Interview: Folker Hellmeyer, Chefanalyst BLB

"Fliehkräfte bestimmen Bild der EU"


Europa muss endlich mehr Verantwortung in der Welt übernehmen, findet Folker Hellmeyer.
Alciro Theodoro da Silva
Europa muss endlich mehr Verantwortung in der Welt übernehmen, findet Folker Hellmeyer.

Die Europäische Union ist grundsätzlich in guter Verfassung, meint Folker Hellmeyer. Die positive wirtschaftliche Entwicklung in der Gemeinschaft muss jedoch von den richtigen politischen Weichenstellungen begleitet werden, mahnt er.

agrarzeitung.de: Wie sehen Sie als Finanzanalyst die Welt politisch?

Hellmeyer: Die geopolitische Situation ist extrem kritisch. Seit 1990, dem Fall des Kommunismus, dem Beginn der sportlichen Globalisierung, hat sich eine dynamische finanzökonomische Machtachsenverschiebung zu Gunsten der aufstrebenden Länder ergeben.  Ihr Anteil an der Weltwirtschaft ist von circa 20 auf 64 Prozent gestiegen. Diese Veränderung ist in den bedeutenden internationalen Gremien, ob beispielsweise UNO, Internationalem Währungsfonds oder der Weltbank, nicht gespiegelt worden, obwohl das seitens des Westens, also USA und Europa, immer wieder versprochen wurde.

Was sind die Folgen?

Hellmeyer: Die Krisen und Unsicherheiten, mit denen wir von Afghanistan bis zur Ukraine und Syrien konfrontiert sind, sind Ausdruck dieser Ineffizienz und der Machtauseinandersetzung zwischen maßgeblich den USA und ihren  Verbündeten und den aufstrebenden Ländern unter der Führung der Achse Peking/Moskau.  Dabei bedient sich der Westen maßgeblich der destruktiven Regime-Change Politik, während die Achse Peking-Moskau das  konstruktive Modul  des Infrastrukturaufbaus im Rahmen des Projekts „One Belt – One Road“ verfolgt. Vor diesem Hintergrund wird es Zeit, dass Kontinentaleuropa auch  außenpolitisch eine größere Rolle spielt und Verantwortung übernimmt.

Ist Europa wirtschaftlich dazu in der Verfassung ? 

Erfahrener Analyst

Seit mehr als 30 Jahren ist Folker Hellmeyer  in der internationalen Finanzwirtschaft tätig. Seit 2002 ist er Chefanalyst der Bremer Landesbank, die heute zur Nord LB gehört. Sein Vortrag auf dem diesjährigen Gala-Abend der agrarzeitung (az) stand unter dem Motto „Welt aus den Fugen – was gilt morgen?“

Hellmeyer: Kontinentaleuropa ist sehr viel „gesünder“, als in der Öffentlichkeit immer wieder dargestellt. Im Rahmen der Strukturreformen ist das außenwirtschaftliche Ungleichgewicht, geprägt von markanten Außenhandelsdefiziten in den Südländern, weitest gehend bereinigt. Die Eurozone weist im Gegensatz zu den USA, dem Vereinigten Königreich  und Japan  einen positiven öffentlichen Strukturhaushalt knapp unter ein Prozent des Brutto-Inlands-Produkts aus. Die konjunkturellen Divergenzen beginnen sich innerhalb der Eurozone zu schließen.


Wie beurteilen Sie die politische Lage der EU?

Hellmeyer: Politisch ist die Situation der EU kritisch zu beurteilen. Fliehkräfte bestimmen das aktuelle Bild. Der „Brexit“ macht dieses Dilemma deutlich. Ich sehe im „Brexit“ aber weniger ein Risiko als vielmehr eine Chance.

Wie meinen Sie das?

Hellmeyer: Bis 1965 war das Ziel der europäischen Konvergenz immer die politische Einheit. Erst mit der Debatte um den Beitritt des UK, der von den USA 1965 lanciert wurde, nahm man davon Abstand.  In einer prekären wirtschaftlichen Situation des Vereinigten Königreichs - oder UK-  stand Kontinentaleuropa an der Seite des UK, um latent ab 1984 dem UK Sonderregelungen zu Lasten der Gemeinschaft zu gewähren. Mehr noch hat das UK die politische Integration der EU verhindert und damit auch verhindern helfen, dass Europa eine vernehmbare außenpolitische Stimme etablierte. Der „Brexit“ kann diesbezüglich eine Befreiung darstellen.

Was wären wirtschaftliche Folgen des Brexit?

Hellmeyer: Wirtschaftlich stellt ein potentieller Brexit eine Chance für Kontinentaleuropa dar. Die global agierenden Unternehmen, die das UK als Produktionsplattform nutzen, werden Teile der Produktion nach Kontinentaleuropa verlagern. Damit würde hier der Kapitalstock, der Lebensnerv einer Wirtschaft und die Basis der Prosperität, zunehmen.  Aber es gibt auch noch das Problem Osteuropa.

„Die deutsche Agrarwirtschaft ist bezüglich der Qualitätstandards auf einem der Spitzenplätze weltweit.“
Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, 
Inwiefern?

