Interview mit Anthony Lee zur Flutkatastrophe

"Zu schlecht vorbereitet"

LsV-Sprecher Anthony Lee ist am 19. Juli mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner im von der Flut zerstörten Walporzheim unterwegs.
Foto: Privat
LsV-Sprecher Anthony Lee ist am 19. Juli mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner im von der Flut zerstörten Walporzheim unterwegs.
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Der Sprecher von Land schafft Verbindung, Anthony Lee, hat sich ein Bild vom völlig zerstörten Walporzheim im Landkreis Ahrweiler gemacht. Wetterextreme wird es künftig häufiger geben, meint er und mahnt, sich zügig darauf vorzubereiten.

agrarzeitung (az): Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Anthony Lee: Die Hilfsbereitschaft in der Landwirtschaft und auch darüber hinaus ist enorm. Es gab eine Hilfsaktion für Tierhalter, deren Felder durch die Flut zerstört wurden. Berufskollegen spendeten Futter sowie Heu und Stroh. Aber damit ist es nicht getan. Nun stehen betroffenen Landwirte vor der Herausforderung, wie die zerstörte Ernte entsorgt werden kann und wer die Kosten dafür trägt.

Ich selbst bin vor Ort im von der Flut völlig zerstörten Walporzheim im Landkreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz gewesen. Als erste Politikerin stattete uns Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, am Tag 6 nach der Flut, einen Besuch ab. Wir gingen gemeinsam durch das zerstörte Walporzheim. Ihr Engagement halte ich ihr zugute. Beispielsweise hat sie gemeinsam mit dem Raiffeisenverband für die Helfer Schaufeln und Stiefeln organisiert. In den sozialen Medien wurde daran Kritik geübt. Es hieß dort, man mache sich gemein mit Frau Klöckner. Das halte ich für Nonsens, sie hat uns geholfen und dieses Engagement wollen wir ja von der Politik. Anderen Belange, die uns an der Politik von Frau Klöckner stören, müssen nun hinten anstehen.

Was hätte denn besser funktionieren müssen?

Als ehemaliger Zeitsoldat und Polizist weiß ich, wie sehr der Staat Stellen in den vergangenen Jahrzehnten eingespart oder nicht nachbesetzt hat. Katastrophenübungen finden kaum noch statt. Der Bundesweite-Warntag in Deutschland im letzten Jahr war schon ein Reinfall. Alarmierungen sind somit, wenn überhaupt nur ungenügend möglich. Wetterextreme wird es künftig häufiger geben, darauf müssen wir uns dringend vorbereiten. Wir müssen aus unseren Fehlern lernen. Es sind Menschen zu Tode gekommen. In Rheinland-Pfalz werden 59 Menschen vermisst, es gibt mehr als 200 Opfer.

Waren Landwirte, die mehr mit dem Wetter in Berührung kommen als andere, vorbereitet?

Markus Wipperfürth aus Köln hat seinen Hof bereits zwei Tage vorher wetterfest gemacht und darüber live bei Facebook berichtet.  Er hat seine Mistplatte geräumt und Fahrzeuge aus dem Weg geräumt. Andere haben ihre Pumpen herausgeholt. Allerdings hat das denjenigen nicht geholfen, deren ganzer Hof weggespült wurde. Ich weiß von mehr als 180 landwirtschaftlichen Betrieben, die einen Totalschaden erlitten haben.

Nichtsdestotrotz trifft den Deutsche Wetterdienst keine Schuld. Dieser hatte vor starkem Regen gewarnt. Auch Jan Schenk von „The Weather Channel“ sagte: „Die Wettermodelle haben so stark ausgeschlagen, dass man schon von Unwetter durch Starkregen sprechen konnte.

Sogar das europäische Flutwarnsystem EFAS hatte eine Warnung vor „extremem Hochwasser“ herausgegeben. Dass dennoch so viele Menschen sterben mussten, sei „ein monumentales Systemversagen“, sagte die britische Hydrologin Hannah Cloke, eine Beraterin der EU-Kommission für EFAS.

Ich mache dem öffentlichen Rundfunk Vorwürfe, die Info nicht ausreichend verbreitet zu haben. Anwohner berichteten mir, dass gar nicht oder erst gewarnt wurde als die Welle schon da war.

Wie geht es jetzt für Flutopfer aus der Landwirtschaft weiter?

Für überschwemmte Felder, die zwangsläufig aus der Produktion fallen, darf keine Agrarförderung mehr fließen. Betroffene Landwirte müssen also einen Antrag stellen, in denen sie diese Flächen melden, um ihre Prämien anzupassen. Wichtig zu wissen ist allerdings, dass die Frist, diesen Antrag zu stellen, erst vierzehn Tage nachdem der Betrieb wieder voll funktionstüchtig ist, abläuft.

Die finanziellen Hilfen des Bundes in Höhe von 400 Millionen Euro zum Wiederaufbau der Infrastruktur reichen aus meiner Sicht hinten und vorne nicht. Es ist alles zerstört, vom Stromnetz bis hin zu Straßen und Bahngleisen. Wichtig ist auch hier, dass Betroffenen branchenübergreifend die gleiche Unterstützung zuteilwird, um Ungerechtigkeit zu vermeiden.

  1. Brigitte Petersen
    Erstellt 3. August 2021 17:26 | Permanent-Link

    Seit heute gibt es die länderübergreifend Fach Task Force WLB (Wiederherstellung landwirtschaftlicher Bodenwerte) . Der Europäischen Genossenschaft EQAsce in Bonn ist es gelungen, ein starkes Netzwerk von Experten und Praktikern zu motivieren, schnell und unbürokratisch betroffenen Winzern und Landwirten mit ihrem Wissen und Erfahrungen aus anderen Flutkatastrophen zur Verfügung zu stehen. Die Zentrale wurde in der Geschäftsstelle der EQAsce in Bonn eingerichtet.

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