Interview mit Jens Kaß

"Öko und regionale Produktion sind kaum mehr wegzudenken"

"Das Interesse im LEH unterstützt den Anbau von Biogetreide. Die Nachfrage nach Verbandsware steigt." - Jens Kaß
Foto: BGA e.V.
"Das Interesse im LEH unterstützt den Anbau von Biogetreide. Die Nachfrage nach Verbandsware steigt." - Jens Kaß

Bio boomt – immer mehr Landwirte stellen sich darauf ein und ihre Produktion auf ökologische Landbewirtschaftung um. Für Jens Kaß ist der Biomarkt bei steigenden Rohstoffmengen bald keine Nische mehr und bietet den Erzeugern interessante Absatzmöglichkeiten.

agrarzeitung: Führen Besonderheiten in diesem Erntejahr zu veränderten Warenströmen bei Biogetreide in Europa?

Jens Kaß: Wir haben in diesem Jahr ein gutes Angebot im originären Biobereich. Speziell bei der Konsumware im Nahrungsmittelbereich verfügen wir über reichliche Offerten. Ein starker Zuwachs ist zudem im Bereich der Umstellungsware festzustellen. Hier geht es um Ware aus den ersten beiden Jahren der Anbauumstellung auf Biogetreide in der Landwirtschaft. Dies führt zu geringeren Importmengen speziell aus den südosteuropäischen Regionen mit der Destination Norden und Westen im EU-Futtermarkt.

Wie wirkt sich das zunehmende Interesse des Lebensmitteleinzelhandels – kurz: LEH – an Biogetreide speziell aus Verbänden auf den Markt aus?

Generell bewerte ich diese Entwicklung positiv. Es führt in jedem Fall zu einer Unterstützung des Anbaus von Biogetreide. Die Nachfrage nach Verbandsware steigt. Hier haben die Verbände ihren Produzenten ein größeres Absatzvolumen in Form einer Eigenmarke offeriert. Allerdings sind die Vorteile der Einführung eines neuen Produkts beim Lebensmitteleinzelhandel auch mit Herausforderungen verbunden. Speziell in den kommenden Jahren wird sich mit den Mengen an Biorohstoffen aus heutigen – noch – Umstellungsflächen für beide Seiten eine zufriedenstellende Handelsmenge ergeben. Herausforderung dabei ist, dass man sich dann nicht mehr in einer Nische bewegt. Alle Beteiligten müssen sich dem täglichen Wettbewerb um die Preisspanne zwischen EU-Bioerzeugnissen und Verbandsware stellen.

Europäischer Handel
Das Kerngeschäft der Bio Markt Agrar GmbH (BMA) mit Sitz in Berlin ist seit zwei Jahren der europaweite Handel mit ökologisch erzeugten Druschfrüchten für die Herstellung von Biolebensmitteln und Biofuttermitteln. Aufgrund der Zusammenarbeit mit Erzeugern aus 15 europäischen Ländern versteht sich das Unternehmen als Schnittstelle zwischen Ökolandwirtschaft und der entsprechenden Industrie in Europa. Die BMA ist die Schwestergesellschaft der Bioland Markt GmbH & Co. KG, Berlin, die eng mit den Erzeugern des Verbandes Bioland e.V. als Hauptlieferanten zusammenarbeitet. Jens Kaß ist seit Dezember 2018 Geschäftsführer bei BMA. Der norddeutsche Kaufmann verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung in Führungspositionen im nationalen und internationalen Handel mit konventionellen Agrar- und Lebensmittelrohstoffen.

Welche Unterschiede bestehen zwischen deutscher Verbandsware und EU-Ware?

In der Auslegung der Anbaurichtlinien sind die Verbände strenger im Vergleich zur EU-Bioware. Das trifft beispielsweise auf den Einsatz von Düngern und Enzymen zu. Im Preis ist die EU-Ware aktuell noch deutlich variabler basierend auf Angebot und Nachfrage. Es gilt auch hier der tägliche Spannenvergleich des berechtigten Aufpreises von Verbandsware gegenüber dem EU-Bioangebot unter Berücksichtigung der gesamten Absatzmengen im Lebensmitteleinzelhandel. Der Konkurrenzmarkt ist eindeutig vorhanden.

EU-Ware kann als Verbandsware nachzertifiziert werden, wenn nachgewiesen wird, dass der Betrieb beispielsweise für Bioland produziert. Was bedeutet das für den deutschen Markt?

Voraussetzung für die Nachzertifizierung ist, dass die Rohware gemäß Bioland-Anbaurichtlinie erzeugt, der Erzeuger zertifiziert ist und der hiesige Markt offenen Bedarf hat. Dann unterscheiden wir noch zwischen dem Futtermarkt und der Nahrungsmittelschiene.

Im Futter dieses Verbandes ist ein sehr hoher Anteil an Getreide nach deren Richtlinien gefordert. Nur ein kleiner Teil kann aus anderen Herkünften stammen. Wegen dieses Futtermittel-Quotensystems in der Bioland-Verbandswelt gibt es keine Auswirkung auf finanzielle Erlöse der Verbandslandwirte. Und auch auf der Konsumseite wirkt sich das nicht auf die Preise aus. Die Nachzertifizierung erzeugt somit keinen Preisdruck.

Kann die deutsche Landwirtschaft das zunehmende Interesse an dieser Ware denn bedienen?

Schaut man sich die bereits heute angebotenen Umstellungsflächen an, dann kann ich das mit einem deutlichen Ja beantworten. Auch hier können wir erkennen, dass die Umstellung auf Bio einen Erfolg darstellen kann. Jedoch ist im Vergleich zum Beginn des Biobooms vom Landwirt zu berücksichtigen, dass die Ernte der beiden ersten Umstellungsjahre nicht unbedingt ein Aufgeld gegenüber der konventionellen Rohware mehr erzielen wird. Das aktuelle Erntejahr hat es deutlich gemacht. Es handelt sich mehr denn je in den beiden Umstellungsjahren um eine Investition in die Zukunft.

Bleibt die Produktion von Biogetreide dennoch für den Landwirt interessant?

Bei stetigem Wachstum der Absatzmengen sehe ich weiter interessante Absatzmöglichkeiten für die Landwirtschaft. Bio ist in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen und zusammen mit regionaler Produktion kaum mehr wegzudenken.
Übergreifend in allen Alters-, aber auch sozialen Schichten ist diese Entwicklung zu beobachten. Und warum soll Bioware nicht auch mal zum Exportschlager reifen?

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