Die Top Themen: Virtuelle und informelle Agrarminister, virtueller Feldtag

az-Wochenstart: Was Wichtig Wird


Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lektüre! Ihre Stefanie Pionke, Chefredakteurin der agrarzeitung (az)

Foto: Privat


In der virtuellen Sphäre wird die Zukunft der EU-Agrarpolitik verhandelt beim informellen Agrarrat via Videokonferenz. Die Bundesagrarministerin bereitet sich virtuell auf die EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands vor. In der virtuellen Realität findet der traditionsreiche Feldtag der SKW Piesteritz statt.

Virtual Reality, Teil I – EU-Agrarministertreffen im Netz

Imago Images / Hans Lucas

Jetzt liegt der Vorschlag der EU-Kommission für die „Farm-to-Fork“-Strategie und die Biodiversitätsstrategie auf dem Tisch. Die EU-Agrarminister müssen sich nun dazu positionieren. Das informelle Ministertreffen unter Vorsitz der scheidenden EU-Ratspräsidentschaft Kroatiens sieht dafür eine Videokonferenz am Montag vor. Die Minister der Mitgliedstaaten werden im Rahmen dieser Sitzung darüber diskutieren, wie die beiden Strategien aus dem Brüsseler Nachhaltigkeitsprogramm „Green Deal“ in die Reform der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP) integriert werden können. Die kroatische Ratspräsidentschaft hat für diesen Gedankenaustausch vorab drei Leitfragen formuliert, welche die Minister im Hinterkopf haben sollten: So sollen sie die Ziele in der „Farm-to-Fork“-Strategie und der Biodiversitätsstrategie bewerten, priorisieren und sich überlegen, wo genau die Chancen und Herausforderungen in deren Umsetzung liegen. Sie sollen sich, zweitens, dazu Gedanken machen, in welcher Weise der Vorschlag der Kommission zu beiden Strategien die Verhandlungen über die GAP-Reform beeinflusst und sie sollen sich, drittens, dazu positionieren, ob denn die Mittel in der überarbeiteten Vorlage zum Mehrjährigen Finanzrahmen für 2021 bis 2027 (MFR) inklusive des zusätzlichen Geldes aus dem Krisenfonds „Next Generation EU“ ausreichen, um eine landwirtschaftliche Produktion mit geringerem Einsatz von Pflanzenschutz und Dünger sowie mehr Bio-Anteilen und einem höheren Ansatz von Brachflächen zu ermöglichen, die gleichzeitig effizient im Sinne der Ernährungssicherung ist. Die Antwort darauf ist eigentlich schon klar: Da die Kommission im MFR die Inflation ausklammert, haben die Landwirte de facto nicht mehr Geld in der Tasche, auch wenn der Vorschlag im ersten Moment so klingt. Außerdem zählt es nicht zum Repertoire erfolgreicher Verhandlungen, das erste Angebot zu akzeptieren.

Eine große Rolle bei der Umsetzung von „Farm-to-Fork“ und Biodiversitätsstrategie innerhalb der neuen GAP spielen die Strategiepläne. Diese sollen nach Vorstellung der alten wie neuen EU-Kommission dazu dienen, übergeordnete, EU-weit gültige Umwelt- und Klimaschutzziele in national und regional angepasste Programme zu deren Erreichung zu gießen. Wenn man so will, sollen also die Vorgaben aus den „Farm-to-Fork“- und Biodiversitätsstrategien durch die jeweiligen Strategiepläne in den Mitgliedstaaten umgesetzt werden. Die nationalen Regierungen sind also gefordert, zu „liefern“, wie es der frühere EU-Agrarkommissar und heutige Handelskommissar Phil Hogan formulierte. Die Kommission soll in jährlichen Abständen darüber befinden, ob diese „Lieferungen“ den Vorgaben entsprechen – oder eben nicht.

Normalerweise sind informelle Agrarratstreffen immer auch Gelegenheiten für die Minister, landwirtschaftliche Betriebe im Gastgeberland zu besuchen und sich bei gutem Essen und später am Kamin über politische Fragen auszutauschen. Ein entschleunigtes Forum also jenseits der Sitzungshektik. Das ist in Zeiten der Covid-19-Pandemie, in der EU-weites Reisen jetzt erst allmählich gelockert wird, schwierig. Deshalb treffen sich die Minister nun in der cleanen, virtuellen Realität einer Videokonferenz. Doch eine Lehre aus der Krise ist, dass solche Treffen häufig effizienter ablaufen als ihre analogen und atmosphärisch anspruchsvolleren Pendants. (Foto: Imago Images / Hans Lucas)

