Interview mit Prof. Nick Lin-Hi

„Der Wandel ist einfach nicht mehr aufzuhalten“


"Der Knopf für den Wandel wurde gewissermaßen durch den Börsengang von Beyond Meat gedrückt", sagt Prof. Dr. Nick Lin-Hi.
Foto: Beyond Meat
"Der Knopf für den Wandel wurde gewissermaßen durch den Börsengang von Beyond Meat gedrückt", sagt Prof. Dr. Nick Lin-Hi.

Im Labor könnten Lebensmittel viel effizienter hergestellt werden. Fleisch ohne Schwein oder Kuhmilch ohne Kuh sind für den Wirtschaftsethiker Nick Lin-Hi keine Spinnerei.

Darauf müssen sich Lebensmittelwirtschaft und Landwirte einstellen. Die Frage ist nicht, ob, sondern nur, wie schnell der Wandel kommt. Eine entscheidende Komponente bleibt dabei der Preis. Mehr Nachhaltigkeit zieht als Argument für die Verbraucher dagegen nur bedingt.

agrarzeitung: Welche Ernährungstrends beobachten Sie?

Prof. Nick Lin-Hi: Generell lässt sich feststellen, dass das Thema Ernährung mehr Aufmerksamkeit bekommt. Wir fangen langsam an, uns über unser Essen Gedanken zu machen. Und wir sehen, dass ehemalige Nischen wie vegetarische oder vegane Ernährung zunehmend in die Mitte der Gesellschaft rücken. Wir haben heute hybride Konsumententypen, etwa den Flexitarier oder den Flexiganer. Beide werden heute auch nicht mehr despektierlich belächelt, vielmehr haftet ihnen ein positives Image an.

Werden wir künftig nur noch vegetarisch oder gar vegan essen?

Ich glaube wirklich, dass der Großteil unserer Ernährung in Zukunft vegan sein wird. Dies heißt aber nicht, dass wir weniger Fleisch essen werden. Vielmehr ist das Fleisch der Zukunft vegan. Ich spreche hier von In-vitro-Fleisch, bei dem das Burger Patty im Sesambrötchen nicht mehr vom Schwein kommt, sondern aus dem Bioreaktor. Ich gebe aber zu: Es wird eine Definitionsfrage sein, ob man In-vitro-Fleisch als vegan bezeichnet. Unabhängig davon gilt: Das Ende des Zeitalters der klassischen Tierhaltung ist eingeläutet. Nach der Fleischindustrie ist übrigens die Milchindustrie an der Reihe. Hier gibt es in Zukunft die Kuhmilch ohne Kuh.
„Das Ende des Zeitalters der klassischen Tierhaltung ist eingeläutet.“
Prof. Nick Lin-Hi, 

Was sind die Treiber dieser Entwicklungen?

Der klassische Treiber sind erst einmal ganz profane ökonomische Logiken. Mit Food-Innovationen lässt sich Geld verdienen. Ganz nüchtern betrachtet ist die Kuh auch nur ein Bioreaktor. Aber halt ein sehr ineffizienter. Mit neuen Technologien können Fleisch und Milch im Labor wesentlich effizienter produziert werden. Letzteres wiederum bedingt den Business Case der In-vitro-Produktion. Das Ganze bekommt dann noch Rückenwind dadurch, dass die heutige Ernährungsindustrie nicht wirklich nachhaltig ist.

Inwiefern ist sie das nicht?

Auch wenn man es ungern hört, aber die Industrie gehört zu den größten Emittenten von Treibhausgasen. Die In-vitro-Technologie geht mit dem Versprechen einher, in nachhaltiger Weise Nahrungsmittel für Milliarden Menschen erzeugen zu können. Studien schätzen, dass eine In-vitro-Produktion von Fleisch mehr als 90 Prozent weniger Treibhausgasemissionen verursacht. Auch Wasser- und Flächenverbrauch sind beim In-vitro-Fleisch deutlich geringer.

Auf dem diesjährigen Zukunftsdialog Agrar & Ernährung, den die agrarzeitung gemeinsam mit DER ZEIT in Berlin veranstaltet, wird Lin-Hi als Referent teilnehmen und mit seinen Thesen Rede und Antwort stehen.
privat
Auf dem diesjährigen Zukunftsdialog Agrar & Ernährung, den die agrarzeitung gemeinsam mit DER ZEIT in Berlin veranstaltet, wird Lin-Hi als Referent teilnehmen und mit seinen Thesen Rede und Antwort stehen.

