DLG-Wintertagung

Technischer Fortschritt ist von gestern

Wer aus beruflichen Gründen Tiere hält, sollte Auskunft darüber geben können, warum er es moralisch verantwortbar hält, dies zu tun - so die These des Philosophen Christian Dürnberger.
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Wer aus beruflichen Gründen Tiere hält, sollte Auskunft darüber geben können, warum er es moralisch verantwortbar hält, dies zu tun - so die These des Philosophen Christian Dürnberger.

Der fortschrittliche Bauer von heute ist selbstkritisch und hat eine Antwort zur Moral in der Tierhaltung parat. Das gibt der Philosoph Christian Dürnberger den DLG-Mitgliedern mit auf den Weg und erntet dafür lange anhaltenden Applaus.

 Der Beruf Landwirt steht wie nie zuvor im Fokus des öffentlichen Interesses. Darauf muss ein Bauer vorbereitet sein. „Ist er aber nicht“, erklärt Dr. Christian Dürnberger, Philosoph mit dem Forschungsschwerpunkt Ethik, in der Beziehung zwischen Menschen und Tieren. Die DLG hatte den Wissenschaftler der Universität Wien zur Wintertagung nach Hannover eingeladen, damit er den Mitgliedern eine zeitgemäße Interpretation des Begriffes Fortschritt mit an die Hand gibt. Und die Thesen, die der Landwirtssohn der Branche vorstellte, verdeutlichten eins ganz klar: Es wird anstrengend.

Denn der Begriff Fortschritt hat Dürnbergers Erkenntnissen zufolge bereits die Stufe Drei erreicht. Die Stufe Eins des fortschrittlichen Landwirts, die in der Produktion von sicheren und bezahlbaren Lebensmittel bestehe, sei schon lange erreicht. Ebenso wie die Stufe Zwei, die bedeutet, dass Landwirte zusätzliche Werte wie Nachhaltigkeit, Tierwohl oder Klimaschutz schaffen. „Das können High-Tech-Betriebe“, erklärt Dürnberger: „Der Fortschritt kann nicht mehr wie vor 100 Jahren definiert werden. Heute ist der Bauer nicht nur produzierend, sondern auch ein ökologisch bewusster Bauer.“ 

Fortschritt heißt, sich der gesellschaftlichen Debatte zu stellen

Bei der Umsetzung der Stufe Drei allerdings wird es haarig. An dieser Stelle kommen die zahlreichen und bekannten Konflikte ins Spiel – etwa der Wunsch nach Tierwohl in Kombination mit einer verschlossenen Geldbörse. „Wir haben keinerlei gesellschaftlichen Konsens über die Ziele der Landwirtschaft“, erklärt der Wissenschaftler. Und das führe zu emotionalen Kontroversen. Der einzige Weg, daraus sei die Kommunikation. Der fortschrittliche Landwirt von heute habe das im Blick, so die These. Er könne Antwort darauf geben, warum er es für moralisch vertretbar halte, Tiere zu halten. Zugespitzt formuliert: Er müsse auf dem Podium stehen und sich erklären können. Stufe Drei des Fortschritts sei ein reflektierender und kommunizierender Bauer, der über Konfliktthemen nachdenkt und redet, bevor es andere tun. Dann habe er die Chance auch einen ökonomischen Vorteil daraus zu ziehen. 

Aufmerksamkeit als Chance sehen

Das sei eine Herausforderung und dabei dürfe man ihn nicht allein lassen, erklärt Dürnberger und schlägt vor, schon in die Ausbildung zu integrieren, dass es heute Menschen gebe, die den Beruf Landwirt moralisch für verwerflich halten. „Es wird in Zukunft noch mehr gestritten werden als heute“, prognostiziert Dürnberger. Und findet zum Schluss motivierende Worte. Denn streiten würden die Menschen nur über etwas, das ihnen nicht egal ist. Also sei die Landwirtschaft den Leuten wichtig. „Das ist nicht bei jedem Beruf so, glauben Sie das einem Philosophen“, beendet er seine Überlegungen und erntet dafür in Hannover lang anhaltenden Applaus.

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