Jugendreport

So politisch essen die 15- bis 29-Jährigen

Die junge Generation greift gerne zu Obst und Gemüse. An den pflanzlichen Fleischalternativen kritisieren die Befragten die hohen Preise.
IMAGO / Westend61
Die junge Generation greift gerne zu Obst und Gemüse. An den pflanzlichen Fleischalternativen kritisieren die Befragten die hohen Preise.

Für immer mehr junge Menschen ist die Ernährung ein Trendthema. Besonders stark wirkt sich das auf den Fleischkonsum aus. Vom Staat wird mehr Unterstützung für einen klimafreundlichen Konsum gefordert.

Junge Menschen unterscheiden sich in ihrem Ernährungsverhalten von der älteren Generation – dies ist zumindest eine weit verbreitete Vermutung. Wissenschaftlich untersucht wurde bisher aber kaum, wie sich die Jugend ernährt und durch welche Motive ihre Konsumentscheidungen beeinflussen. Diese Wissenslücke will nun die Studie „Jugendreport zur Zukunft nachhaltiger Ernährung“ schließen, die Wissenschaftler der Georg-August-Universität Göttingen gemeinsam mit der Agentur Zühlsdorf Partner veröffentlicht haben.
Die Kernaussagen der Studie auf einen Blick:
  • Junge Erwachsene sind Treiber des Transformationsprozesses (Reduktion des Konsums tierischer Produkte).
  • Aktuell: 12,3 Prozent Vegetarier/Veganer in dieser Altersgruppe; 23,8 Prozent Flexitarier.
  • Es gibt eine Entwicklungsdynamik hin zu einer fleischarmen Ernährung.
  • Vegetarier und Veganer sind heute keine gesellschaftlichen Außenseiter, sondern Politicized Eater und Opinion Leader.
  • Tierschutz und Klimaschutz werden stark eingefordert.
  • Die Klimarelevanz des Fleischkonsums ist vielfach bekannt. Über eine klimafreundliche Ernährung besteht jedoch weiterer Informationsbedarf. Das Informationsinteresse bei jungen Erwachsenen ist groß.
  • Ernährungspolitik wird als staatliche Aufgabe unterstützt und zahlreiche Maßnahmen zur Etablierung einer nachhaltigkeitsorientierten Ernährungspolitik werden mitgetragen bzw. deutlich eingefordert.

Die Ergebnisse zeigen, dass die junge Generation einen Zusammenhang zwischen der Lebensmittelproduktion und dem Klimawandel sieht und ein großer Anteil deshalb seine Ernährung anpasst. Neun von zehn Befragten gaben an, sich für das Thema Ernährung zu interessieren. Für zwei Drittel ist es eine Überlebensfrage der Menschheit, den Klimawandel zu stoppen. Diese Einstellung wirkt sich auch auf das Essen aus. 40 Prozent hinterfragen ihren Fleischkonsum, 12,3 Prozent haben ihn komplett eigestellt und 23,8 Prozent bezeichnen sich als Flexitarier, die nur ganz selten oder zeitweilig Fleisch essen. Auch bei den Fleischessern zeigt sich eine Neigung zum Verzicht. Zwei Drittel der Flexitarier und ein Drittel der omnivoren Esser planen künftig eine Reduktion des Fleischkonsums. Neben der Furcht vor dem Klimawandel sind eine kritische Einstellung gegenüber der Fleischwirtschaft und der heutigen Tierhaltung sowie der Umweltschutz weitere Motive für den Fleischverzicht.

Das hohe Interesse an den Themen Klima und Ernährung ist verbunden mit einem großen Informationsbedürfnis. Nur rund ein Drittel glaubt zu wissen, wie man sich klimafreundlich ernähren kann. Mehr als die Hälfte möchte mehr darüber erfahren, wie sich der Fleischkonsum auf den Klimawandel auswirkt. Auch bei anderen Lebensmitteln besteht Informationsbedarf, weshalb fast zwei Drittel im Supermarkt am Produkt erkennen will „wie klimaschädlich es ist“.
„Viele Flexitarier werden durch Vegetarier oder Veganer in ihrem Umfeld zur Fleischreduktion angestupst.“
Jugendreport zur Zukunft nachhaltiger Ernährung, 

Dies scheint auch notwendig zu sein, denn die meisten Befragten hatten nur eine vage Vorstellung von der Klimabilanz bestimmter Lebensmittel und vermuteten durchweg zu große Klimagas-Emissionen. So wurde der CO2-Footprint von einem Kilogramm Rindfleisch mit 29,5 kg CO2-Äquivalent überschätzt (tatsächlich 13,6 kg). Ähnlich waren die Ergebnisse bei Wurst, Hähnchen- und Schweinefleisch. Noch viel größer ist die Diskrepanz allerdings bei pflanzlichen Produkten. Bei Freiland-Tomaten aus Südeuropa vermuteten die Befragten einen Footprint von 5,5 kg, tatsächlich sind es nur 0,4 kg. Interessant ist, dass Tomaten aus einem beheizten Gewächshaus in Deutschland mit 4,5 kg von den Jugendlichen besser bewertet wurden, obwohl der tatsächliche Footprint mit 2,9 kg deutlich höher ist als bei der importierten Freilandware. Generell würde der Einfluss des Transports überbewertet, fassen die Forscher die Ergebnisse zusammen. Außerdem werde der Klimavorteil von Feldgemüse gegenüber Fleisch tendenziell unterschätzt. Auch dass der Schiffstransport selbst bei weiten Entfernungen wenig klimabelastend ist, wussten nur wenige. Ein Beispiel dafür ist die Avocado, die einen Footprint von 0,6 kg verursacht, während die Teilnehmer 17,6 kg vermuten. Die Klimarelevanz beheizter Gewächshäuser dagegen werde im Vergleich zur Klimabelastung durch den Transportweg unterschätzt.
 