Welche Rolle spielen hier Konsumenten? Werden sie aus Nachhaltigkeitsgründen In-vitro- Fleisch essen?

Der Konsument muss die neuen Produkte natürlich kaufen. Die Bereitschaft hierzu dürfte in einzelnen Ländern sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. In China etwa sollten sich In-vitro-Produkte, auch aufgrund der politischen Rahmenbedingungen, recht schnell durchsetzen können. Bei uns dürfte es deutlich schwieriger werden. Das Nachhaltigkeitsargument wird bei den meisten Konsumenten eher nicht ziehen.

Was zieht denn stattdessen?

Für viele Menschen zählt halt am Point-of-Sale vor allem der Preis. Das ist jetzt keine Anschuldigung, sondern eine empirische Beobachtung. Wir tun gut daran, den Konsumenten so zu nehmen, wie er is(s)t, und keine normativ aufgeladene Wertediskussion zu führen. Letztere wird glücklicherweise überflüssig werden, da der Preis von In-vitro- Fleisch langfristig unter den von konventionellem Fleisch fallen wird. An diesem Punkt wird dann auch der durchschnittliche Konsument in Deutschland zum In-vitro-Steak greifen. Nicht, weil es nachhaltiger ist, sondern weil es günstiger ist.

Der Fleischkonsum ist in der Kritik. Ist In-vitro-Fleisch wirklich die Lösung, oder wäre Verzicht nicht die bessere Option?

Konsumenten lieben den Geschmack von Fleisch und wollen auf diesen nicht verzichten. Am besten können wir nachhaltigen Konsum fördern, wenn die entsprechenden Produkte Kunden einen Mehrwert bieten. Wenn wir moralinsauer von Konsumenten Verzicht zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung verlangen, werden wir nichts erreichen. In-vitro-Fleisch ist deswegen so erfolgversprechend, weil es ohne Verzicht daherkommt.

Imago Images / Panthermedia

Weitere Artikel zum diesem Thema finden Sie in unserem Report Ernährungstrends
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Vorreiter für Fleischalternativen oder In-vitro-Fleisch sind andere Unternehmen in den USA und auch in Israel. Hinkt Deutschland in diesem Punkt hinterher?

Im internationalen Vergleich sind wir hier in der Tat nicht gut aufgestellt. Wenn man es böse formuliert, dann setzen wir gerade alles daran, dass wir in ein paar Jahren keine wettbewerbsfähige Agrar- und Ernährungsindustrie haben. Die Industrie ist daher gut beraten, sich anzuschauen, was mit der deutschen Automobilindustrie passiert. Hier hat man viel zu lange an einer Technologie festgehalten, welche man zwar gut beherrschte, die aber eben nur bedingt zukunftsfähig ist.

Welche Innovationen werden sich durchsetzen?

Seit vergangenem Jahr darf man davon ausgehen, dass sich Ernährung grundlegend verändern wird. Der Knopf für den Wandel wurde gewissermaßen durch den Börsengang von Beyond Meat gedrückt. Die Erstnotiz der Aktien von Beyond Meat an der Börse war bereits dreimal höher als der Ausgabepreis. In der Spitze waren die Aktien gar zehnmal so viel Wert. Interessant ist nun das Folgende: Die Finanzindustrie hat sehr schnell verstanden, dass es hier lukrative Investitionsmöglichkeiten gibt. In der Folge sind im vergangenen Jahr Hunderte Millionen an Euro und Dollar in Food-Innovationen geflossen. Diese Innovationen werden in der Zukunft auf den Markt kommen. Ganz sicher werden nicht alle erfolgreich sein, aber es werden welche dabei sein, die unsere Ernährung auf den Kopf stellen werden ...

... und welche Trends wären das?

Neben der In-vitro-Produktion von Fleisch und Milch tippe ich auf eine Verschmelzung von Ernährung und Gesundheit als großen Trend. Hier geht es dann um Lebensmittel, die an den Nährstoffbedarf des Einzelnen angepasst sind. Letzteres gibt es in Verbindung mit dem 3D-Druck von Essen durchaus heute schon in ersten Ansätzen. Und vielleicht bekommen wir sogar Lebensmittel, die unsere Pillen gegen Bluthochdruck und Co überflüssig machen.

Worauf müssen sich die Lebensmittelwirtschaft und auch die Landwirte als Erzeuger einstellen?

