Die Top Themen: Corona, Post-Brexit-Lage, Bauern vs. LEH, Fleischatlas

az-Wochenstart: Was Wichtig Wird


Ich wünsche Ihnen ein frohes neues Jahr 2021 und viel Spaß bei der Lektüre! Ihre Stefanie Pionke, Chefredakteurin der agrarzeitung (az).

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Das Jahr 2021 beginnt mit einem Handelsvertrag nach dem Brexit, dem Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration und weiteren Krisengesprächen zwischen LEH und wütenden Bauern. Außerdem will der „Fleischatlas 2021“ zeigen, wieso die industrielle Produktion schlecht für Tier, Mensch und Umwelt ist. Das dominierende Thema dieser Woche wird jedoch der Lockdown sein.

Weiter im Bann von Corona

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Auch wenn der Jahreswechsel bei so manch einem Zeitgenossen die Hoffnung geweckt hat, nach dem Krisenjahr 2020 müsse es jetzt besser werden – noch hat die Corona-Pandemie das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben voll im Griff. Ganz in dem Sinne startet die erste Arbeitswoche im neuen Jahr 2021 direkt am Dienstag mit einer Beratungsrunde der Ministerpräsidentinnen und -präsidenten und dem Bundeskanzlerinnenamt darüber, ob und wie der seit Mitte Dezember geltende Lockdown verlängert werden wird. Die systemrelevante Agrarwirtschaft trifft dies zwar nicht unmittelbar, mittelbar aber durchaus: Bleibt die Gastronomie bis auf Bring- und Abholservice geschlossen, leidet der Absatz von Nahrungsmitteln über diesen Kanal. Schon im ersten, harten Lockdown von März bis Mai 2020 ein herber Schlag für den Verarbeitungskartoffelmarkt, da weniger Fritten verzehrt wurden. Bierbrauer und die vorgelagerten Wertschöpfungsstufen leiden ebenfalls. Für den ohnehin schon gebeutelten Schweinefleischsektor ist es außerdem eine schlechte Nachricht, dass Weihnachtsmärkte flachfielen, auf denen sich Bratwürste sonst hoher Beliebtheit erfreuen. Und diejenigen landwirtschaftlichen Betriebe, die sich mit Hofcafés ein weiteres Standbein aufgebaut haben, sind ebenfalls gekniffen.

Dass der Lockdown beim Bund-Länder-Treffen in dieser Woche verlängert wird, darüber herrscht nach allem was man bisher weiß kein Zweifel. Die Frage ist nur, wie lange: Wird der Lockdown bis zum 31. Januar, also drei Wochen, ausgedehnt – oder um 14 Tage? Dieses Thema wird die Nachrichtenlage zunächst dominieren – und auch das agrarwirtschaftliche Leben wird im ersten Jahresquartal an der einen oder anderen Stelle von Corona geprägt sein: Zum Beispiel findet die Internationale Grüne Woche, die sonst ab Mitte Januar das Geschehen in Berlin prägt, rein virtuell und verkürzt statt. Und die Eurotier in Hannover wandert ebenfalls in die digitale Sphäre. 

Scheidung nach dem Trennungsjahr

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Am Neujahrstag 2021 war der finale Bruch des Vereinigten Königreichs (VK) mit der EU endgültig besiegelt: Beschlossen wurde der Brexit bereits Ende Januar 2020; Ende des Vorjahres wurde an Heiligabend kurz vor Toresschluss ein Handelsabkommen geschlossen, um den Güter- und Warenverkehr zwischen dem VK und der EU zu koordinieren. Das VK tritt aus dem Binnenmarkt und der Zollunion aus; der Handel zwischen der Insel und dem europäischen Festland bleibt aber zollfrei. Das 1.250 Seiten starke Abkommen regelt zudem den Schutz von EU-Standards, zum Beispiel bei Agrarprodukten. Da diese überprüft werden müssen und das VK nicht mehr Teil der Zollunion ist, werden an den Grenzen auch ohne Zölle Kontrollen fällig. Das lässt Beobachter, unter anderem aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium, Verzögerungen im Warenverkehr durch Bürokratie befürchten. Aktuell gibt es Medienberichten zufolge zwar noch keine Staus an den Grenzen der Insel zum Festland. Aber manche Logistikunternehmen geben an, die Lage erst einmal zu beobachten und daher Frachten vorerst hinauszuzögern. Es bleibt also abzuwarten, wie geschmeidig sich die Handelspartner auf beiden Seiten des Ärmelkanals auf die neuen Prozedere einspielen werden.

