Hintergrund

Roth Agrarhandel gestern und heute

HaGe/Felix Krumbholz

Im Jahr 2018 hat die agrarzeitung den Standort von Roth Agrarhandel in Kirchhain besucht, um für eine historische Publikation anlässlich dem 120-Jährigen bei der Roth-Konzernmutter HaGe den Betrieb vorzustellen. Hier gibt es den Blick hinter die Kulissen und in die Firmengeschichte. 

Jetzt, wo sich der Dürresommer 2018 auch im mittelhessischen Kirchhain langsam dem Ende entgegen neigt, ist die vom Weizen ausgehende Wärme deutlich zu spüren. Kraftvoll strahlt sie aus den meterhohen Getreidebergen, fängt sich unter dem Dach der riesigen Lagerhalle. Und so wohlig das Gefühl auf der Haut auch sein mag – die Fachleute beim Roth Agrarhandel sind alarmiert. Daher bricht Andreas Redich jeden Tag zum Kontrollgang in die Getreidehügel auf, ausgerüstet mit zwei Stabthermometern und einem Display.

redaktion agrarzeitung

Immer wieder steckt Andreas die Stabthermometer tief in das gelagerte Getreide und ist auch heute mit dem Messergebnis nicht ganz zufrieden. „Immer noch 20 Grad. Viel zu warm“, stellt er stirnrunzelnd mit einem Blick auf sein Display fest. Der heiße Sommer habe dazu geführt, dass das auf den Feldern rund um Kirchhain geerntete Getreide mit einer Temperatur von 30 Grad Celsius angeliefert wurde. „Wir kühlen jetzt immer nachts über die Lüftung, damit wir auf eine Temperatur von 10 Grad kommen, um zum Beispiel dem Schädlingsbefall vorzubeugen“, erklärt sein Bruder Alexander, der das Geschehen von einem Wandelgang unter dem Dach der Halle aus beobachtet.

Das Team - damals noch mit Ludwig Müller an der Spitze

Die russischstämmigen Brüder sind zwei von rund 35 Mitarbeitern des Roth Agrarhandels am Standort Kirchhain. Schon seit dem Jahr 1965 wird in hier Kirchhain Agrarhandel betrieben. Gegründet wurde die Firma von Otto Roth, der mit den Landwirten aus der Region zusammenarbeitete. Seitdem folgt das Geschäft von Roth Agrarhandel gleichermaßen den unveränderlichen Jahreszeiten und den höchst volatilen Marktbedingungen. „Unser Jahr beginnt Mitte Februar mit dem Düngemittelgeschäft, dann folgen Mitte Mai bis Anfang Juni Saatgut und Pflanzenschutzmittel. Ende Juni beginnt schon die Ernte, die sich bis Mitte August zieht. Und dann verkaufen wir die Erzeugnisse auf dem Markt“, erklärt Ludwig Müller. Er ist seit zehn Jahren einer von zwei Geschäftsführern bei Roth Agrarhandel. Dem 51-jährigen Müller steht mit dem 34-jährigen Andreas Rose ein jüngerer Mitgeschäftsführer zur Seite. Beide verantworten jeweils eigene Geschäftsbereiche und Regionalteams.

HaGe/Felix Krumbholz

In den 70er und 80er Jahren baute Roth in seinem Familienbetrieb den Standort Kirchhain mit zwei Hallen aus. 40 000 Tonnen Getreide können seitdem hier gelagert werden. Einschneidendes Ereignis war auch hier der Zusammenbruch des Sozialismus und die Öffnung der DDR. „Von der Treuhand und aus Insolvenzen wurden Getreidewirtschaftsbetriebe wie der Wittenberger Agrarhandel oder Agrochemische Zentren erworben. Roth trieb die Ost-Expansion zielgerichtet voran und hatte schon früh Kontakte geknüpft“, berichtet Müller.

Heute komme Roth Agrarhandel auf ein Einzugsgebiet von rund 2,5 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Fläche, verteilt über Hessen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen. Das Geschäft besteht vor allem aus Ackerbau, vorwiegend Gerste, Weizen und Raps. „Weiter in den Osten hinein, wo die Böden um Berlin herum leichter werden, steht auch mal der Roggen im Fokus“, so Müller. Die strukturelle Expansion in die Fläche, gepaart mit einem soliden Streckengeschäft vom Erzeuger zum Verwerter, ermöglichen insgesamt 180 Arbeitsplätze im Roth Agrarhandel. Etwa 30 Mitarbeiter im Vertriebsteam und 25 Mitarbeiter in der Auftragsannahme.

HaGe als Zukunftsgarant

Der Einstieg der HaGe in den seit jeher erfolgreich operierenden Roth Agrarhandel war aus der Sicht von Roth ein Stück Zukunftssicherung, auch um die Nachfolge des Familienunternehmens zu regeln. Daher wurden im Jahr 2010 zunächst 60 Prozent von Roth an die HaGe verkauft, die restlichen 40 Prozent folgten im Jahr 2016. „Aus unserer Sicht haben wir durch dem engen Schulterschluss mit der HaGe eine Handelsstufe ausgeschaltet.

Das ist gut fürs Geschäft“, so Müller. Roth sei nun viel enger mit vielen Lieferanten vernetzt, als das noch als freies Handelsunternehmen der Fall gewesen sei. „Außerdem wurden drei Standorte aus dem ehemaligen Besitz der BSL in die Roth-Struktur integriert, was uns insbesondere im Futtermittelmarkt und dem Getreidehandel gestärkt hat.“

Auch was das eigene Angebot angeht, profitiert Roth vom großen Netzwerk – zum Beispiel bei der Digitalisierung. „Wir arbeiten alle auf derselben IT-Plattform“, sagt Müller. Das verkürze Entwicklungszyklen und sei unter dem Strich günstiger. So sei es möglich gewesen, mit der Initiative „Roth Direkt“ die Servicezeiten für die Kunden stark auszuweiten. Auch über die Digitalisierung hinaus sieht Müller das Team des Roth Agrarhandels und der HaGe gut aufgestellt. „Die gemeinsame Struktur mit der HaGe und die schlankere Aufstellung von Roth Agrarhandel ist eine solide Basis, um den immer volatiler werdenden Märkten gewachsen zu sein“, sagt Müller.

 

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