Der Wandel ist nicht aufzuhalten. Es ist nicht die Frage, ob neue Technologien wie die In-vitro-Produktion kommen, sondern nur noch, wie schnell dies passieren wird. Sowohl Lebensmittelwirtschaft als auch Landwirte müssen sich daher radikal umstellen.

Was heißt das konkret?

Hierbei geht es nicht darum, von jetzt auf gleich das Bestehende aufzugeben. Aber es gilt, jetzt einen Fuß in die Tür zur Zukunft der Ernährung zu bekommen und in diesem Bereich Wissen aufzubauen. Hierfür müssen alle Akteure, gerne auch gemeinsam, mutig sein und auch mal verrückte Dinge wagen. Wir brauchen dringend eine Innovationsoffensive! Warum sollte Deutschland nicht in zehn Jahren das Silicon Valley der Agrar- und Ernährungswirtschaft sein? Das Potenzial hierfür ist definitiv vorhanden. Wenn man wirklich langfristig denkt, dann wäre es nicht die schlechteste Idee, die aktuelle Coronakrise zu nutzen, um die Agrar- und Ernährungsindustrie mit Förder- und Investitionsprogrammen gezielt in die Zukunft der Ernährung zu führen.

Der Querdenker

Prof. Dr. Nick Lin-Hi ist Inhaber der Professur für Wirtschaft und Ethik an der Universität Vechta. Der studierte Betriebswirt promovierte an der HHL Leipzig Graduate School of Management und war von 2009 bis 2015 Juniorprofessor für Corporate Social Responsibility (CSR) an der Universität Mannheim. Mit seiner Arbeit adressiert der Unternehmensethiker und Strategieforscher die Schnittstellen zwischen Management, Verhaltenspsychologie, Digitalisierung und Nachhaltigkeit. In seiner Forschung beschäftigt sich der 39-jährige Professor insbesondere mit Arbeits- und Konsumwelten im digitalen Wandel, disruptiven Innovationen für eine nachhaltige Entwicklung sowie der Zukunft der Ernährung. Lin-Hi hat sich den Ruf erworben, auch mal unbequem zu sein. Dabei legt er großen Wert auf Wissenschaftskommunikation und kann auch komplizierte Zusammenhänge einfach darstellen. Auf dem diesjährigen Zukunftsdialog Agrar & Ernährung, den die agrarzeitung gemeinsam mit DER ZEIT in Berlin veranstaltet, wird Lin-Hi als Referent teilnehmen und mit seinen Thesen Rede und Antwort stehen. Aufgrund der Coronakrise findet der Zukunftsdialog nicht wie gewohnt im Mai/Juni statt, sondern am 29. September.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Marion Goetz
    Erstellt 19. April 2020 08:02 | Permanent-Link

    Ich lebe seit 10 Jahren vegan und es fehlt mir an nichts, ausser einem zu hohen Cholesterinspiegel. Die veganen Produkte werden immer vielseitiger und schmackhafter. Auf in vitro Fleisch wuerde ich allerdings nicht umsteigen wollen,auch wenn es tierleidfrei und nachhaltig ist. Das können ja dann die Menschen tun, die mit rein pflanzlichen Produkten nichts anfangen können. Tatsächlich hängt unser Überleben zum Großteil davon ab, ob wir es schaffen, von der Nutztierhaltung und Tierzucht wegzukommen oder nicht.

  2. Schneider Michael
    Erstellt 22. April 2020 09:53 | Permanent-Link

    Hallo Herr Goetz,
    danke an Ihre offene Darstellung, unser Überleben und Entwicklung war immer gezeichnet mit einem Zusammenspiel von Mensch und Tier, und daraus entstand auch der Nutzen(Gespanntiere). Wie das jetzt läuft kann man sich streiten, bestimmt nicht Super. Aber wir haben es in der z. B. Schweinemast doch das geschaft, was die Sozialdemkratische Partei in der Politik des Geleichmachens immer wollte. Und so ist es im Schweinestall alle Tiere haben es gleich Gut, ich sage gleich Schlecht. Das Einzeltier kann nicht nach sein Bedürfnissen leben, sondern muss das Dicktat, der Gleichmacherei aushalten. Daher entstehen auch die unsäligen langen Diskussionen über Tierwohl. Aber auch das würde sich erübrigen , wenn keine Tier mehr gegessen werden.
    Aber was dann? Wir brauchen eine krisensichere regenerative Landwirtschaft und dann können die Verbraucher machen was diese wollen.
    Es lebe die Freiheit

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