Die Top Themen: Video-Gipfel, Bilanzen und Brexit in der neuen Corona-Normalität

az-Wochenstart: Was Wichtig Wird


Die Woche startet mit dem magischen Datum 20. April, an dem der Corona-Lockdown in Deutschland an ersten Stellen vorsichtig aufgeweicht wird. Doch viele Beschränkungen bleiben – auch wenn in den kommenden Wochen erste Schuljahrgänge wieder Unterricht haben und in manchen Bundesländern – sicher auch zur Freude der Milchwirtschaft – Eisdielen wieder den Straßenverkauf öffnen dürfen. Davon einmal abgesehen, startet ein weiterer Akt im Brexit-Drama, veröffentlicht die RWZ in Köln ihre Bilanz für 2019 und die EU-Mitgliedstaaten kommen zu einem Gipfel per Videokonferenz zusammen.

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Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lektüre! Ihre Stefanie Pionke, Redaktion agrarzeitung. 

Bilanz zwischen Kooperationen, Kartellstrafen und Corona

Agrarkonzerne legen in dieser Woche ihre Bilanzen vor.
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Agrarkonzerne legen in dieser Woche ihre Bilanzen vor.

Politiker werden dieser Tage nicht müde, die „neue Normalität“ zu beschwören, in welche die Republik Schritt für Schritt hineinwächst. Zu dieser neuen Normalität zu Zeiten der Pandemie gehört auch, dass Bilanzpressekonferenzen in die digitale Sphäre abwandern. So wird auch die RWZ in Köln ihr Zahlenwerk für 2019 per Videokonferenz präsentieren, und zwar am Donnerstag. Eigentlich ist das in der neuen Normalität, die durch Homeoffice, Mundschutz und Abstandsregeln geprägt ist, keiner Erwähnung mehr wert. Denn die Information, auf die es ankommt, fließt auch in einer Videokonferenz – auf das buchstäbliche „Shake Hands“ beim anschließenden Kaffee und Imbiss muss dann halt verzichtet werden. Das macht das ganze Prozedere zwar ein Stück weit steriler, aber auch, das haben bisherige Videokonferenzen gezeigt, deutlich effizienter, sowohl was den Zeitaufwand, als auch was die Kosten angeht. Womit wir wieder beim eigentlichen Thema wären, denn der Agrarhandel in Deutschland hat bekanntlich nichts zu verschenken. Die RWZ bildet da keine Ausnahme. Auch die Kölner haben sich – wie viele ihrer Wettbewerber - mit dem Bundeskartellamt auf ein Settlement im Kartellverfahren gegen den Pflanzenschutzgroßhandel verständigt. Im Rahmen dieses Vergleichs müssen die Kölner 4 Mio. € Strafe zahlen. Damit zählt die RWZ zwar bei Weitem nicht zu den Spitzenreitern in Sachen Bußgeld. Doch aus der Portokasse kann die drittgrößte deutsche Hauptgenossenschaft diese Summe auch nicht begleichen. Die RWZ wappnet sich zudem für den Verdrängungswettbewerb im Agrarhandel durch Allianzen mit Wettbewerbern. Die Agravis ist mit einem Anteil von 75 Prozent an dem Mischfuttergeschäft der Kölner beteiligt; bei den Raiffeisenmärkten kooperieren die beiden Genossenschaften im Einkauf. Unlängst haben die Kölner und die Raiffeisen Waren bekannt gegeben, Kooperationsgespräche führen zu wollen. Wo genau die hinführen soll, ist noch nicht bekannt.
Und dann wäre da ja noch die Coronakrise: Die RWZ ist zwar als Teil der Agrarwirtschaft systemrelevant. Zu ihren unter normalen Umständen vielversprechenden Geschäftsfeldern zählen aber auch Kartoffeln und der Weinbau. Beides Bereiche, die zumindest indirekt vom Lockdown der neuen Corona-Normalität betroffen seien dürften, müssen doch Systemgastronomen, also Fastfood-Ketten, ihren Restaurantbetrieb weiterhin schließen – zulasten des Pommes-frites-Verzehrs. Restaurants und Gaststätten dürfen zwar genau wie besagte Fastfood-Ketten auch Liefer- und Abholservices anbieten, doch der Absatz ist dennoch reduziert – und Getränke wie Wein werden nun mal beim Restaurantbesuch verzehrt. (Foto: Imago Images / Jens Schicke)

EU-Gipfel auf Abstand

Politische Spitzentreffen, wie hier ein EU-Außenministerrat, wandern zu Zeiten von Corona in die digitale Sphäre ab.
Foto: Imago Images / Photothek
Politische Spitzentreffen, wie hier ein EU-Außenministerrat, wandern zu Zeiten von Corona in die digitale Sphäre ab.