Hellmeyer: In der Expansion der EU nach Osten wurde mit heißer Nadel genäht. Nur eines von zwölf Ländern erfüllte die Vorgaben zum Beitritt. Das fällt uns heute auf die Füße. Die Antwort kann nur ein Europa der zwei Geschwindigkeiten sein. Die Eurozone integriert sich stärker und wird zu einer politischen Größe. Mit der zukünftigen EU-27 ist keine nachhaltige politische Handlungsfähigkeit im Außenverhältnis machbar.

Wie beurteilen Sie die wirtschaftlichen Perspektiven der EU?

Hellmeyer: Wir wachsen in der Eurozone mit dem höchsten Wachstumsclip seit 10 Jahren. Reformländer stehen an der Spitze der Wachstumsträger. Der maßgebliche Wachstumstreiber liegt in den wiederkehrenden Einkommen, ganz im Gegensatz zu den USA und dem UK, wo Kredite die primären Treiber waren und sind. Anders ausgedrückt besticht die wirtschaftliche Expansion der Eurozone bezüglich der Qualität und auch der damit einhergehenden Widerstandskraft.  Mehr noch hat die Eurozone  mit nur 4,6 Prozent  der Weltbevölkerung einen Anteil an den „Hidden Champions“ mit ihrem innovativen Kapitalstock von mehr als 60 Prozent. Die fehlende politische Synergie Kontinentaleuropas verhindert, dieses Potential besser auszunutzen.

Welche Rolle spielt Deutschland in der EU?

Hellmeyer: Deutschland ist und bleibt das Schwergewicht innerhalb der Eurozone als auch der EU. Mit Paris stellt sich die Aufgabe, die Eurozone und die EU neu zu konfigurieren. Dabei ist es weise, in der öffentlichen Wahrnehmung Paris eine tragende Rolle zukommen zu lassen.

Wird das mit einer Jamaika-Koalition an der Regierung gelingen?

Hellmeyer: Inwieweit die neue deutsche Regierung die Abstraktionskraft für die offensichtlichen Aufgaben der Neustrukturierung hat, ist offen. Die in den aktuellen Sondierungsverhandlungen offenbar werdenden Positionen sind diesbezüglich wenig ermutigend. Sollten wir die Notwendigkeiten auf der politischen Bühne nicht erkennen wollen, wird Kontinentaleuropa perspektivisch einen hohen Preis zahlen und an Bedeutung verlieren.

Wie kann das verhindert werden?

Hellmeyer: Am Ende ist es elementar, dass der Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok Realität wird. Wir haben die Technologie, Russland hat die Rohstoffe und Asien das Nachfragepotential. Das Problem Ukraine lässt sich für die Menschen vor Ort nur mit Europa und mit Russland lösen, nicht gegen Russland!

Wie beurteilen Sie Deutschland als Standort für die Agrar- und Ernährungswirtschaft?

Hellmeyer: Wir sind bezüglich der Qualitätsstandards der Produktion und Tierhaltung auf einem der Spitzenplätze weltweit. Die mediale Berichterstattung und auch das Wirken vieler Nicht-Regierungsorganisationen verkennen diese Tatsachen. Sollte die Überregulierung sich für den Sektor weiter fortsetzen, wird er  leiden. Wir würden am Ende aus Drittländern importieren, die nicht unsere aktuellen Standards erfüllen.  Das kann und darf  nicht passieren. Ich erwarte mehr Fairness gegenüber der deutschen Agrar- und Ernährungswirtschaft. Mein Fazit lautet, dass die aktuellen Strukturen gefährdet sind.

Bleiben Deutschland und Europa attraktive Standorte für Unternehmen und Investitionen?

Hellmeyer: Grundsätzlich lautet meine Antwort „ja“. Die Wirtschaftscluster mit engen und guten Zulieferwegen und Anbietern bei im internationalen Vergleich höchsten Rechtsstandards sind und bleiben attraktiv. In Deutschland ist das Problem der Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte aber erkennbar ein Hemmnis. Aus diesem Grund sehe ich mehr Potential im Rest der Eurozone und der EU.

Wird die  EU in der sich verändernden Welt langfristig behaupten können?

Hellmeyer: Es gibt keine Garantien. Auf kurze Sicht sehe ich keine Unfälle, da die breite Konjunkturerholung die Selbstwahrnehmung in Kontinentaleuropa positiv beeinflussen wird. Die politischen Randkräfte, die zuletzt prominent die Schlagzeilen bestimmten, werden absehbar an Boden verlieren.

Und wie ist die langfristige Perspektive?

Hellmeyer: Sollten wir keine strukturellen Reformen in Richtung des Europas der zwei Geschwindigkeiten und damit der außenpolitischen Wahrnehmung und wichtiger Vertretung unserer eigenen Interessen auf internationalem Parkett einleiten und umsetzen, ist der mittel- und langfristige Ausblick gekoppelt mit einer ökonomischen Substanz-  und Wohlstandserosion. Dies würdeschlussendlich negativ auf die politische Stabilität wirken.

Gibt es ein Verfallsdatum für die EU in ihrer heutigen Struktur?

Hellmeyer: Die Struktur der EU und der Eurozone als auch der Status der Eurozone sind auf Sicht einer Generation, also 25 Jahre, so nicht haltbar. Der Politikansatz von 1957 bis 1965 getragen von General De Gaulle ist in einer Welt, die in Ansätzen wieder in Blöcke zerfällt, wiederzubeleben, um nachhaltige Zukunft gestalten zu können.

Die Fragen stellte Dr. Jürgen Struck

 

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