Der Streit um die am 1. Februar gestartete Gülleausbringung eskaliert. Anwohner argumentieren gegen Bauern, auch Behörden und Medien mischen mit. Der Austausch bleibt dabei nicht immer fair.

Die Düngung spaltet die Lager. Viele tierhaltende Landwirte haben den Termin 1. Februar dringend erwartet, an dem sie ihren Wirtschaftsdünger ausbringen können. Denn die Gülleläger waren oft übervoll. So mancher Bewohner des ländlichen Raums sehnt allerdings die Zeit vor dem 1. Februar zurück. Denn Gülle stinkt. Und das stinkt wiederum vielen Landbewohnern. Das ist jedes Jahr so. Doch in diesem Jahr scheint der Streit eine neue Eskalationsstufe erreicht zu haben - zumindest in den sozialen Netzwerken.

Neuer Internet-Pranger aus Finte

Einen vorläufigen Höhepunkt eines höchst emotional geführten Streits erreicht die Auseinandersetzung um die "Grüne Umwelt" APP. Dort können "schnell und problemlos" Umweltangelegenheiten gemeldet werden. Per Google Maps kann der exakte „Ort des Vorfalles“ eingegeben werden. Hans-Jürgen Schnellrieder aus Finte, der die App im Namen der Partei 'Die Grünen' im Android-Store anbietet, verspricht eine sorgfältige Prüfung der Meldungen und die Anonymisierung der Namen. Doch allein die Möglichkeit der exakten Geopositionierung zeigt, wie weit es mit dem Datenschutz der Beteiligten her ist. "Der Erfinder gehört lebenslänglich in den Knast. Das ist Rufmord", empört sich Mrs. Amadeus. "Muss man dem ungebildeten Städter noch eine Plattform bieten um die Landwirte anzugreifen?", lautet eine der harmloseren Verteidigungen der Bauern von Caro K. im Internet.

Der Hebel, über den Geruchs-Betroffene meinen, den Landwirten das Düngen untersagen zu können, ist der Bodenzustand. Denn ist der Boden durchgefroren oder durchnässt, ist das Ausbringen verboten. Ist der Boden im oberen Bereich aber angetaut, kann sehr wohl ausgefahren werden.
 Im Zweifel können das wohl die Menschen, die täglich mit der Ressource Boden zu tun haben, am besten beurteilen. Und das sind die Landwirte.

"Die größte Frechheit, die ich je gelesen habe."

Das ist auch die Argumentation von Thomas Andresen. Auf Facebook macht der Landwirt sachlich, aber ziemlich geladen seinem Ärger über Anschuldigungen von Umweltschützern Luft. Die hatten behauptet, bei der jetzigen Ausbringung würde Gülle in Gräben und Auen laufen. "Das ist die größte Frechheit, die ich je gelesen habe. Liebe Leute: der Boden taut an", so Andresen in seinem Facebook-Video, das mittlerweile mehr als 750.000 Mal geklickt wurde. Offensichtlich hätten viele Menschen die Beziehung zu den natürlichen Nährstoffkreisläufen komplett verloren, erklärt Andresen, der in Sillerup in Schleswig-Holstein 275 ha bewirtschaftet und 380 Kühe hält.


Thomas Andresen platz der Kragen. Er findet es unglaublich, was zum Thema Düngung von sich gegeben werde.
Foto: Screenshot Facebook
Thomas Andresen platz der Kragen. Er findet es unglaublich, was zum Thema Düngung von sich gegeben werde.


Die Landwirte haben mit Gegenwind zu kämpfen, der aus den verschiedensten Richtungen weht. Zum einen berichten lokale Medien vom Gülle-Gestank, der vermutlich manchen Anwohner in seinem Protest bestärkt. Aber auch Behörden wie das Landwirtschaftsministerium in Mecklenburg-Vorpommern geben eindeutige Warnungen an die Landwirte heraus, sich an die Düngeverordnung zu halten.

"Kein Arsch in der Hose"

Selbst aus den eigenen Reihen wird gewarnt. So sprach Vize-Bauernpräsident Werner Schwarz auf dem VR-Tag Neumünster in den Holstenhallen von "Auswüchsen". In einigen Regionen seien die Konzentration der Tiere und Nährstoffüberschuss zu hoch.

Verteidung für die Landwirte kommt aus einem Lager, das nicht typischerweise für die Bauern Partei ergreift. Norwich Rüße, Sprecher für Landwirtschaft der Grünen im nordrhein-westfälischen Landtag, hält die Melde-App für den "vollkommen falschen Weg". Sie erinnere an die Blockwartzeiten in der DDR oder auch noch davor. Jeder sollte den Arsch in der Hose haben und Vergehen unmittelbar an die zuständigen Behörden melden. "Davor allerdings hielte ich es persönlich immer für sinnvoll, den direkten Austausch mit dem „Übeltäter“ zu suchen, denn nicht jeder vermeintliche Fehler ist ein Fehler", so der Grünen-Politiker.

App-Anbieter sieht sich selbst am Pranger

Mit dieser App sind beispielsweise auch Kennzeichen von Schleppern ins Netz gelangt. Hans-Jürgen Schnellrieder hatt mittlerweile auf die hitzige Debatte reagiert. "Kritik erhalte ich von den Landwirten und ihren Verbänden, obwohl die App nicht gegen Landwirte gerichtet ist. Die Äußerungen sind sehr unsachlich, bis hin zu pornographischen Darstellungen, erklärt Schnellrieder gegenüber agrarzeitung.de. "Allerdings konnte ich nicht verhindern, dass der Eindruck entstehen könnte, es handele sich um eine App, die anonym anprangert, anschwärzt oder denunziert", heißt es in einer Stellungnahme. "Auch habe ich den Vernetzungsgrad der Landwirte über ihre Verbände nicht in vollem Umfang gesehen."

Von Friesland bis Niederbayern wurde die App bereits 3.000 mal runtergeladen, um sie mit anonymen Fake-Meldungen und unschönen Abbildungen zu überlasten. Hervorgerufen wurde dies durch einen Aufruf in einschlägigen Verbandszeitungen, heißt es weiter. Schnellrieder berichtet aber auch von positiven Rückmeldungen. "Landwirte aus Bayern und Friesland machten sich die Mühe mit mir in einen konstruktiven Dialog zu treten."

 

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