Am Donnerstag werden die Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten zu einem weiteren Video-Gipfel zusammenfinden. Beherrschendes Thema: Wie umgehen mit der Coronakrise – und zwar gemeinsam und wirksam als Staatenblock. Ratspräsident Charles Michel hat seine Prioritäten vorab wie folgt skizziert: Mal abgesehen von dem generellen globalen Kernanliegen, die Corona-Pandemie einzuhegen, zählt dazu eine koordinierte Förderpolitik für die europäische Wirtschaft, die unter den Folgen der Pandemie leidet. Essenziell sei zudem eine Aufrechterhaltung des EU-Binnenmarkts, aber auch die Weiterverfolgung der Prioritäten der neuen EU-Kommission unter Vorzeichen von Corona – nämlich dem Green Deal und der Digitalstrategie. Da digitale Arbeitsabläufe global zur viel beschworen neuen Normalität zählen, sicherlich ein gutes Anliegen. Denn nicht alle Mitgliedstaaten sind bekanntlich Vorreiter in Sachen Digitalisierung. Und ein funktionierender Binnenmarkt im Krisenmodus dürfte ein konsensfähiges Anliegen all derjenigen sein, deren Lieferketten im Vormonat unter teilweise erheblichen Lkw-Staus in Zuge der wieder eingeführten Grenzkontrollen gelitten haben. Corona, darüber wird viel debattiert und philosophiert, verändert unsere Gesellschaft und damit auch Politik und Wirtschaft. Die EU und ihre Mitgliedstaaten sind jetzt gefordert, einen guten, gemeinsamen Weg aus der Krise zu gehen – am besten ohne nationalstaatliche Egoismen.

 (Foto: Imago Images / Photothek)

Brexit is back

Foto: Pixabay

Die Coronakrise führt dazu, politische Themen, die bis Mitte März noch ungeheuer wichtig erschienen, in die zweite bis dritte Reihe zurückzudrängen. So auch geschehen mit dem Brexit. Der britische Premier Boris Johnson erholt sich derzeit noch von seiner Covid19-Erkrankung. Michel Barnier, Chefunterhändler der EU-Kommission, hatte sich zwischenzeitlich auch mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. Auch Johnsons EU-Berater David Frost blieb nicht von Sars-Cov2 verschont. Ab Montag hat die Spielpause im Brexit-Drama ein Ende. Die abtrünnigen Briten und die EU starten dann eine einwöchige Verhandlungsrunde per Videochat zum Brexit. Zwei weitere solcher Gesprächswochen sollen Mitte Mai und Anfang Juni folgen. Und wie so häufig beim Thema Brexit, drängt auch dieses Mal die Zeit. Sollten sich die EU und die Briten auf eine Verlängerung der Übergangsphase im EU-Austritt verständigen wollen, müssten sie dies bis zum 1. Juli vereinbaren. In der Übergangsphase bleiben die Briten zahlendes EU-Mitglied ohne Stimmrecht – und bleiben solange auch Teil des EU-Binnenmarkts. Laut dem im vergangenen Herbst ausgehandelten Vertrag zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU endet diese Übergangsperiode am 31. Januar 2021. Die Coronakrise hat die politischen Agenden überall auf der Welt komplett durcheinandergewirbelt, sodass es noch ambitionierter als zuvor erscheint, dass sich Brüssel und London bis Jahresende auf ein umfangreiches Freihandelsabkommen verständigen - ein Hauptknackpunkt in den Brexit-Verhandlungen. Die EU signalisiert daher Offenheit für eine Fristverschiebung. Johnsons Brexit-Hardliner-Fangemeinde hingegen will sich so schnell wie möglich aus den vermeintlichen Fesseln Brüssels befreien. Einigen sich beide Seiten weder auf eine Verlängerung der Übergangsphase, noch auf ein Freihandelsabkommen, droht der gesamten Wirtschaft in der EU, und damit auch der Agrarwirtschaft, ab Februar 2021 folgendes Horrorszenario: Das Vereinigte Königreich wird zum Drittland, Zollabgaben und Grenzkontrollen inklusive. Auch, so die Befürchtung mancher Wirtschaftsvertreter, könnte die Johnson-Administration EU-Produkt- und Produktionsstandards im Lebensmittelbereich künftig unterbieten, um mit wichtigen Wirtschaftsregionen wie den USA oder Ozeanien lukrative Handelsabkommen zu schließen. Fest steht also: Der Brexit findet wieder zu seiner alten Form als Damoklesschwert zurück – umso mehr, da schon die Coronapandemie Lieferketten weltweit durcheinanderwirbelt.

 (Foto: Pixabay)

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