Virtual Reality, Teil II

Foto: Imago Images / Photothek

In der virtuellen, neuen Normalität, ist auch Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) gefordert. Sie wird selbstredend am informellen EU-Agrarministerrat (siehe oben) teilnehmen. Außerdem ist sie am Dienstag mit dem dänischen Landwirtschaftsminister Mogens Jensen zu einem Gedankenaustausch per Videokonferenz über die im Juli beginnende, deutsche EU-Ratspräsidentschaft verabredet. Und am Mittwoch nimmt sie an der Sitzung des digitalen Beratergremiums der Bundesregierung, des Digitalrats, teil. Letztere findet natürlich in der digitalen Sphäre statt, ansonsten würde sich der Digitalrat ja lächerlich machen. Oder, quergedacht, besonderen Chuzpe an den Tag legen, würden sich gerade die Digitalexperten analog treffen – unter Einhaltung der geltenden Hygienebestimmungen, versteht sich.  Genügend agrarpolitisch relevante Themen gibt es bei allen drei virtuellen Terminen. Als da wären: die Sicherung möglichst üppiger EU-Finanzmittel für die Landwirtschaft (auch wenn das im Fall des Nettozahlers Deutschland immer ein bisschen was von „linke Hosentasche, rechte Hosentasche“ hat) bei gleichzeitiger Limitierung der „Nachhaltigkeitszumutungen“ für die Bauern, das Finden gemeinsamer Interessen mit Berufskollegen aus den Nachbarländern sowie das Dringen auf flächendeckendes 5 G.
Eine Diskussion bleibt der Bundesagrarministerin neben allen Videokonferenzen weiterhin erhalten, und zwar auf deutscher Bühne: Der Bundesrat hat es in seiner Sitzung am vergangenen Freitag erneut nicht geschafft, sich auf einen Kompromiss zur Kastenstandverordnung in der Sauenhaltung zu verständigen. Pikantes Detail dabei: Das Kompromisspapier aus Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein ging den grünen Agrarministerin nicht weit genug. Damit stellten sie sich gegen einen Autor des Kompromisses und ihren Parteifreund Jan-Philipp Albrecht, Landwirtschaftsminister von Bündnis 90/Die Grünen in Kiel. (Foto: Imago Images / Photothek)

 

Virtual Reality, Teil III

Foto: imago images / Westend61

Vom 16. bis 18. Juni hätten sie eigentlich live und in Farbe stattgefunden: Die DLG-Feldtage, der zweijährliche Großevent, bei dem sich das Who-is-Who der Betriebsmittelindustrie, des Agrarhandels, der Technik-Anbieter und -  last, but definitely not least – abertausende Landwirte aus Deutschland, Europa und weltweit treffen. Grillen am Stand und Bratwurstessen, eng nebeneinander auf Bierbänken? Streifen durch Versuchsparzellen, auf Tuchfühlung mit den Pflanzen und – je nach Interessenlage – auch mit anderen, kundigen Besuchern? In Zeiten von Corona ist das, was uns vor gar nicht allzu langer Zeit selbstverständlich erschien, schwer vorstellbar. Doch die Krise setzt bekanntlich auch kreative Energie frei. Jede Menge davon sogar im Fall der SKW Piesteritz. Die führt ihre eigene Großveranstaltung, der seit 25 Jahren auf den Versuchsfeldern der SKW-Anwendungsforschung in Cunnersdorf bei Leipzig stattfindet, komplett virtuell durch. Und zwar so richtig, mit kompletten Eintauchen in die virtuelle Realität mit virtuellen Feldrundgängen und Netzwerken in der Digi-Sphäre. Ab 9 Uhr morgens geht es los, Abschluss und Fazit ist für 19:30 Uhr terminiert. Der geneigte Fachbesucher kann diesmal zwar nicht live und vor Ort die Bestände in Augenschein nehmen oder zum Standgespräch gehen. Dafür kann er oder sie die VR-Brille immer wieder an und aufsetzen – und sich zwischendurch anderen Belangen widmen. Eine aus Teilnehmersicht durchaus effiziente und kostenschonende Weise, sich auf den neuesten Stand bringen zu lassen. Und ein spannendes, potenziell richtungsweisendes Experiment für die Zukunft. (Foto: Imago Images / Westend61)

Weiteres in Kürze

Am Donnerstag wird zwar regional in Deutschland der Feiertag Fronleichnam begangen. Das hält aber das US-Agrarministerium USDA nicht davon ab, seinen Juni-Bericht für Angebot und Nachfrage an den globalen Agrarmärkten zu veröffentlichen. Das wird der zweite Wasde-Bericht sein, der sich mit den Produktionsaussichten an den Getreide- und Ölsaatenmärkten 2020/21 auseinandersetzt. In Australien, das drei Jahre in Folge von Trockenheit gebeutelt war, entspannt sich derzeit die Lage wieder und, nach allem, was man jetzt sagen kann, kehren zumindest wieder durchschnittliche Verhältnisse ein. Spannend dürften die Prognosen für die Weizenernte in Russland sein, wo Trockenheit wiederum ein Thema ist. Gleiches gilt für die EU. In Deutschland hat es am zurückliegenden Wochenende zwar regional geregnet. Doch das ändert wenig am Nord-Ost-Südgefälle in Sachen Dürre hierzulande.

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