Dänische Forscher nutzen humanmedizinisches Wissen für alternative Haltungskonzepte.
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Dänische Forscher nutzen humanmedizinisches Wissen für alternative Haltungskonzepte.

Stine Mikkelsen ist Krankenschwester, ihr Mann ist Schmied. Gemeinsam bewirtschaften sie einen landwirtschaftlichen Betrieb in Dänemark mit 500 Sauen. Dabei profitiert sie von ihrer medizinischen Ausbildung.

Auf der dänischen Ostseeinsel Bornholm bewirtschaftet Stine Mikkelsen mit ihrem Mann John einen landwirtschaftlichen Betrieb, der seit 400 Jahren in Familienbesitz ist. 1993 übernahm die Dänin den Hof, um die Tradition weiterzuführen. Sie arbeitete damals als Krankenschwester, John als Schmied. Heute managt das Paar einen Betrieb mit 500 Sauen. Jährlich werden rund 14500 Ferkel aufgezogen, von denen 5500 auf einem anderen, zum Betrieb gehörenden Hof gemästet und die übrigen an zwei feste Abnehmer verkauft werden.

Die Landwirte sind von Beginn an Teilnehmer des vom dänischen Genossenschaftskonzern Danish Crown gemeinsam mit dem SEGES Danish Pig Research Centre im Dänischen Fachverband der Land- & Ernährungswirtschaft initiierten Pilotprojektes zur antibiotikafreien Aufzucht von Schweinen.

Stallhygiene spielt zentrale Rolle

Stine Mikkelsen ist zudem Vorsitzende der Schweineproduzentenberatung im Landwirtschaftsverband Bornholms Landbrug, und in dieser Funktion empfängt sie regelmäßig Besucher. Seit die Dänen an dem Programm teilnehmen, ist das Interesse noch gestiegen. „Ich finde die Idee toll. Bereits seit Jahren sind wir bestrebt, den Einsatz von Medikamenten so weit wie möglich zu reduzieren – nach der Devise ‚So viel wie nötig, so wenig wie möglich‘”, so die Landwirtin.

In Dänemark nennt man die antibiotikafreie Aufzucht von der Geburt bis zur Schlachtung ’Opdræt Uden Antibiotika’ (OUA). Nur die Sauen dürfen bei diesem Konzept mit Antibiotika behandelt werden. „Am vierten Lebenstag bekommen alle Ferkel eine Ohrmarke als deutlich sichtbares Zeichen für antibiotikafreie Aufzucht”, erklärt Mikkelsen. Erfordern Erkrankungen eine Antibiotika-Behandlung, wird die Ohrmarke entfernt. Behandelte Tiere werden als konventionelle Schweine geschlachtet und verkauft. Aus Seuchenschutzgründen verbleiben sie bis zur Schlachtung in ihrer Gruppe.

„Ferkel, die schon vor dem vierten Lebenstag behandelt werden müssen, werden per Einschnitt im rechten Ohr sowie Farbspray auf dem Rücken deutlich gekennzeichnet. Sie bekommen natürlich keine Ohrmarke”, ergänzt die Dänin. Die Viertagefrist minimiert die Belastung durch menschliche Eingriffe, weil so die Kastration männlicher Ferkel und die OUA-Kennzeichnung gleichzeitig erfolgen.

Nach dem Start der antibiotikafreien Aufzucht 2014 folgte ein Versuchsjahr und 2016 die systematische Eingliederung in die Sonderproduktionskonzepte von Danish Crown. Die erfolgreiche Durchführung der antibiotikafreien Aufzucht stellt besondere Anforderungen an das Management sowie an eine Reihe von weiteren Produktionsparametern. „Wir dürfen weder tierische Fette noch Blut- oder Fischprodukte verfüttern. Der komplette Verzicht auf Fischmehl ist eine Herausforderung, für die wir aber eine gute Lösung gefunden haben”, berichtet Mikkelsen. Beim Abferkeln spielt die Stallhygiene eine zentrale Rolle. Hier setzen die Erzeuger unter anderem auf Kartoffelmehl und Stalosan, das in die Buchten eingestreut wird. „Anfangs beobachteten wir in den Tagen nach dem Werfen im Klimastall Fälle von Gelenkentzündungen, Verdauungsbeschwerden und Nabelbrüchen. Die im Kartoffelmehl enthaltenen Ballaststoffe zeigen hier eindeutig eine positive Wirkung. Pro Abferkelbucht verwende ich eine Handvoll Kartoffelmehl, pro Klimabucht eine halbe Kelle. Heute verzeichnen wir kaum noch Absetzdurchfall, meines Erachtens eine Folge von erhöhter Hygiene und dem Einsatz von Kartoffelmehl”, glaubt Mikkelsen.