Preisstreit zwischen Landwirten und LEH schwelt

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Am 30. Dezember 2020 konnten die Manager von Aldi und frustrierte Landwirte noch eine Art Waffenstillstand aushandeln. Zuvor war durchgesickert, dass der Discounter offenbar den Preis für Butter drastisch senken wollte; darauf hatten Landwirte im Nordwesten mit Traktorblockaden vor Lagern des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) reagiert. Beide Seiten sollen sich daraufhin auf eine geringere Preisreduzierung verständigt haben. In der letzten Jahreswoche gab es zudem eine Telefonkonferenz zwischen den Spitzen der Initiative „Land schafft Verbindung“ (LsV) und Aldi. Danach hatte Aldi nach Angaben des Discounters selbst und gemäß Informationen aus Landwirtskreisen angekündigt, Frischmilch nur noch von landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland zu beziehen und längere Kontraktlaufzeiten zu prüfen.



Für LsV sind diese Zugeständnisse allerdings nur „ein Anfang“, was darauf hindeutet, dass die Debatte weiterlaufen wird. Dafür gibt es auch schon erste Termine: Kommende Woche, am 13. Januar, lädt die niedersächsische Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) Vertreter aus LEH, Ernährungswirtschaft und Landwirtschaft an den Runden Tisch, um die Preisgestaltung für Lebensmittel zu diskutieren. Es bleibt also spannend und brodelt weiter unter der Oberfläche.

Wider den Fleischkonsum

Am Mittwoch wird er präsentiert, der „Fleischatlas 2021“. In der Publikation werden die Heinrich-Böll-Stiftung und der BUND mit der Art und Weise abrechnen, wie in Deutschland Fleisch produziert wird: „Klimaschädlich, unsozial und veränderungsresistent – trotz aller Skandale der letzten Jahre und des akuten Klimanotstandes ist in der globalen Fleischindustrie auch jetzt keine grundlegende Veränderung in Sicht“, stellen die Macher des Fleischatlas bereits vor dessen Publikation fest. Massentierhaltung, Höfesterben, Futterimporte und Pestizideinsatz würden „ungebremst“ voranschreiten. In der Grundtendenz schlägt der Atlas mit seiner Kritik also in die gleiche Kerbe wie schon in den Publikationen der Vorjahre. Neben „Daten und Fakten zu globalen sozialen und ökologischen Folgen, die der Hunger auf billiges Fleisch verursacht“, untersuchen die Autoren nach eigener Ankündigung auch die „pandemischen Risiken von Zoonosen“. Für die Fleischwirtschaft ist die Veröffentlichung des Atlas aus PR-Sicht kein Freudentag – und eine Verbindung von „Massentierhaltung und industrieller Fleischproduktion“ zu Pandemien kann derzeit aus imagetechnischer Sicht wirklich niemand gebrauchen. Ob eine Anwendung der Vorschläge der Borchert-Kommission für eine zukunftsfähige Nutztierhaltung, das seit Jahresbeginn geltende Verbot der betäubungslosen Kastration von männlichen Ferkeln oder der Ausstieg aus der Käfighaltung von Sauen in zugegebenermaßen recht gemächlichen Schritten den „Fleischatlanten“ der Zukunft die Spitzen nehmen wird, bleibt abzuwarten.

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