Frei lesbar: Wilke

Skandal mit Ansage

Ein Konfiskat-Raum war gefüllt mit völlig vergammelter Ware, Schimmel, Fäulnis, Gestank.
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Ein Konfiskat-Raum war gefüllt mit völlig vergammelter Ware, Schimmel, Fäulnis, Gestank.

Im Skandal um mit Listerien verseuchte Wurst des nordhessischen Herstellers Wilke reißt der Strom der schlechten Nachrichten nicht ab. Längst ist der Fall ein Politikum.

Seit Anfang Oktober der Betrieb der Firma Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren im beschaulichen, rund 1650 Einwohner zählenden Berndorf wegen Listerienbefalls dichtgemacht wurde, schieben sich die Behörden gegenseitig die Verantwortung zu. Es geht um viel. Schließlich sollen die mit Listerien verunreinigten Produkte zum Tod von drei Personen und Dutzenden Krankheitsfällen geführt haben. Die Zuordnung der Keime vom Typ Sigma1 zu dem Betrieb Wilke gilt seitens des Robert-Koch-Instituts (RKI) als gesichert.

Somit hat Deutschland nach Dioxin und Fipronil in Eiern sowie Pferdefleisch in Lasagne seinen nächsten handfesten Lebensmittelskandal. Einen "Skandal mit Ansage", so sieht es zumindest die Verbraucherorganisation Foodwatch. Auch für die Aktionsgemeinschaft Agrarwende Nordhessen (AGA) ist der Fall nur die Spitze des Eisbergs. Der Fehler liege im System. "Seit Jahren weisen wir darauf hin", sagt Andreas Grede, Vorstand der Initiative.

Grund der Kontamination der Wurstprodukte von Wilke: unhygienische Zustände im Betrieb (siehe Kasten). Behörden beschreiben Zustände, die wohl nur wenige Verbraucher in Deutschland für möglich gehalten hätten.

Kriminelle Energie und Gier

Auch scheint nahezuliegen, dass die Unternehmensführung mit krimineller Energie am Werk war. Gegen den Wilke-Geschäftsführer Klaus Rohloff wird seitens der Staatsanwaltschaft Kassel wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung ermittelt. Doch ist mit dem Fall auch eine Debatte über die Neuaufstellung der Lebensmittelüberwachung entbrannt, die diesem Treiben lange Zeit kein Ende zu setzen vermochte.

Von den erheblichen baulichen Mängeln im Betrieb Wilke, die nach fachlicher Einschätzung bereits seit Längerem bestanden haben müssen, will das Hessische Verbraucherschutzministerium erst nach der Schließung des Betriebes von der einberufenen Task-Force Lebensmittelsicherheit erfahren haben. "Auch wir wollen wissen, wer für diese Zustände verantwortlich ist und wie es sein kann, dass das so lange nicht aufgefallen ist", sagte Hinz am Mittwoch im Umweltausschuss des Landtages.

Für Foodwatch sei klar, dass die hessischen Behörden den Fall Wilke wesentlich begünstigt und seine Dimension erheblich vergrößert hätten. "Wir sehen das Problem auf allen Ebenen", erklärt Dario Sarmadi, Sprecher bei Foodwatch, und meint damit die Kreisverwaltung Waldeck-Frankenberg, deren Veterinäramt für die Kontrolle der Firma Wilke verantwortlich ist, aber auch das für die Fachaufsicht zuständige Regierungspräsidium Kassel sowie die oberste hessische Lebensmittelbehörde: das Verbraucherschutzministerium.

Kern der Kritik: zu wenig Personal und zu viel Nähe zu dem kontrollierten Betrieb. Laut Foodwatch fiel 2018 jede zweite planmäßig vorgeschriebene Betriebskontrolle im Landkreis aus. Es könne zudem nicht gut sein, wenn ein und dieselbe Behörde für Lebensmittelkontrollen und für die lokale Wirtschaftsförderung zuständig ist, hatte auch Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker nach Bekanntwerden des Falls Wilke betont.

Es gibt noch mehr Hinweise auf zu viel Nähe zwischen Wilke und den Behörden: In einem Interview in der Hessenschau von Anfang Oktober hatte der für den Landkreis Waldeck-Frankenberg zuständige Verbraucherschutz-Dezernent den Eindruck erweckt, als sei die "Schließung eines Unternehmens, in dem Freunde und Bekannte arbeiten", ein größeres Problem als der Schutz der Verbraucher.

Auch aus diesem aktuellen Anlass insistiert Foodwatch darauf, die Lebensmittelkontrolle zu zentralisieren. "Diesen Interessenkonflikt müssen wir auflösen, indem die Bundesländer die Kontrolltätigkeit an sich ziehen und auf Landesebene organisieren", so Rücker.

Blaupause der Neuordnung könnte Bayern sein. Seit 2018 unterstehen Bayerns überregional tätige Betriebe der eigens geschaffenen Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (KBLV) – eine Konsequenz aus dem Bayern-Ei-Skandal. Aus Sicht von Foodwatch sollten alle Betriebe eines Landes dieser Behörde unterstellt sein. Vorteile sieht die Organisation auch bei Produktrückrufen, da Informationswege deutlich kürzer wären als bisher.

Anders sieht man dies beim Bundesverband der beamteten Tierärzte, deren Mitglieder in der Aufsicht von fleischverarbeitenden Betrieben arbeiten. "Es geht nicht darum, wo wir die Verantwortlichkeit ansiedeln. Es geht darum, ausreichend Personal und Laborkapazitäten zur Verfügung zu stellen", so Verbandspräsident Holger Vogel. Zudem sei ein unabhängiges Arbeiten vor Ort unabdingbar.

Dies ist die gekürzte Version eines Artikels aus der Agrarzeitung 42/2019, Seite 07. Wenn Sie den gesamten Text lesen möchten, können Sie ein vierwöchiges kostenloses Probeabo für die Agrarzeitung und agrarzeitung.de abschließen. Abonnenten finden den kompletten Artikel hier: Jetzt im E-Paper lesen

1 Kommentar

  1. Istnichtwichtig
    Erstellt 18. Oktober 2019 16:44 | Permanent-Link

    Die EHEC Keime in Biosprossen mit 53 Toten waren kein Skandal?

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