Interview mit Joachim Rukwied

„Wir fordern einen Deutschland-Bonus“

Joachim Rukwied
Foto: imago images / Reiner Zensen
Joachim Rukwied

Bauernpräsident Joachim Rukwied zeigt Verständnis für den Zorn der Landwirte. Vom Lebensmitteleinzelhandel verlangt er schnelle Zusagen.

agrarzeitung: Warum kritisieren Sie die Zugeständnisse, die der Lebensmitteleinzelhandels den protestierenden Landwirten macht?

Joachim Rukwied: Das Angebot von Lidl ist lediglich ein Trostpflaster für die Bauern und trifft die eigentlichen Probleme nicht – nämlich die ungleichen Kräfteverhältnisse in der Vermarktungskette, die kartellrechtlichen Grenzen für unsere Vermarkter, die Dauerniedrigpreiskultur des LEH und die damit verbundenen geringen Erzeugerpreise.
 
Befürworten Sie die Bauernproteste vor Zentrallagern des LEH, Molkereien und Schlachtunternehmen?

Ich habe absolutes Verständnis für die Verzweiflung der Bauern und den daraus resultierenden Zorn. Der Lebensmitteleinzelhandel muss sich im Klaren darüber sein, dass es jetzt schnell deutliche und verbindliche Zusagen geben muss. Die Bauern meinen es ernst und das könnte sich - so kurz vor Weihnachten - zu einem Problem für den Lebensmitteleinzelhandel entwickeln.
 

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Welche Maßnahmen stärken Ihrer Ansicht nach die Verhandlungsposition der Landwirte?

Wir brauchen grundlegende Änderungen in der Zusammenarbeit  zwischen Landwirtschaft und dem gesamten Lebensmitteleinzelhandel. Wir fordern eine Selbstverpflichtung des Lebensmitteleinzelhandels zum Ausstieg aus der „Dauerniedrigpreiskultur“. Wir brauchen eine Förderung der heimischen Landwirtschaft in der Einkaufspolitik und eine angemessene Bezahlung für höhere Qualitätsstandards. Wir fordern einen Deutschland-Bonus.

Aldi sicherte zu, sich sowohl an die schwarze als auch an die graue Liste halten zu wollen. Allerdings gilt der Schutz gegen unfaire Handelspraktiken nur für Unternehmen bis zu einem Jahresumsatz von 350 Mio. €. Wie bewerten Sie die Zusage Aldis vor diesem Hintergrund?

Die Anerkennung und Umsetzung der UTP-Richtlinie ist sicherlich ein erster Schritt, um die Verhandlungsposition der Bauern in der Lieferkette zu stärken, aber das reicht natürlich nicht. Das Kartellrecht darf nicht länger Landwirte und ihre Vermarkter daran hindern, Gegengewichte zum Handel zu bilden. Der LEH muss sich zum Aufbau langfristiger und verlässlicher Lieferbeziehungen verpflichten. Und am Ende kommt es vor allem darauf an, dass sich bei den Erzeugerpreisen etwas bewegt.

Welche politischen Schritte erwarten Sie jetzt?

Wir erwarten, dass die Fraktionen im Bundestag im parlamentarischen Verfahren den Gesetzentwurf zur Umsetzung der UTP-Richtlinie noch erheblich verschärfen. Die Position der Landwirte in der Lieferkette muss deutlich gestärkt werden und das muss auch im Gesetz verankert werden.
2 Kommentare Kommentieren

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  1. Matthias Kehl
    Erstellt 9. Dezember 2020 14:30 | Permanent-Link

    Was wir zusätzlich brauchen ist ein Verbot von Werbung für Lebensmitteln mit Preisangaben!!! Das würde die Werbung auf Qualität und Herkunft beschränken und die Verbraucher sensibilisieren, nicht nur über den Preis einzukaufen!!

  2. Klaus V. Reuhl
    Erstellt 9. Dezember 2020 17:13 | Permanent-Link

    Sollten Lebensmittel mit anderen Hygiene-.Umwelt-und Sozialstandards importiert werden so muss bei der Werbung auf die Unterschiede hingewiesen werden. Auf der Verpackung muss z.B. zu lesen sein Kirschen, Herkunft Türkei. Achtung. 4 000 km Transportweg . Achtung Pflücklohn nur 2€/h. Achtung ..usw.

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