der Coronakrise gelten, nicht einzuhalten. Die Konsequenz: Infektionszahlen steigen, Standorte schließen, regional wurden sogar Lockerungen der Corona-Auflagen für ganze Landkreise verschoben – so geschehen, weil auch die Häufungen von Corona-Fällen in Westfleisch-Werken dazu beitrugen, dass Infektionen kritische Marken überschritten. 


Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hat in den letzten Tagen und Wochen unmissverständlich klargemacht, dass er solche Vorkommnisse nicht mehr tolerieren möchte. Branchennahe PR-Experten weisen darauf hin, dass Gesundheitsschutz kein Schnickschnack ist, sondern ein Compliance-Thema. Dennoch kommt man nicht umhin, sich über die Krisenkommunikation der Branche zu wundern: Westfleisch klagte zunächst gegen die Schließung des Coesfelder Werks – erfolglos. Die Branche empört sich lauthals über das geplante Verbot von Werksverträgen; jüngste Massentests auf Corona bei Mitarbeitern in Fleischbetrieben hätten wenig neue Fälle ergeben. Und der Deutsche Raiffeisenverband (DRV) schließlich teilte in der Vorwoche auf Anfrage dieser Zeitung mit, Arbeitgeber müssten ihre Mitarbeiter dafür sensibilisieren, auch im privaten Bereich Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten. Das allerdings ist umso schwieriger, je beengter die Verhältnisse sind, unter denen Menschen wohnen.

Doch die Debatte über Arbeitsbedingungen ist kein Thema, das sich allein auf die Fleischwirtschaft als „Schmuddelkind“ der Agrarbranche abwälzen lässt. Das zeigen jüngste Berichte vom Spargelhof Ritter in Nordrhein-Westfalen im Bonner Generalanzeiger. Dort protestierten zumeist osteuropäische Erntehelfer über hygienisch fragwürdige Zustände in den Unterkünften, in denen sie dem Bericht zufolge zu vier bis sechs Personen in einem Zimmer untergebracht seien. Außerdem hätten sie zu wenig Lohn für den vergangenen Monat bekommen. Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) und die nordrhein-westfälische Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) reagierten mit der in solchen Situationen üblichen, öffentlichen Empörung – um den Schwarzen Peter gleich an die zuständigen Behörden weiterzureichen.

Kurzum: Das Thema Arbeitsschutz, Corona und Landwirtschaft dürfte auch in dieser Woche weitere Kreise ziehen – und möglicherweise Imagezugewinne, welche die Branche durch ihren Status als kritische Infrastruktur verbucht, ein Stück weit zunichtemachen. Der Vorstoß des Bundesarbeitsministers im Coronakabinett zum faktischen Verbot der Werksverträge ist das eine. Das andere, wann und in welcher Schärfe diese Pläne tatsächlich umgesetzt werden - ist die viel entscheidendere Frage. (Foto: Imago Images / Photothek)

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Ernte voraus: Neuigkeiten vom MARS

Das neue Getreidewirtschaftsjahr 2020/21 ist nur noch wenige Wochen entfernt. Da sind Ernteprognosen sowieso spannend. Das gilt umso mehr, wenn in weiten Teilen von Europa Trockenheit herrscht. Die neueste Bestandsaufnahme des EU-Prognosedienstes MARS, die für diesen Montag angekündigt ist, dürfte daher auf großes Interesse stoßen. Denn schon im Vormonat klangen die Aussichten vom Mars wenig verheißungsvoll: Westeuropa erlebte einen der trockensten Frühlingsanfänge seit 1979, hieß es von der Institution der EU-Kommission. Nach einem sehr nassen Winter habe es seit Mitte März fast nirgendwo mehr geregnet, stellten die Agrarmeteorologen des EU-Prognosedienstes MARS in ihrem April-Report fest. In weiten Teilen Polens, der Ukraine und Rumäniens herrsche bereits seit Ende des Winters Trockenheit. Erst am Freitag hat der Deutsche Raiffeisenverband seine jüngste Ernteprognose vorgestellt und darin die Aussichten auf die Weizenernte in Deutschland aufgrund trockener Böden, vielerorts unzureichender Niederschläge sowie – das hat mit dem Wetter nichts zu tun – einer geringeren Anbaufläche, gekürzt. (Foto: Imago Images / Panthermedia)

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Spotlight on „Farm-to-Fork”-Strategie

Am Mittwoch wird EU-Gesundheits- und Verbraucherschutzkommissarin Stella Kyriakides die „Farm-to-Fork“-Strategie vorstellen, den agrarpolitischen Teil der Klimaschutz- und Nachhaltigkeitsstrategie der EU-Kommission. Vor allem konservative Europaparlamentarier haben darauf gedrungen, die Präsentation dieser Strategie in den Herbst zu verschieben: In der Corona-Pandemie stünde die akute Krisenbewältigung an erster Stelle, so die Argumentation. Doch dieser Einwand dürfte zumindest in Teilen vorgeschoben sein: Die „Farm-to-Fork“-Strategie enthält nach allem was man bisher weiß bekanntlich Reduktionspläne für den Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln, Tierwohl-Vorgaben und sonstige Maßnahmen für eine nachhaltigere und klimafreundlichere Agrarpolitik in der EU. Ein Vorhaben, das in der Agrarwirtschaft auf Kritik stoßen dürfte.

Spannend ist unter anderem die Frage, in welchem Umfang der Einsatz von Dünger und Pflanzenschutz reduziert werden soll. Da hat sich Kyriakides bei ihrem jüngsten Auftritt vor dem Agrarausschuss im Europaparlament nicht in die Karten schauen lassen. Dass die Kommission den Zeitplan für die Vorstellung der Farm-to-Fork-Pläne nicht in den Herbst verschiebt, verdeutlicht die Priorität, welche sie trotz Coronakrise der Klima- und Nachhaltigkeitspolitik beimisst. (Foto: Imago Images / Ikon Images)

 

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