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"Clean Meat" ist eine Frage der Akzeptanz

Wer käme schon auf die Idee, dass dieses Stück Fleisch nie geschlachtet wurde?
Bild: Aleph Farms
Wer käme schon auf die Idee, dass dieses Stück Fleisch nie geschlachtet wurde?

Mehrere Dutzend Unternehmen versuchen, Fleisch durch Zellvermehrung zu produzieren. Welche Rolle die Produkte in Zukunft spielen werden, hängt von vielen Fragen ab. Die meisten, etwa zu Regulierung und Kennzeichnung, sind noch unbeantwortet.

„Clean Meat“ könnte in den kommenden Jahren die Fleischproduktion und- Vermarktung revolutionieren. Prof. Hans-Wilhelm Windhorst verweist auf Schätzungen, wonach im Jahr 2030 rund 20 Prozent des globalen Verbrauchs durch In-vitro-Fleisch gedeckt werden könnte. Gerade die junge Generation mache sich viele Gedanken zum Klimawandel und zur Verfügbarkeit von Ressourcen. „Die stehen sicherlich diesen Produkten offener gegenüber als ältere Jahrgänge“, vermutet der Fachmann vom Wissenschafts- und Informationszentrum nachhaltige Geflügelwirtschaft (WING) in Vechta. Es müsse aber sichergestellt werden, dass diese Produkte ohne Bedenken konsumiert werden können. Dafür sei noch einige Überzeugungsarbeit zu leisten, sagte Windhorst bei einer Diskussionsrunde auf dem Kongress Farm & Food 4.0 kürzlich im Rahmen der Grünen Woche in Berlin.

Wunsch nach Nachhaltigkeit erfüllt

Die Ökotrophologin Simone Frey ist davon überzeugt, dass sich diese Produkte im Markt schnell durchsetzen werden. Gesundheit und Nachhaltigkeit seien zwei entscheidende Verbraucherwünsche, die vom sogenannten Clean Meat erfüllt werden. Fabio Ziemßen vom Einzelhandelskonzern Metro ist sich sicher, dass sich der Handel „diesen neuen Lösungen radikal öffnen muss“. Notwendig sei aber, darüber aufzuklären, warum das Fleisch aus der Petrischale gebraucht würde, um im Jahr 2050 zehn Milliarden Menschen auf der Erde ernähren zu können.

Bei der Frage, wie der Verkauf des Clean Meat reguliert werden soll, sieht Prof. Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), noch einige offene Punkte. Wer neue Lebensmittel auf den Markt bringe, müsse zeigen, dass sie genauso sicher sind wie ein konventionelles Produkt, stellt Hensel klar. Bei der Frage, ob die vermehrten Zellen als Fleisch bezeichnet werden dürfen, seien die Erwartung und die Wahrnehmung des Verbrauchers entscheidend.

Auch in Zukunft werde herkömmlich produziertes Fleisch eine große Bedeutung haben, ist sich Peter Wesjohann, Chef des Geflügelproduzenten PHW, sicher. Als Fleischproduzent müssen man sich aber an verschiedene neue Entwicklungen anpassen. Sein Unternehmen beschäftigt sich deshalb mit der Produktion von pflanzlichen Fleischersatzprodukten, In-vitro-Fleisch und Insekten. Ziel sei dabei, sich als Anbieter von hochwertigen Proteinen zu profilieren.
„Junge Generationen stehen In-vitro-Fleisch offener gegenüber als ältere Jahrgänge. “
Prof. Hans-Wilhelm Windhorst, WING, 


Beim Thema In-Vitro-Fleisch verfolge man einen „pragmatischen Ansatz“. Aus einer „Fleischmasse“ sollen in drei bis fünf Jahren vermarktungsfähige Produkte entwickelt werden, so der PHW-Chef. Mit den Erfahrungen in der Logistik, bei Convenience-Produkten und im Vertrieb sei man in der Lage, das Laborfleisch „relativ schnell auf den Markt zu bringen“.

Unterdessen sieht BfR-Präsident Hensel die konventionelle Tierhaltung noch lange nicht am Ende. Einerseits falle Fleisch als Nebenprodukt der Milch- und Eierproduktion weiter an. Bedenken müsse man auch, dass Tiere nicht nur Fleisch lieferten.

Gummibärchen und Lederwaren

Zur Herstellung von Lederwaren oder für die Gelatine in Gummibärchen würden auch in Zukunft Rohstoffe benötigt, die von Tieren stammen, so der BfR-Präsident.

Aus Brüssel meldete sich in der vergangenen Woche der grüne Europaabgeordnete Martin Häusling zu dem Thema zu Wort. Der agrarpolitische Sprecher seiner Fraktion sieht beim Thema viele offene Fragen. „Wir brauchen definitiv mehr Daten, um diese Technologie umfänglich zu bewerten“, stellt er in einem Positionspapier fest.

So fehlten bisher Informationen zu Umwelt- und Klimaauswirkungen, zur Patentierung und zu den Eigentumsverhältnissen. Den Vorwurf der Innovationsfeindlichkeit weist der Grünen-Politiker zurück. „Vor einigen Jahrzehnten befürwortete die grüne Bewegung Biogas und Agrotreibstoffe recht unkritisch, daraus sollten wir lernen“, erinnert Häusling an die Erfahrungen aus der kontroversen Debatte um „Teller versus Tank“. Klar ist für Häusling, dass das Fleisch als GVO-Lebensmittel gekennzeichnet werden muss, falls gentechnische Verfahren bei der Produktion eingesetzt werden. Zudem müsse bedacht werden, dass 40 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen Grasländer sind, die nur durch die Tierhaltung landwirtschaftlich genutzt und erhalten werden könnten.

Kein Beitrag zum Klimaschutz

„Laborfleisch trägt im Gegensatz zur Weidehaltung nicht aktiv zum Klima- und Bodenschutz, zur Grundwasserneubildung und zur Artenvielfalt bei“, stellt Häusling fest. Die Diskussion über Laborfleisch als die vermeintlich einfache Lösung lenke das Augenmerk von den insgesamt komplexen weltweiten Problemen durch die Tierhaltung ab. „Wir beobachten neue Innovationen mit Interesse, aber stellen das Ziel einer flächengebundenen, artgerechten Tierhaltung in den Vordergrund“, so die abschließende Einschätzung.


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