Die Top Themen: Schlachthof-Debakel, Brüssler Verteilungsk(r)ampf, Maisberg voraus

az-Wochenstart: Was Wichtig Wird


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Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lektüre! Ihre Stefanie Pionke, Chefredakteurin agrarzeitung (az)

Gerade einmal zwei Tage nach Verkündigung der Corona-Lockerungen werden Schlachthöfe in NRW zum Infektions-Hotspot und verzögern regional den zaghaften Wiedereinzug der Normalität. Die Debatte über Infektions- und Arbeitsschutz in der Fleischwirtschaft dürfte sich in dieser Woche fortsetzen. Derweil wird auf EU-agrarpolitischer Ebene um Krisenhilfen gefeilscht und das USDA gibt seine erste Wasde-Prognose für 2020/21 ab.

Das Angebot von Schlachtschweinen bleibt klein.
Bild: Pixabay / BlackRiv
Das Angebot von Schlachtschweinen bleibt klein.

Querschläger aus dem Schlachthof

Gerade einmal zwei Tage sind die Lockerungen der Corona-Beschränkungen alt, da zieht NRW am vergangenen Freitag bereits die Reißleine und verschiebt im Kreis Coesfeld beispielsweise die Öffnung von Restaurants, Musikschulen oder Fitnessstudios um eine Woche nach hinten auf den 18. Mai. Der Grund: Im Westfleisch-Schlachthof in Coesfeld steigen die Corona-Infektionen. Im gesamten Landkreis überschreiten die Neuinfektionen die kritische Marke von 50 je 100.000 Einwohner. Nun wurde der Schlachthof von behördlicher Seite stillgelegt; alle 1.200 Mitarbeiter sollen getestet werden. Auch im Schwesterwerk in Oer-Erkenschwick im Kreis Recklinghausen steigen die Corona-Infektionen.

Nun muss man kein Prophet sein, um zu folgern, dass durch Verschiebungen heiß ersehnter Corona-Lockerungen aufgrund von Corona-Infektionen in Schlachtöfen das ohnehin schon ramponierte Image der Fleischwirtschaft in der Öffentlichkeit nicht gerade dazugewinnt. Erschwerend hinzu kommt die Debatte über Arbeits- und Sozialstandards in Schlachthöfen. Laut der Tagesschau nennt NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) die Unterbringung der vorwiegend aus Rumänien und Bulgarien kommenden Schlachthofmitarbeiter in Gruppenunterkünften als eine mögliche Ursache für den Corona-Ausbruch. NRW will nun gestartete, flächendeckende Tests von Schlachthofmitarbeitern auf Corona intensivieren. Nach Recherchen der Tagesschau prüft Niedersachsen ähnliche Schritte. Schleswig-Holstein will ebenfalls die Belegschaft in größeren Betrieben testen.

Für den weiteren Wochenverlauf sind vor allem folgende Fragen spannend: Tauchen weitere Landkreise auf, in denen Corona-Infektionen in Schlachthöfen zu einer Verzögerung der Lockerungen der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie führen? Wie entwickelt sich die politische Debatte weiter? Und wann ereilt die Diskussion über mangelnden Schutz von Arbeitskräften die Sphäre der Erntehelfer in den Obst- und Weinbaubetrieben? Und wie positioniert sich die Bundesregierung inklusive Bundesagrarministerium in diesem nun neu aufgemachten Spannungsfeld aus Seuchenschutz sowie Lockerungen des selbigen als Konjunkturprogramm für die angeschlagene Wirtschaft?

 

Für Lebensmittel müssen EU-Verbraucher mehr Geld ausgeben.
Foto: imago images / Frank Sorge
Für Lebensmittel müssen EU-Verbraucher mehr Geld ausgeben.

Verteilungsk(r)ampf und Beharrungskräfte

Die Covid-19-Pandemie zwingt die Wirtschaft weltweit in die Knie – zumindest für den Moment. Da bildet Europa keine Ausnahme. Auf den Agrarsektor in der EU entfällt schon in Nicht-Krisenzeiten der dickste Batzen im Budget. Jetzt, in Krisenzeiten, ringen Agrarpolitiker in den Mitgliedstaaten mit der Kommission um mehr Geld zur Abschwächung der wirtschaftlichen Folgen der Krise. Die hoch umstrittene Private Lagerhaltung (PLH) für Milchprodukte und Rindfleisch ist bekanntlich eröffnet. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten. Belgien will für seine Frittenproduzenten eine PLH für Kartoffeln, diverse andere Mitgliedstaaten möchten Geflügelfleisch auf Gemeinschaftskosten einfrieren. Natürlich gehören auch Schafs- und Schweinefleisch in die staatlichen Gefrierfächer, meinen andere. Wieder andere rufen nach Subventionen für Winzer und Obstbauern. Darüber, wer  was und zu welchen Konditionen einlagern darf, diskutieren die EU-Agrarminister am Mittwoch. Bislang hat sich die Kommission hartleibig gegeben: Der Konsum von Geflügelfleisch etwa werde wieder anziehen, wenn die neue Normalität zunehmend Einzug hält. Man könne nicht alle Ansprüche erfüllen und müsse in der Krise Prioritäten setzen, so EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski.

Doch in der Krise versagen die alten Reflexe nicht. Corona bietet etwa dem Dachverband der Bauernverbände und Genossenschaften Copa-Cogeca die Gelegenheit, einen Einfuhrstopp für Geflügel aus Drittstaaten zu fordern. Man darf jetzt schon gespannt sein, wann der Stopp des Mercosur-Abkommens wieder hochgespült wird.

Am Montag muss die neue EU-Kommission ihren klimapolitisch-disruptiven Anspruch erneut untermauern. Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides wird vor dem Agrarausschuss des Europaparlaments (EP) die Farm-to-Fork-Strategie diskutieren. Dahinter verbirgt sich der agrarpolitische Teil der europäischen Klimastrategie mit in weiten Teilen der Agrarwirtschaft wenig liebsamen Reduktionen von Pflanzenschutz und Dünger. Wenig überraschend wollen einige Abgeordnete im Parlament die Vorstellung der Strategie verschieben - und schieben ihrerseits die Corona-Pandemie als Rechtfertigung vor.

imago images / Science Photo Library

Maisberg voraus!

Geerntet wird immer, prognostiziert auch. Frei nach diesem Motto legt das US-Agrarministerium USDA am Dienstag seinen monatlichen Marktbericht „Wasde“ vor – dieses Mal, wie üblich im Wonnemonat Mai, mit ersten Zahlen für das kommende Wirtschaftsjahr 2020/21 ab 1. Juli. Von Nachrichtenagenturen befragte Analysten erwarten den Aufbau eines gigantischen Maisbergs in den US-Lägern. Der Grund: Corona bedingt schwächelt die Nachfrage nach Mais aus dem Bioethanol-Sektor. Die Nachfrage aus der Tierhaltung sinkt, da Schlachthöfe auch jenseits des Atlantiks durch Corona-Infektionen gebeutelt sind und schließen. Laut einer Umfrage des Wallstreet-Journal sollen die Maisberge in den Silos der US-Landwirte, Erfasser und Verarbeiter auf mehr als 3,0 Mrd. Bushel ansteigen, nach im Schnitt der Erwartungen 2,3 Mrd. Bushel in der noch laufenden Saison 2019/20. Denn: In einer denkbar ungünstigen Konstellation treffen Nachfragerückgang und Anbauausdehnung sowie erwartete Ertragszuwächse aufeinander.

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