Impfstoffe aus Deutschland

Relevante Impfungen sind ein weiterer Schlüssel für ein Maximum an Tiergesundheit. Insbesondere Gelenkentzündungen sind ein großes Problem, da sie normalerweise unbedingt mit Antibiotika behandelt werden müssen. „Wir konnten die für Gelenkentzündungen verantwortlichen Bakterien identifizieren, um einen wirksamen Impfstoff zu finden. Für diesen Anwendungsbereich gab es keine geeigneten Impfstoffe. Deshalb wurde in Zusammenarbeit mit Vaxxinova in Cuxhaven eine Autovakzine entwickelt“, berichtet die Landwirtin.

Die hierfür notwendigen Bakterien werden im SEGES Labor für Schweinekrankheiten im jütländischen Kjellerup isoliert. Das Labor schickt die Bakterienisolate an das Veterinärinstitut der Technischen Universität (DTU) in Kopenhagen, die mit der Firma Vaxxinova in Cuxhaven vertraglich die Herstellung von Autovakzinen vereinbart hat. Rund drei Wochen vor dem Abferkeln werden die Sauen mit Autovakzine behandelt. Dies reduziert den Antibiotika-Behandlungsbedarf wesentlich und wirkt sich auch positiv auf Nabelbruch-Vorkommen aus.

„Seuchenschutz ist in der antibiotikafreien Schweineaufzucht ein Erfolgsfaktor. Hier kommen mir meine Ausbildung und die Arbeit als Krankenschwester zugute, denn Hygiene ist bekanntlich das A und O“, weiß Mikkelsen. In der Hygieneschleuse ihres landwirtschaftlichen Betriebs sind ein kompletter Kleidungswechsel sowie Waschen und Desinfizieren der Hände feste Programmpunkte. Zwischen den einzelnen Stallabschnitten werden die Stiefel gewechselt. Jeder Abschnitt verfügt über eigene Geräte. Die Buchten werden nach Möglichkeit nicht betreten. Nach Betreten einer Bucht mit Durchfall steht sofort ein Stiefelwechsel an. Bei der Behandlung von Ferkeln im Abferkelstall wechselt sie zwischen jeder Gruppe Schutzhandschuhe und Kanülen. Dies sind nur einige der vielen einzuhaltenden Vorschriften. „Beim stets einzuhaltenden Rein-Raus-Prinzip haben wir vom Wochenrhythmus auf einen 14-Tage-Rhythmus umgestellt. Dies bringt zwar weniger Ferkel pro Sau und Jahr sowie eine etwas geringere Auslastung, was ich aber eigentlich positiv sehe”, erklärt die Landwirtin.

Die Dänin nimmt auch an dem Pilotprojekt teil, weil sie mit dabei sein möchte, wenn es darum geht, etwas Neues zu schaffen. „An Veränderungen mitzuwirken, ein First Mover zu sein, das ist mir wichtig. Der Antibiotikaverbrauch ist nun mal ein wichtiges Thema. Können wir uns als Pioniere dieser neuen Produktionsform auf dem Gebiet einen Vorsprung verschaffen, wäre das optimal”, meint Mikkelsen. Es geht ihr dabei nicht nur ums Geld. Es erfüllt sie vielmehr mit beruflichem Stolz, wenn es ihr gelingt, möglichst viele Tiere antibiotikafrei zu halten: „Wir müssen so agieren, als hätten wir keine Antibiotika. Das heißt: Wir müssen noch vorbeugender denken und handeln.“

Antibiotikafrei hat Zukunft

Fachleute gehen übrigens stark davon aus, dass das Programm auch im größeren Maßstab funktionieren kann. „Die Erzeugung von niemals mit Antibiotika behandelten Schweinen lässt sich als Teilbereich in bestehende Betriebe integrieren. Dies erfordert allerdings einen konsequenten Fokus auf Wohl und Gesundheit der Tiere“, ist Poul Bækbo, Chefberater im SEGES Pig Research Centre, überzeugt. Standardlösungen greifen seiner Ansicht nach aber nicht. Wichtige Aspekte sind optimaler Seuchenschutz unter anderem durch die strikte Einhaltung des Rein-Raus-Prinzips sowie sorgfältig angepasste Futtermittel. Auf Grundlage der bisherigen Erfahrungen gilt es zudem, stets eine optimale Stallhygiene und hohe Hygienestandards bei der Behandlung der Tiere zu gewährleisten. Impfungen beziehungsweise Autovakzine sowie eine intensive Mitarbeiterschulung sind weitere wichtige Aspekte.

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