Kultiviertes Fleisch hat Akzeptanzprobleme

Aus der Vermehrung von tierischen Zellen hergestelltes Fleisch ist zwar für eine Mehrheit eine Alternative zum Töten von Tieren, probieren würden es aber nur rund ein Vierel. Ekel ist die stärkste Barriere, warum man es nicht essen würde. Kultiviertes Fleisch spricht auch einen Teil der Vegetarier und Veganer an, die größte Probierbereitschaft besteht bei Flexitariern.


Kritisch bewertet die junge Generation die Form der aktuellen Tierhaltung. Der Aussage, „Tiere sollten zukünftig artgerechter gehalten werden, auch wenn Fleisch etwas teurer wird“, stimmen 83 Prozent zu. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung achtet sie stärker auf „weniger Fleisch“, Bio, High Protein, Superfood und Lactosefrei. Tierethik ist von hoher Relevanz. Klassisch anthropozentrische Positionen sind kaum noch verbreitet. Fast ein Viertel bezeichnet den eigenen Fleischverzicht als ein politisches Statement.

Bei den Flexitariern gab ein Drittel an, innerhalb des letzten Jahres damit begonnen zu haben, den Fleischkonsum zu reduzieren. Diesen Wert kann man nach Ansicht der Wissenschaftler auf zwei Arten interpretieren: Entweder deutet es auf eine hohe Dynamik der Entwicklung in Richtung Fleischverzicht hin oder auf eine hohe Zahl an „Lebensabschnittsvegetarieren/-veganern“. Auffällig sei auch der Unterschied zwischen den Geschlechtern. Nur rund die Hälfte der jungen Frauen ernährt sich noch klassisch omnivor. Flexitarier lehnen insbesondere Rind- und Schweinefleisch sowie Wurst ab. Weißes Fleisch wird stärker akzeptiert. Allerdings kritisieren die Befragten, dass das Durchhalten einer veganen Ernährungsform immer noch ein hohes Maß an Disziplin erfordert. Eine Mehrheit beklagt die zu geringen Angebote in Kantine, Mensa und Gastronomie. Verärgert sind die Befragten auch darüber, dass die pflanzlichen Alternativen häufig teurer sind als das tierische Original. Die Autoren der Studie erkennen bei den Vegetariern und Veganern ein „Sendungsbewusstsein“.  Dies werfe in Mehrpersonenhaushalten Kompatibilitätsprobleme auf und fördere den Wunsch, einen Partner mit einem ähnlichen Ernährungsstil zu haben.
„Im Mittel denken die Befragten, dass der Fleischkonsum in Deutschland aus Klimaschutzgründen um 43 Prozent reduziert werden sollte.“
Jugendreport zur Zukunft nachhaltiger Ernährung, 

Klare Forderungen hat die junge Generation an die Politik. 69 Prozent fordern staatliche Unterstützung für eine klimafreundlichere Ernährung, nur 10,6 Prozent sind dagegen. Der Anteil derjenigen, die meinen, dass sich die Politik aus der Ernährung der Menschen heraushalten sollte, ist gering (20,6 Prozent). Die Befragten fordern Transparenz sowohl über die Klimabilanz und als auch die Tierwohl-Eigenschaften von Lebensmitteln und befürworten sehr deutlich entsprechende Kennzeichnungen (Klimakennzeichnung, verpflichtendes Tierwohllabel).
 
Im Bereich Tierschutz sehen sie den Staat in der Verantwortung für strengere Tierschutzgesetze und fordern zudem ein Werbeverbot für Marketing mit geschönten Tierbildern. Auch die Subventionierung von Obst und Gemüse wird deutlich befürwortet. Zudem sagen 55 Prozent, der Staat solle für mehr Vegetarisches/Veganes in Kantinen und Mensen sorgen. Einem verpflichtenden Veggie-Day erteilen 47 Prozent allerdings eine Absage. Abgelehnt werden auch ein Werbeverbot für Fleisch und ein Verbot von XXL-Schnitzeln. Andere Instrumente erreichen bei jungen Erwachsenen ebenfalls Mehrheiten, sind aber nicht ganz unumstritten: eine Klimasteuer auf Fleisch, eine Erhöhung der Hartz IV-Sätze für Lebensmittel und staatliche Werbekampagnen zur Reduktion des Fleischkonsums.

Für den Jugendreport zur Zukunft nachhaltiger Ernährung wurden im Oktober 2020 genau 1.479 junge Erwachsene in Deutschland (Altersgruppe 15 bis 29 Jahre) im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung über die zentralen Zukunftsthemen Fleischkonsum und Klimawandel befragt.

Quelle: Zühlsdorf, A., Jürkenbeck, K., Schulze, M., Spiller, A. (2021): Politicized Eater: Jugendreport zur Zukunft nachhaltiger Ernährung, Göttingen 2021.

Dieser Text erschien zuerst auf www.fleischwirtschaft.de.
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