Ernährung der Zukunft

Algennudeln mit Quallensalat


Bild: Kasina/Pixelio.de

Das Weltklima wird messbar wärmer, parallel dazu steigt die Bevölkerung. Der Jahrhundertauftrag der Landwirtschaft, die Ernährung der Menschheit, wird wohl nicht mit Feldarbeit allein zu lösen sein. Die Suche nach neuen Nahrungsquellen läuft. Der Blick richtet sich aufs Wasser.

Das Klima nimmt ebenso auf die Weltmeere Einfluss wie auf die Landmassen. Die Ozeane sind überfischt und werden wärmer. Zwei Meeresbewohner profitieren besonders von dieser Entwicklung: Quallen und Algen. Die gute Nachricht zuerst: Beide kann man essen. Beide gibt es durch den Klimawandel in rauen Mengen. Und beide sind den meisten (europäischen) Menschen bisher nur negativ aufgefallen. Forscher begutachten die neue Ressource und finden überraschende Anwendungen.

Je nach Zählweise gibt es rund 1000 Quallenarten. Quallen, oder auch Medusen genannt, kommen weltweit vor. In den Nesselschwänzen einiger ihrer Arten ruht das stärkste Gift, das es auf der Erde gibt. Viele jedoch sind essbar. Sie pflanzen sich – ähnlich einem Pilz – mit Sprossen fort. Manche Arten stoßen 45.000 Eier pro Tag aus. Normalerweise wird diese enorme Zahl durch ihre Fressfeinde erheblich dezimiert. Doch durch die Überfischung der Meere gibt es schlicht nicht genug Fische, die die reich gedeckte Quallenplatte verputzen könnten. 

In der Folge wabern riesige Schwärme durch das Meer. Quallen können nicht wie Fische schwimmen. Sie lassen sich von Strömungen treiben. So erklärt sich, dass 2013 eine gewaltige Wolke Quallen einen Kühlwasserzulauf zu einem Atomkraftwerk verstopfte und das Kraftwerk dadurch notabgeschaltet werden musste. 2014 trieb ein Schwarm Leuchtquallen durch eine Lachszuchtfarm vor Schottland und rottete, sozusagen im Vorbeitreiben, mal eben 300.000 Lachse aus. 2009 verfingen sich mehrere 200 kg schwere Namura-Quallen in den Netzen eines japanischen Trawlers. Als der Trawler die Netze an Bord holen wollte, kenterte stattdessen das Schiff.

„GoJelly“ sucht nach Quallen-Wertschöpfung

Die EU unterstützt das Projekt „GoJelly“ mit sechs Millionen Euro. GoJelly ist ein Projekt von 15 Forschungseinrichtungen aus acht Ländern, das Quallen auf ihren möglichen Nutzen hin untersuchen soll. Die Projektkoordinatorin Dr. Jamileh Javidpour vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel kennt den Nutzen der Nesseltiere genau.

„Wenn wir die Menschen satt kriegen wollen, müssen wir uns dem Meer zuwenden. Wir müssen es bewirtschaften, wie wir zuvor das Land bewirtschaftet haben.“
Jacques Cousteau, 


Der kulinarische Wert ist so offensichtlich wie für Mitteleuropäer unverständlich. In Fernost gehören Quallen seit Jahrhunderten zur Speisekarte. Was den Nährwert angeht, sind Medusen eine sehr undurchsichtige Angelegenheit. „Die Tiere bestehen zu 98 Prozent aus Wasser“, sagt Dr. Javidpour. Aber der Rest wäre sehr nahrhaft. Sie bieten Proteine, Spurenelemente, Natrium, Kalzium, Kalium und Magnesium – immer vorausgesetzt, sie sind entgiftet. „Im Wesentlichen schmeckt Qualle nach gar nichts“, räumt Javidpour ein. Mit entsprechender Soße, in Oliven eingelegt, sonnengetrocknet, seien sie aber durchaus lecker, bestätigt die Biologin.

Doch Quallen haben noch ganz andere Fähigkeiten. Wenn sie etwa unter Stress geraten, etwa durch Anheben, sondern sie Schleim ab. Dieser Schleim besteht aus Polysacchariden, die sich hervorragend als Nanofilter eignen. Nanofilter werden derzeit stark benötigt: Gegen die Verschmutzung mit Mikroplastik. Die Idee ist, den Schleim in einer Kläranlage einzusetzen, um so das Mikroplastik herauszufiltern. Kleiner Haken: Polysaccharide verderben leicht. Fischer müssten also regelmäßig frische Quallen nachliefern. Für die Fischer wären Quallen ein Riesengeschäft. In Asien können Fischer täglich bis zu 10.000 Dollar verdienen.

