Energiewende

Wissenschaftler fordern drastischen Umbau der Energieversorgung

Leopoldina und zwei weitere Akademien halten die Klimaziele Deutschlands ohne einen drastischen Umbau der Energieversorgung für nicht haltbar. Solarkraft und Windenergie müssten in einer klimafreundlichen Zukunft die Hauptrolle spielen, flankiert von Bioenergie.

Ein „Weiter so“ in der Energiewende kann es nicht geben, wenn Deutschland seine Klimaziele erreichen will. Das stellt jetzt das Akademie-Projekt „Energiesysteme der Zukunft“ klar, an dem die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften Acatech und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften beteiligt sind.

In einer am Dienstag veröffentlichten Stellungnahme fordern die drei Akademien, die Sektoren Strom Wärme und Verkehr stärker miteinander zu verknüpfen und mehr erneuerbare Energien in das System zu integrieren. Das ist aus Sicht der Experten erforderlich, wenn das Klimaziel der Bundesregierung, bis 2050 „weitestgehend treibhausgasneutral“ zu sein, doch noch eingehalten werden soll.

Ausweitung des Emissionshandels oder CO2-Steuer

Als Steuerungsinstrument schlagen die drei Akademien einen einheitlichen CO2-Preis vor. Dieser könne auf zwei Wegen erhoben werden: Entweder durch die Ausweitung des europäischen Emissionshandels auf alle Sektoren mit deutlich höheren Preisen für die Emissionszertifikate, oder durch die Erhebung einer nationalen CO2-Steuer.

Den Energiemix werden in Zukunft Windkraft und Photovoltaik dominieren, erwarten die Akademien. Der Strombedarf in Deutschland könnte sich im Jahr 2050 mit mehr als 1.000 Terrawattstunden nahezu verdoppeln. Dafür wäre eine installierte Leistung von bis zu 500 Gigawatt an Windkraft- und Solaranlagen erforderlich, etwa das Sechsfache dessen, was heute vorhanden ist, wenn gleichzeitig die Klimaziele in Deutschland erreicht werden sollen. Dies erscheint machbar, folgern die Projektpartner, sei aber neben dem technischen Aufwand auch mit „gesellschaftlichen Herausforderungen“ verbunden.

Energiepflanzen bedeuten Risiko für Nahrungsmittelsicherheit

Da der Ausbau von Windkraft und Photovoltaik in der Gesellschaft auf Widerstand stößt, sehen die drei Akademien auch eine Zukunft für die Bioenergie. Sie kann gemeinsam mit Solarthermie und Geothermie dazu beitragen, den Ausbau an Windkraft und Photovoltaik zu begrenzen. Allerdings weisen die Experten bei Anbaubiomasse aus Energiepflanzen auf die „Risiken für Umwelt und Nahrungsmittelsicherheit“ hin, die „vergleichsweise hoch“ seien.

Anders sehe das bei Biomasse aus Rest- und Abfallstoffen wie Waldrestholz, Stroh, Gülle und Mist sowie Rückständen aus der Lebensmittelverarbeitung aus, die „geringe Risiken für Umwelt und Nahrungssicherheit“ bergen würden. Zugleich sei für ihre Nutzung eine „hohe gesellschaftliche Akzeptanz“ gegeben. Rein rechnerisch könnte Energie aus Rest- und Abfallbiomasse etwa 7 Prozent des heutigen Primärenergiebedarfs decken, wenn das gesamte Potenzial ausgenutzt würde.

Neun Millionen Elektroautos 2030

Im Verkehrssektor werden künftig Elektroautos eine zentrale Rolle spielen, von denen Modellrechnungen zufolge im Jahr 2030 bereits neun Millionen zugelassen sein könnten. Allerdings müsse noch die Batterietechnik weiterentwickelt und die Ladeinfrastruktur ausgebaut werden. Im Verkehr über große Distanzen oder im Gütertransport zeichnet sich den Akademien zufolge für bestehende Probleme bei der Nutzung von Elektrofahrzeugen noch keine Lösung ab. Daher werde „die Bedeutung von Biomasse für die Bereitstellung von Kraftstoffen im Verkehr deutlich zunehmen“.

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