Digitalisierung

Zwischen Vision und Wirklichkeit


Wie der digitale Bauernhof aussehen soll, das ist bekannt. Doch der Weg dahin ist steinig.
Bild: Pixabay
Wie der digitale Bauernhof aussehen soll, das ist bekannt. Doch der Weg dahin ist steinig.

Internationale Agrarpolitiker haben auf ihrem Spitzentreffen am Rande der Grünen Woche beschlossen, gemeinsam die Digitalisierung der Agrarwirtschaft zur Erfolgsstory zu machen. Doch der Teufel steckt in vielen Details, wie der Blick auf den Gipfel-Gastgeber Deutschland zeigt.

Eine Rede von der Kanzlerin und am Ende die Verkündung des Projektes „Digitalrat“: Bundesagrarministerin Julia Klöckner (BMEL) hat beim Fachkongress ihres Ressorts, dem „Global Forum for Food and Agriculture“ (GFFA), zur Internationalen Grünen Woche in Berlin (IGW) alle Register gezogen, um das Thema Digitalisierung in der Landwirtschaft in Szene zu setzen. Den Digitalrat, der in der Zukunft internationale Regierungen in Sachen Agrarwirtschaft 4.0 unterstützen soll, wird laut Abschlusskommuniqué des Agrarministergipfels von vergangenem Samstag die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO konzipieren (siehe Kasten).

Merkel: Roboter können sehr viel

„Sie stehen alle inmitten einer riesigen, chancenreichen Entwicklung mit nie erdachten Möglichkeiten“, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel den rund 70 internationalen Agrarpolitikern auf dem GFFA in ihrer 30-minütigen Rede auf der Grünen Woche zugerufen. Zu den Chancen zählt Merkel die Arbeitsersparnis: Viel „körperlich schwere Arbeit“ werde in Zukunft wegfallen, denn: „Roboter können sehr viel“. Wissenschaftler sehen das nüchterner: Es werde noch „zehn bis 20 Jahre dauern, bis wir die erste, autonome Farm im Sinne des ‚Internets der Dinge‘ sehen werden“, sagt etwa Prof. Cornelia Weltzien vom Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB) in Potsdam. Viele landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland hätten bereits ihre Felder digital kartiert, erste digitale Tools zur teilflächenspezifischen Bewirtschaftung von Feldern wie der N-Sensor von Yara seien im Einsatz. Doch in Sachen Algorithmen sei noch viel zu tun: „Maschinen können gut Kamerabilder auswerten und Muster erkennen. Die Wissenschaft arbeitet daran, dass die erkannten Muster dem entsprechenden Phänomenen in der Natur passend zugeordnet werden“, sagt Weltzien.

Drohnen tragen noch wenig zur Arbeitsersparnis bei

Nimmt etwa eine Drohne ein Bild von einem Schlag auf, wäre die Vision, dass Algorithmen Analysen zu verschiedenen produktionstechnischen Aspekten wie Schädlingsbefall, Nährstoffversorgung oder Trockenschäden aus ein und derselben Aufnahme erstellen. Dabei ist der Drohneneinsatz ein gutes Beispiel, um die praktischen Grenzen der Digitalisierung aufzuzeigen: Während die autonomen Flugobjekte in der Wissenschaft rege Anwendung finden, so die ATB-Expertin, ist die Nutzung in der landwirtschaftlichen Praxis derzeit noch umständlich und bringt de facto kaum Arbeitsersparnis: „Die Rechtslage schreibt derzeit vor, dass der Pilot immer in Sichtweite der Drohne stehen muss. Da hat der Landwirt heute noch den gleichen Aufwand als wenn er den Schlag selber vor Ort in Augenschein nimmt.“

Internationale Agenda
Zum Abschluss des Treffens der Internationalen Agrarministerkonferenz in Berlin am vergangenen Wochenende unterzeichneten Vertreter aus 74 Ländern eine gemeinsame Erklärung. Darin betonen sie die Bedeutung der Digitalisierung für die Landwirtschaft. Sie werde dazu beitragen, Lebensbedingungen in den ländlichen Regionen weltweit zu verbessern. Entscheidend dabei sei neben produktionstechnischen Aspekten insbesondere der mögliche Zugang zu internationalen Märkten, auch für Kleinbauern in abgelegenen Regionen. Voraussetzung dafür sei die Gewährleistung des Zugangs zur digitalen Infrastruktur sowie Datensicherheit und Datenhoheit. Fernziel sei es, ländliche Räume als „vitale, wettbewerbsfähige und attraktive Lebensräume“ zu gestalten. jst
Ein weiterer Hemmschuh in der Praxis in Deutschland ist der Ausbau des schnellen Internets. Das verhehlt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht und traut ihrer Parteikollegin Klöckner „hohe Schlagkraft“ zu, wenn es darum gehe, ländliche Räume mit schnellem Internet auszustatten. Für Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes (DBV), hat der Ausbau der digitalen Infrastruktur derzeit besonders hohe Priorität: „Die Infrastruktur ist das kurzfristig drängende Thema. Das ist keine agrarpolitische Frage, sondern eine allgemeine Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge im ländlichen Raum“, unterstreicht Krüsken. Dr. Henning Ehlers, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Raiffeisenverbandes (DRV), bezeichnet es sogar als „vorrangiges Ziel eines internationalen Digitalrates“, die „geeignete Infrastruktur“ bereitzustellen, damit die Chancen der Digitalisierung auch „optimal genutzt“ werden könnten. EU-Agrarkommissar Phil Hogan sieht bei den EU-Mitgliedstaaten generell noch Handlungsbedarf beim Netzausbau, wie er auf einer Veranstaltung am Rande der Grünen Woche sagte.

Zu den wohl spannungsreichsten, ungelösten Fragen der Digitalisierung gehören die Datensicherheit und Datenhoheit. Die internationalen Agrarminister halten in ihrem Abschlussdokument fest, dass Landwirte über die Nutzung und Weitergabe ihrer Daten entscheiden sollten. Auch sollen Daten wie Satellitenbilder zur Vegetationsentwicklung von öffentlichen Einrichtungen der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden, um das Feld nicht komplett privatwirtschaftlichen Akteuren zu überlassen. „Klare Regeln brauchen wir vor allem im B-to-B-Bereich: für Dateneigentümerschaft, Datenhoheit und vor allem: offene Schnittstellen“, sagt auch DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken.

Forderung nach Open-Source-Angeboten aus öffentlicher Hand

Für Rainer Spiering, den agrarpolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, bietet die EU-Datenschutzgrundverordnung, kurz DSGVO, den passenden Rahmen, um Fragen der Datenhoheit im Agribusiness 4.0 zu adressieren: „Mit der DSGVO akzeptieren wir das Recht der Bürger auf ihre Daten, das gilt natürlich auch für Landwirte“, sagt Spiering. Der „Grundgedanke der DSGVO“ müsse also auch bei Smart-Farming-Tools berücksichtigt werden. Spiering sieht die öffentliche Hand gefordert, über unabhängige Institutionen wie Forschungseinrichtungen Open-Source-Plattformen zu schaffen, um Katasteramtsdaten, Wetterdaten oder Geodaten Landwirten frei verfügbar zu machen.

Natürlich könnten Erzeuger sich dennoch Rundum-sorglos-Pakete von Wirtschaftsunternehmen schnüren lassen. Aber: „Eine Open-Source-Plattform, die hohes Vertrauen genießt, trägt dazu bei, Monopolstellungen einzelner Konzerne zu verhindern und unterstützt so einen freien Markt“, zeigt sich Spiering überzeugt.

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