Ferkelkastration

Wissenschaft verurteilt Verlängerung


Die betäubungslose Kastration von Ferkeln wird noch zwei weitere Jahre fortgesetzt werden.
Bild: Pixabay / MabelAmber
Die betäubungslose Kastration von Ferkeln wird noch zwei weitere Jahre fortgesetzt werden.

Noch weitere zwei Jahre dürfen Ferkel ohne Betäubung kastriert werden. Die Uni Hohenheim lud Experten aus Industrie und Lehre zu einer Diskussion ein.

Vor rund 200 Studenten und interessierten Besuchern diskutierten sechs Experten in einem Hörsaal der Uni Hohenheim über die Fristverlängerung für die Ferkelkastration. Prof. Dr. Jens Bülte, der Strafrecht und Wirtschaftsstrafrecht an der Universität Mannheim lehrt, kritisierte die Fristverlängerung aufs Schärfste. Er erinnerte die anwesenden Landwirte daran, dass die betäubungslose Ferkelkastration eine Straftat ist. „Die Weiterführung einer Ausnahme für die betäubungslose Kastration für zwei Jahre ist unverantwortbar. Sie stellt vermeidbares Tierleid dar und ist somit verfassungswidrig,“ erklärte er. Tierschutz ist als Staatsziel im Grundgesetz verankert. „Die Massenstraftaten in der Tierhaltung sind Wirtschaftsstraftaten. Wir lassen aus wirtschaftlichen Gründen ausnahmsweise eine Straftat zu. Stellen Sie sich das mal beim Umsatzsteuerrecht vor, wo jemand sagt: Nein, das zahle ich nicht, das ist mir zu teuer.“
Das vierte Gesetz zur Änderung des Tierschutzgesetzes
Die Kastration männlicher Ferkel im Alter von unter acht Tagen ist im § 21 Abs. 1 Tierschutzgesetz geregelt. Damit auch nach dem 1.1.2019 ohne Betäubung kastriert werden darf, muss dieser Paragraph angepasst werden. Bei der Begründung für die Veränderung des Artikels argumentierten die Antragsteller aus Bayern unter anderem damit, dass die Kastration von Ferkeln unter Betäubung ein Einschnitt ins Grundrecht auf Eigentum wäre.
Auch sei die Begründung für die geplante Veränderung des Paragrafen 21 des Tierschutzgesetzes falsch. „Da steht etwas von Eigentumsrecht. Aber das wird überhaupt nicht berührt“, sagte der Jurist irritiert über die Begründung der GroKo. Trotzdem war sich Bülte sicher, dass die Verlängerung auch im Bundesrat durchgehen, jedoch im Nachgang vor dem Verfassungsgericht gekippt wird. Am Freitag, 14. Dezember, passierte das Gesetz den Bundesrat.

Dr. Clemens Discherl von der Schwarz-Gruppe, zu der auch Kaufland angehört, vertrat die Interessen des Lebensmitteleinzelhandels. Der Einzelhandel habe in der Sache eine eher beobachtende Rolle. Kaufland habe sich für die Ebermast geöffnet und unterstütze die Immunokastration. Auch Rewe hatte die Immunokastration zugelassen und zeigte sich zuletzt sehr zufrieden. Die einzig wichtige Frage sei für Discherl, wie der Verbraucher das Fleisch im Hinblick auf Tierschutz und Fleischqualität akzeptiere. Er fürchte den Kampfbegriff „Hormonfleisch“.

"Die Bauern hätten wohl mitgemacht"

Heinrich Rülfing, Bioschweinehalter aus Norddeutschland, stimmte leise Töne an. Der Diskussion über kastrierte Schweine hatten sich die Biobauern schon vor zehn Jahren gestellt. Er selbst kastriere seine Schweine unter der Betäubung mit Isofloran und Ketamin und habe damit gute Erfahrungen gemacht. „Es ist einfach wesentlich ruhiger, wenn man diese Schreierei nicht mehr hat“, sagte Rülfing. Er erhob schwere Vorwürfe an die Verantwortlichen in den Verbänden. „Ich war überrascht, dass man im Berufsstand nicht mehr getan hat, um ein funktionierendes System zu etablieren. Die Bauern hätten wohl mitgemacht“, ist er sich sicher.

Auch Dr. Volker Stefanski, der in der Runde die Wissenschaft vertrat, sieht die Schuld bei den tatenlosen Verbänden. „Die Alternativen stehen seit Jahren zur Verfügung. Es ist einfach nicht gelungen, die Alternativen auf den Markt zu bringen.“ Er habe kein Verständnis für die Fristverlängerung. Der Goldstandart, der die geringsten Nachteile mit sich bringe, ist aus Stefanskis Sicht die Immunokastration. Sie ist schmerzfrei und löst das Problem des Ebergeruchs. Die Fleischqualität sei mit der von chirurgischen Kastraten vergleichbar. Das Verfahren sei seit zehn Jahren auf dem Markt und würde seit Jahren erfolgreich in anderen Ländern angewandt.

Robert Römer von QS verteidigte die Fristverlängerung. Die Alternativen würden den Anforderungen der Praxis und des Marktes nicht gerecht. Der Markt wolle kastrierte Schweine. Bisher dürfen nur Tierärzte eine Kastration unter Narkose durchführen. Geht es nach der QS, soll eine Ausnahme den Landwirt zur Führung einer Anästhesie befähigen. Eine entsprechende Regelung soll Mitte 2019 kommen, sagte Römer. Darüber hinaus vertrat er die Ansicht, dass sich CO2 zur Betäubung eigne.

Nicht zuletzt diese Aussage rief Dr. Thomas Steidl, Präsident der Landestierärztekammer Baden Württemberg auf den Plan. Ein Ferkel, das mit CO2 „betäubt“ wird, hat das Gefühl, zu ersticken, bis es das Bewusstsein verliert. Und das entspreche nicht dem Tierschutz und hätte auch keine schmerzstillende Wirkung. Steidl kritisierte jedoch deutlich die Betäubung mittels Isofloran: „Man darf nicht vergessen, dass Isofloran wie alle fluorierten Kohlenwasserstoffe die Ozonschicht zerstört. Ein solches Gas jetzt großflächig bei 20 Millionen Ferkeln pro Jahr zu benutzen, wäre genau das Gegenteil von Klimaschutz,“ erklärte der Veterinär. Darüber hinaus habe Isofloran allein keine schmerzstillende Wirkung, sondern bräuchte zusätzlich ein starkes Schmerzmittel.

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