Die Top Themen: Super-GAU bei Tönnies, Insektenschutz, Ernte

az-Wochenstart: Was Wichtig Wird


In dieser Woche dürfte Tönnies Fleisch weiter Schlagzeilen machen: Denn die Coronakrise dreht politisch unter anderem mit einer aktuellen Stunde im Düsseldorfer Landtag weitere Kreise. Auch Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) mit seinem geplanten Verbot von Werkverträgen in der Schlachtbranche, sowie alle, die einen übermäßigen Konsum von Billigfleisch kritisieren, sehen sich durch die Vorfälle bestätigt. Darüber hinaus sind Insektenschutz und Biodiversität in Berlin beziehungsweise Brüssel Thema, und die Ernte naht.

Stefanie Pionke (39) ist weitere Chefredakteurin der agrarzeitung.
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Stefanie Pionke (39) ist weitere Chefredakteurin der agrarzeitung.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lektüre! Ihre Stefanie Pionke, Chefredakteurin der agrarzeitung (az). 


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Super-GAU in Rheda-Wiedenbrück

Der Krisenstabsleiter der zuständigem Kreisbehörde spricht Tönnies in aller Öffentlichkeit das Vertrauen ab, die Produktion wird offiziell für zwei Wochen gestoppt, Proteste in der Bevölkerung, und die Bundeswehr muss auf dem Betriebsgelände anrücken, um bei Reihentests auf das Coronavirus zu unterstützen. Was der Branchenprimus unter den Fleischverarbeitern gerade erlebt, ist mit dem Wort „Super-GAU“ ziemlich treffend umschrieben. Die Corona-Krise bei Tönnies Fleisch spitzt sich weiter zu. Nachdem am Wochenende die Zahl der Infizierten die Tausender-Marke überschritten hatte, der Kreis Gütersloh Bundeswehr und Polizei um Hilfe ersuchte, um insgesamt mehr als 5.000 Beschäftigte auf das Corona-Virus zu testen, Tönnies der Bitte der Behörden, Adressen und Namen der Werkvertragsarbeiter an den Schlachtbändern mitzuteilen, nicht wunschgemäß nachkam und der Kreis sich schließlich Zugriff auf die Personalakten verschaffte, will der Landtag in Düsseldorf in dieser Woche eine aktuelle Stunde zu dem Thema abhalten. Das haben CDU und FDP gemeinsam beantragt. Dabei soll es nach Berichten der Nachrichtenagentur dpa um Hygienekonzepte am Arbeitsplatz und in den Unterkünften der Mitarbeiter gehen. Aufgrund der hohen Zahl der Infektionen hat das Regierungskabinett in NRW darüber hinaus über einen umfassenden Lockdown für die betroffene Region beraten. Seit einigen Tagen waren da bereits Kitas und Schulen im Kreis Gütersloh zur Eindämmung des Infektionsgeschehens wieder geschlossen – sehr zum Unmut der betroffenen Eltern und Kinder, die in kleinen Gruppen unter anderem auch vor dem Anwesen der Familie Tönnies in Rheda-Wiedenbrück protestierten. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und Arbeitsminister Karl-Josef Laumann, beide CDU, informierten sich am Sonntag vor Ort über die Lage. Vorerst wird es laut Medienberichten von Sonntag wohl keinen Lockdown geben, sodass der Unmut in der betroffenen Bevölkerung nicht weiter zunehmen dürfte. Politisch hat der Corona-Ausbruch bei Tönnies ebenfalls Konsequenzen: Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) etwa kündigte an, noch vor Vorlage des Gesetzes zum Schutz der Arbeitnehmer in der Fleischbranche Konsequenzen zu ziehen und härter gegen Missstände, die mit dem Werkvertragssystem in Zusammenhang stehen, vorzugehen. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderte einen umfassenden Lockdown für die Region.


