Gänseschäden

"Der Bauer kommt an zweiter Stelle"


Nonnengänse fühlen sich im Rheiderland wohl.
Foto: Hero Schulte, Friesischer Verband für Naturschutz und ökologische Jagd
Nonnengänse fühlen sich im Rheiderland wohl.

Norddeutsche Bauern klagen über Gänse. Das Landvolk Niedersachsen kritisiert Lösungsvorschlag des Landes als „Zwei-Klassen-Regelung“.

Im Ostfriesischen Rheiderland ist es eng. Gans an Gans drängt sich auf den landwirtschaftlichen Flächen. So schön anzuschauen und erwünscht die nordischen Gastvögel auch sind, die Bauern, die an der Küste mit ihren Flächen wirtschaften wollen, beklagen massive Ertragsausfälle. Der Friesische Verband für Naturschutz und ökologische Jagd spricht von Flächenplünderung. Hinzu komme eine massive Verkotung und die Versiegelung der Grasnarbe durch die Latschen der Tiere.

Das Land Niedersachsen versucht über Agrarumweltmaßnahmen die Interessen von Vogelschützern und Landwirten unter einen Hut zu bekommen. Landwirte, die sich am Vertragsnaturschutz beteiligen, bekommen für Bewirtschaftungsauflagen wie eingeschränkes Güllen oder Stopp des Viehauftriebs am 1. November einen festen Betrag ausgezahlt, der bei 260 €/ha liegt. 

Doch das reicht vielen Landwirten nicht. Milchviehhalter Amos Venema, spricht von 70.000 € an Schäden durch die Gänserast - verursacht unter anderem durch das fehlende Futter für die Kühe, den dadurch erforderlichen Zukauf von Futter, Neueinsaaten, Verkotung oder die eingeschränkte Bewirtschaftung. "Die Flächen können nur mit hohen Aufwand und Kosten wiederhergestellt werden", sagt Venema.

Im Vordergrund ist zu sehen wie sich Grünland ohne Gänseäsung entwickelt hätte. Der Schutzkorb stand von Oktober bis Mai.
Foto: Hero Schulte
Im Vordergrund ist zu sehen wie sich Grünland ohne Gänseäsung entwickelt hätte. Der Schutzkorb stand von Oktober bis Mai.

Vogel vor Landwirt

"Das Problem ist mit Geld nicht zu lösen", sagt Landwirt Hero Schulte, der sich im Friesischen Verband für Naturschutz und ökologische Jagd engagiert. Der Vogelbestand müsse gesteuert werden, zum Beispiel über Vergrämung oder über eine angemessene Jagd. Ein paar hundert Gänse wären tolerabel, sagt er. Doch Schulte zählt mittlerweile 100.000 Nonnengänse, Blässgänse und andere Verwandte. Dass die vorherige Landesregierung in Niedersachsen die Blässgans unter Schutz gestellt habe, trage nicht unbedingt zur Lösung des Problems bei. Für ihn ist klar: "Der Bauer kommt an zweiter Stelle". 

Billigkeitsregel soll Schäden ausgleichen

Ein neuer Lösungsansatz des Landes Niedersachsen ist für Schulte ein weiterer Beweis für diese Annahme. Das Land will zwar durch Gänse verursachte Ertragseinbußen ausgleichen. Eine entsprechende Billigkeitsregelung ist in Vorbereitung. Danach sollen Betroffene auf Antrag ab einem Schwellenwert von 500 € die Schäden ersetzt bekommen. Diese Billigkeitsregel soll aber nur für Ackerland gelten. Das Landvolk Niedersachsen kritisiert die Initiative unverzüglich als „Zwei-Klassen-Regelung“. Die Richtlinie soll auch für Grünlandflächen gelten, fordert das Landvolk.

Schulte räumt ein, dass die Schäden für Ackerland leichter zu bestimmen sind, weshalb dort die Billigkeitsregel Sinn machen würde. Um die Schäden im Grünland zu bestimmen, müssten auf jeder Fläche Schutzkörbe aufgestellt werden. Bei 8.500 ha Vogelschutzgebiet wären das 40.000 Körbe, rechnet Schulte vor. Das wäre nicht leistbar. "Der Vogelschutz hat an der Nordseeküste Vorrang. Zumindest auf Grünland", kritisert er. Für die Landwirte müsse das Tolerieren der Gänse auf Grünland attraktiv bleiben. Bei Pachtpreisen von bis zu 800 €/ha würde allein der Vertragsnaturschutz nicht reichen.

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