Interview mit Anselm Elles

„Ein Weckruf war dringend erforderlich“

Land schafft Verbindung sollte selber ein regelmäßiges Angebot zum Dialog gestalten, schlägt Anselm Elles vor.
afc
Land schafft Verbindung sollte selber ein regelmäßiges Angebot zum Dialog gestalten, schlägt Anselm Elles vor.

Der Kommunikationsberater findet die Proteste der Landwirte wichtig. Nun müssten sich alle bewegen und zu einem konstruktiven Dialog finden.

agrarzeitung: Die Protestaktionen von ‚Land schafft Verbindung‘ haben spektakuläre Bilder von Traktoren-Konvois produziert – und auch  viele positive Reaktionen in Publikumsmedien oder in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter. Reicht das aus, um Änderungen am Agrarpaket herbeizuführen?

Anselm Elles: Es ist richtig, dass die Bauern auf die Barrikaden gehen. Politiker haben Agrarpolitik an den Landwirten vorbei gestaltet. Verbraucher wollen zwar mehr Tierwohl und weniger Pflanzenschutz-Einsatz, greifen aber in der Mehrheit an der Ladentheke nicht tiefer in die Tasche, um den Mehraufwand für die Landwirte durch solche Auflagen zu unterstützen. Da war ein Weckruf dringend erforderlich.

Demonstration: Bauernprotest erreicht das Regierungsviertel


Aber wenn die Traktoren-Konvois künftig ausbleiben: Sehen Sie die Gefahr, dass die Wirkung der Proteste verpufft, die öffentliche Aufmerksamkeit sich auf andere Themen richtet und die Politiker in Bund und Ländern quasi zur Tagesordnung übergehen?

Proteste schaffen Aufmerksamkeit für ein Problem. Die Initiative ‚Land schafft Verbindung‘ hat ein Bewusstsein für die Sorgen der Landwirtschaft kreiert: dass die Landwirte sich existenziell bedroht sehen durch Auflagen im Aktionsplan Insektenschutz im Kontext des internationalen Wettbewerbs, dass sie sich bei der Gestaltung der Politik in so wichtigen Fragen wie dem Biodiversitätserhalt, dem Tierwohl und dem Gewässerschutz übergangen fühlen als unmittelbar Betroffene, und dass ein ‚Bauern-Bashing‘ durch Verbraucher in den Städten nicht weiterführt. Stattdessen, so die Forderung der Landwirte, müssen alle Seiten miteinander statt übereinander reden, um eine in allen Belangen nachhaltige Agrarpolitik zu gestalten.

Wie kann es denn ‚Land schafft Verbindung‘ gelingen, das Momentum der Straßenproteste in langfristige Politikgestaltung zu überführen?

Land schafft Verbindung sollte selber ein regelmäßiges Angebot zum Dialog gestalten, sollte Verbraucher, Agrarpolitiker und Verbände an den Tisch bitten. Auch die Anbieter fortschrittlicher Betriebsmittel sollten hierbei eingebunden werden, ohne Werbekontext, sondern um aufzuklären wie innovativ Landwirtschaft ist.

Also eine Art Arbeitskreis. Sollte der Deutsche Bauernverband den mitorganisieren?

Ich halte es für wichtig, dass ‚Land schafft Verbindung‘ tatsächlich diejenigen sind, die, wie sie es im Übrigen ja auch selber formulieren, zu Tisch bitten. Es geht jetzt darum authentische Bilder zu nutzen um auf die Situation hinzuweisen, in der sich die Landwirte befinden. Dabei müssen sich alle bewegen und zu einem konstruktiven Dialog finden. Welche Rolle der Bauernverband dabei spielt ist zunächst unerheblich. Es sollte aber meiner Einschätzung nach der Eindruck des Lobbyismus dringend vermieden werden, da dies nur wieder Lager schafft.

Warum ist das so wichtig?

Die Initiative funktioniert deshalb so gut, weil sie es schafft, Emotionen anzusprechen. Und das gelingt ihr, weil sie keine etablierte Institution ist, sondern eine Graswurzelbewegung, bei der einzelne Landwirte, also Personen und ihre Geschichten, im Vordergrund stehen. Das ist übrigens auch das Erfolgsrezept von ‚Fridays for Future‘: Die Bewegung hat es auch geschafft, eine ernsthafte Auseinandersetzung über den Klimaschutz in Gang zu setzen, weil sie ihre Themen über Personen wie eben Greta Thunberg transportiert.

Sollten Fridays for Future mit an den Tisch?

Ja, durchaus. Die politischen Auseinandersetzungen über Themen, für die ‚Fridays for Future‘ stehen, werden weitergehen. Am Runden Tisch können Landwirte ihre speziellen, fachlichen Belange in die politische Auseinandersetzung einbringen und sicherlich einen wertvollen Beitrag leisten, die Diskussionen zu versachlichen.

Nun bitten aber zunächst einmal Kanzlerin Merkel und Bundesagrarministerin Klöckner an den Tisch, zum Agrargipfel am kommenden Montag…

Es ist ein wichtiges Signal und dringend erforderlich, dass die Bundeskanzlerin die Auseinandersetzung über das Agrarpaket auf ihre Hierarchieebene hebt. Bundesagrarministerin Julia Klöckner und Bundesumweltministerin Svenja Schulze blockieren sich mit ihren Konflikten untereinander über das Agrarpaket, da muss erst einmal ein Konsens herbeigeführt werden. Und es ist ein Signal der Wertschätzung an die Landwirtschaft.

Aber was ist mit den von Bundesagrarministerin Klöckner angekündigten Road Shows über die Landwirtschaft: Nützen diese den Anliegen der Landwirte?

Es ist sicher von Vorteil, wenn beide Seiten an ihre jeweiligen Tische bitten: Politiker und vor allem Land schafft Verbindung.  Allerdings muss auch die Politik hier wieder verlässlicher werden, ein Landwirt plant nicht in Jahren, er plant in Generationen!

Was halten Sie von Solidaritätsbekundungen oder gar Sponsorings durch Unternehmen in der Wertschöpfungskette Agrar?

Ich finde es zunächst wichtig, dass sich die Landwirte untereinander solidarisieren. Wie schon gesagt, Lobbyismus verfängt bei der derzeitigen Diskussion nicht. Es Bedarf eher einer Allianz, bei der Landwirte mit fortschrittsorientierten Stakeholdern die Themen für die Verbraucher, insbesondere in den Städten, aufbereiten und so die Diskussion sachlich und fachlich fundiert führen können. Hier sind die Inputindustrie, die Wissenschaft aber auch die Verarbeiter und der Handel durchaus gefordert.

Beratung für Akteure aus der Lebensmittelkette

Anselm Elles Geschäftsführer AFC Consulting Group in Bonn. Die Mandanten der Unternehmensberatung kommen überwiegend aus den Bereichen: Ernährungsindustrie, Zulieferbranchen, Großverbraucher, Landwirtschaft, Agribusiness, Behörden Verbände und Handel.

Kommentare

Ihre E-Mail wird weder veröffentlicht noch weitergegeben. Notwendige Felder haben einen *

Spielregeln

stats