Die Top Themen: Ernte versus Gesundheit, Systemrelevant – na, und?!

az-Wochenstart: Was Wichtig Wird

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Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lektüre! Ihre Stefanie Pionke, Redaktion agrarzeitung. 

Die Coronakrise prägt die Agrarwirtschaft als systemrelevanten Wirtschaftszweig in besonderer Weise. Das ist ein guter Grund, ein erstes Zwischenfazit der Auswirkungen der Pandemie auf den Sektor zu ziehen. Und das fällt verhalten aus – nicht nur beim Deutschen Bauernverband. Unterdessen sind die ersten rumänischen Erntehelfer in Deutschland gelandet – begleitet von der Diskussion, ob wirtschaftliche Interessen gegen die gesundheitliche Sicherheit ausgespielt werden.

Friede, Freude, Erntehelfer?

Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) bei einem Pressestatement zur Ankunft der ersten Erntehelfer am Flughafen Frankfurt / Hahn.
Foto: BMEL/Grabowsky/Photothek
Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) bei einem Pressestatement zur Ankunft der ersten Erntehelfer am Flughafen Frankfurt / Hahn.

Die ersten Erntehelfer aus Rumänien sind bereits am Gründonnerstag am Flughafen in Frankfurt/Hahn gelandet. Eine Woche, nachdem sich Bundesinnen- und Bundeslandwirtschaftsministerium auf den Kompromiss verständigt haben, im April und Mai jeweils 40.000 Saisonkräfte aus Osteuropa trotz Corona-Pandemie einfliegen zu lassen, folgen den Worten also Taten. Das besitzt unter normalen Voraussetzungen im politischen System Seltenheitswert – aber die Voraussetzungen sind zu Corona-Zeiten nun mal nicht normal. Doch auch wenn sich Eberhard Hartelt, Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Pfalz Süd, stellvertretend für den Berufsstand erleichtert zeigt, dass Obst- und Gemüsebauern sowie Winzer nun doch auf eine halbwegs normale Erntesaison zusteuern, gibt es auch Kritik an der konzertierten Hilfsaktion der Ressorts Klöckner und Seehofer.

Friedrich Ostendorff, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, ließ am Wochenende Zweifel an der gesundheitlichen Sicherheit für die Erntehelfer erkennen: Die Umsetzung der ersten Sonderflüge für Saisonarbeitskräfte sei „skandalös und in jeder Hinsicht unverantwortlich“, rügt der Grünen-Politiker. Am Flughafen Cluj in Rumänien hätten rund 2.000 Erntehelfer dichtgedrängt auf den Abflug gewartet. Im Flugzeug selbst seien die Saisonkräfte ohne Sicherheitsabstände befördert worden. Auch den Gesundheitscheck bei der Ankunft in Deutschland geißelt Ostendorff als unzureichend im Sinne der Vorsorge zu Zeiten der Corona-Pandemie: Der Check, der aus Temperaturmessung und einem Fragenbogen bestehe, „bietet keinerlei Sicherheit, sondern gaukelt diese nur vor“, lautet sein vernichtendes Fazit.

Nun kann man Ostendorffs Aussagen als Einzelmeinung betrachten, doch die Diskussion, ob in Sachen Erntehelfer wirtschaftliche über gesundheitliche Interessen obsiegt haben, wird in den kommenden Wochen sicher weiter geführt werden. (Foto: BMEL/Grabowsky/Photohek)

Systemrelevant – na, und?!

Schweinehalter sind mit der aktuellen Agrarpolitik unzufrieden, können sich aber wenigstens über hohe Preise freuen.
imago images / CHROMORANGE
Schweinehalter sind mit der aktuellen Agrarpolitik unzufrieden, können sich aber wenigstens über hohe Preise freuen.

Die Agrarwirtschaft ist in der Coronakrise offiziell als systemrelevant erklärt worden. Doch hat die Branche etwas davon? Nicht wirklich, so die Aussage des aktuellen Konjunkturbarometers, das der Deutsche Bauernverband (DBV) am Wochenende veröffentlicht hat. Nach den Ergebnissen des „Konjunkturbarometer Agrar“ für den Monat März hat sich die Stimmungslage der deutschen Landwirte gegenüber Dezember zwar leicht erholt, fällt nach Darstellung des DBV aber weiterhin relativ niedrig aus. Dafür macht Bauernpräsident Joachim Rukwied neben der Coronakrise auch die Verschärfung der Düngeverordnung verantwortlich – wobei ersteres Ereignis, also die Coronakrise, deutlich plausibler der Höheren Gewalt zuzuordnen ist als die Verschärfung der Düngeverordnung, die Ergebnis jahrelanger, politischer Vogel-Strauß-Politik auf verschiedenen Ebenen und von verschiedenen Akteuren ist. Nun ja. Nach den Ergebnissen des Konjunkturbarometers fühlen sich 11 Prozent der repräsentativ befragten Landwirte von der Coronakrise in ihren Tätigkeiten eingeschränkt, aber ganze 26 Prozent wollen ihre geplanten Investitionen deswegen auf unbestimmte Zeit verschieben. Fast die Hälfte der befragten Landwirte ist der Ansicht, wie es beim DBV heißt, dass die Krise dazu führt, dass die Landwirtschaft wieder einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft bekommen wird. Aber fast genauso viele sind der Meinung, dass durch das Virus die Sorgen und Nöte der landwirtschaftlichen Betriebe aus dem Blick geraten könnten.

Auch eine kürzlich veröffentlichte Einschätzung der privaten Hochschule PFH in Göttingen fällt verhalten aus. Zwar hätten Verbraucher in den vergangenen Wochen aufgrund der Coronakrise verstärkt Lebensmittel gehamstert und somit durch ihre Nachfrage auch positive Signale an die Produzenten der Nahrungsmittel gesendet, so sinngemäß eine Aussage. Doch die PFH-Experten rechnen infolge der Corona-Pandemie nicht mit steigenden Preisen im Supermarkt– im Gegenteil: „Die drohende Rezession wird in Deutschland sicherlich nicht zu einer Verteuerung von Lebensmitteln führen, von welcher die Landwirtschaft profitieren könnte. Ganz im Gegenteil – der Preisdruck auf Lebensmittel wird in Zukunft eher steigen“, lautet die Erwartung. Die PFH-Wissenschaftler gehen davon aus, dass stagnierende Löhne und der erhöhte Druck auf den Arbeitsmarkt die Konsumlaune in Deutschland eintrüben und damit auch den Markt für Lebensmittel beeinflussen werden. (Foto: imago images / CHROMORANGE)

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