Unternehmenschef Clemens Tönnies zeigte sich in öffentlichen Auftritten am Wochenende demütig, bedankte sich bei den Behörden für ihren unermüdlichen Einsatz und entschuldigte sich bei der Bevölkerung. Dass Tönnies die aus Sicht der Kreisbehörden zögerliche Herausgabe der Adress- und Personendaten ausgerechnet mit datenschutzrechtlichen Hürden im Zusammenhang mit dem Werkvertragssystem begründet, dürfte dabei allen jenen, die darin ein System zur Verschiebung von Verantwortung in „Sub-sub-Subunternehmerstrukturen“ sehen, in die Karten spielen. Man dürfe als Firma, die auf Leiharbeiter zugreife, nur Name, Geburtsdatum und Geschlecht in seinem System erfassen; datenschutzrechtlich lägen alle anderen Angaben, etwa zum Wohnort, beim Subunternehmer, so Tönnies. Ob Tönnies Ankündigung für einen Umbau der Branche die öffentliche Diskussion über Verhältnisse in der Fleischbranche oder die politische Debatte über Arbeitsschutz, Tierwohl und den angemessenen Preis für Fleisch einhegt, darf als fraglich gelten. In der Branche selbst dürfte der selbstbewusste Konzernchef Clemens Tönnies ohnehin Sympathien verspielt haben, als er, nachdem im Mai einige Wettbewerber wie Westfleisch oder Vion mit Corona-Ausbrüchen zu kämpfen hatten, tönte, diese Fälle dürfen keinen „Generalverdacht“ gegen die Branche wecken.
Rücktrittsforderungen, die sein Neffe Robert in den vergangenen Tagen zwecks Abwendung von Reputationsschäden für die Firma Tönnies, erhebt, erteilte Tönnies am Samstag eine Absage: Er werde sich „nicht aus dem Staub machen“, sondern das Unternehmen „aus der Krise führen“. Derweil bröckelt die Unterstützung für den schillernden Konzernchef in der Politik. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Ralf Brinkhaus, der den Tönnies-Wahlkreis im Parlament vertritt, wird in Medienberichten mit der Aussage, er erwarte, dass die Firma Tönnies für die Schäden aufkomme, die der Region im Zusammenhang mit dem Corona-Ausbruch entstehen, zitiert.
So oder so dürfte der Fall Tönnies dazu beitragen, Forderungen nach einem Paradigmen-Wechsel in der Tierhaltung, der Fleischverarbeitung und beim Fleischkonsum ordentlichen Vorschub zu verleihen. Letzterer Aspekt ist dabei nicht zu vernachlässigen, ohne dabei dem Verbraucher den Schwarzen Peter zuschieben zu wollen. Zur Wahrheit gehört nämlich auch: Wer kiloweise billiges Fleisch auf den Grill werfen möchte und zu diesem Zwecke die Super-Sonderangebote aus der Fleischtheke abräumt, muss sich an die eigene Nase fassen. (Foto: Imago Images / Noah Wedel)

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Bienchen und Blümchen, Ernte voraus und was sonst noch wichtig wird

Die agrarpolitische und –wirtschaftliche Welt dreht sich trotz der Causa Tönnies weiter. So wird am Mittwoch der „Zweite Runde Tisch zum Insektenschutz“ mit Bundesumweltministerium, Bundesagrarministerium, Wirtschafts- und Verbandsvertretern stattfinden. Das Spannungsfeld grob vereinfacht: Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hält Agrarumweltmaßnahmen in ihrer heutigen Form für nicht ausreichend, viele Landwirte sehen das naturgemäß anders. Bereits am Montag findet auf europäischer Ebene eine ähnlich gelagerte Debatte statt: Dort wird mit EU-Umweltkommissar Virginigus Sinkevicius mit dem Agrarausschuss im Europaparlament über die Biodiversitätsstrategie innerhalb des Nachhaltigkeitsprogramms der EU-Kommission „Green Deal“ sprechen. Am Mittwoch geht es auf der Brüsseler Bühne um Geld, wenn die EU-Kommission ihren Haushaltsentwurf für 2021 vorlegt. Der schwebt in der Luft, weil bekanntlich die Einigung der Mitgliedstaaten zum Mehrjährigen Finanzrahmen noch aussteht. Bei der Pressekonferenz der ZG Karlsruhe, ebenfalls am Mitwoch, wird unter anderem die Getreideernte 2020 Thema sein, die ja mit Siebenmeilenstiefeln auf den Markt zukommt. (Foto: Pixabay)

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