Quallen als Dünger im Test

Quallen sind reich an Kollagen und damit interessant für die Kosmetikindustrie und medizinische Zwecke. Kollagen hat eine hautstraffende Wirkung. Es dient aber auch als Substrat für die Zucht von menschlichen Knorpelzellen. Bisher werden dafür die Knochen von Rindern und Teile vom Schwein benutzt.
Die Quallenpopulation prosperiert mitunter dank Dünger, der ins Meer gelangt. Eine besondere Rolle spielen die Elemente Phosphor und Stickstoff eine große Rolle. Die Universität Kiel forscht derzeit, ob sich Quallen im Umkehrschluss als Dünger einsetzen lassen. 

Algen als Ressource mit Zukunftscharakter

Wenn sich die Tiere als Ware für den EU-Markt durchsetzen, müssten sie natürlich bestimmte Qualitätsvorschriften passieren. Welche das sein werden, ist momentan noch nicht abzusehen, wird aber erforscht. Natürlich könnte man Quallen kontrolliert züchten und die Qualität so steuern. Mit Algen wird das bereits gemacht. Sie sind die großen, zweiten Profiteure der Meererwärmung. Und, wie bereits erwähnt, eine weitere Ressource mit Zukunftscharakter.

Algen gibt es in jedem Meer der Welt. Algen sind Teil der meisten Nahrungsketten, speichern große Mengen Kohlenstoff und sind „systemkritisch“ für das Leben unter Wasser. Rund 400.000 Arten gibt es weltweit und rund 200 davon werden bereits industriell verarbeitet. Tatsächlich sind in 70 Prozent aller industriell verarbeiteten Lebensmittel Algen verarbeitet, etwa als Verdickungsmittel in Joghurt, oder als Farbstoff. Bereits jetzt haben Algen einen Marktwert von 6,4 Mio. Dollar und ein Handelsvolumen von 27 Mio. Tonnen (2014). In Asien im Allgemeinen und Japan im Speziellen gehören Algen traditionell zum Speiseplan. Das prominenteste Gericht ist vermutlich Sushi.

50 t Ertrag bei rund 1 Hektar

Algen werden in mikroskopisch und makroskopisch unterschieden. Mikroskopisch sind kleinste Algenteilchen, Makroalgen können bis zu 60 Meter lang werden. In Japan werden sie in Küstenregionen aus dem Meer oder in Offshore-Anlagen gezogen. Natürlich können sie auch in jedem Bioreaktor oder Fermenter gezüchtet werden. In Klötze in Sachsen-Anhalt steht eine der weltweit größten Algenfarmen. Dort steht ein System aus 500 km langen Glasröhren, gefüllt mit grünem, algendurchzogenem Wasser. Ideal bei 25 bis 28 Grad Celsius wachsen die Algen um das bis zu zehnfache pro Woche. Dabei erwirtschaftet der Bioreaktor auf 1,2 Hektar pro Jahr dreißig bis 50 Tonnen Biomasse pro Jahr. Ein reguläres Weizenfeld kann da nicht mithalten.
Wer sich mit Algen auseinandersetzt, kommt um die Sorten „ Chlorella und Spirulina nicht herum. Beide Sorten sind gut erforscht und deswegen als Lebensmittel zugelassen. Gerade bei Esoterik- und Rohkostfanatikern sind die Algen in der Form von Pulver als Nahrungsergänzungsmittel berühmt. Sie gelten als Superfood und können Teil der Nahrung sein. Sie bieten Ballaststoffe, Kohlenhydrate, Vitamine, Mineralien, Proteine und mehrfach ungesättigte Fettsäuren und sind sogar nicht mal so ungesund. Aus Algen werden Smoothies, Nudeln und viele andere Dinge produziert.

Etwas in Verruf geraten sind Algen, weil bei natürlich gewachsenen Algen aus Asien Verunreinigungen mit Schwermetallen wie Quecksilber, Blei, Arsen und Cadmium vorkommen können. Kritisch ist auch der Jodgehalt, der sehr stark schwanken kann. Deswegen werden Algen vermutlich niemals die Speisekarte übernehmen. Gerade das spricht für den kontrollierten Anbau in einer Zuchtanlage.

Jacques Cousteau, französischer Meeresforschungspionier, sagte in diesem Zusammenhang sehr passend: „Wenn wir die Menschen satt kriegen wollen, müssen wir uns dem Meer zuwenden. Wir müssen es bewirtschaften, wie wir zuvor das Land bewirtschaftet haben.“ Quallen und Algen könnten die Lösung für so manches Problem sein. Wer weiß? Vielleicht essen wir in vierzig Jahren Algennudeln mit Quallenstückchen in einer leckeren Tomatensoße? Mahlzeit!

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