Landwirte in Deutschland

"Bio schränkt mich ein"

Ochsenschlägers Tiere, wie dieses Bressehuhn, wachsen langsamer, haben aber besseres Fleisch.
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Ochsenschlägers Tiere, wie dieses Bressehuhn, wachsen langsamer, haben aber besseres Fleisch.

Der Verbraucher wünscht sich oft mehr Vielfalt. Ein Bauer aus Biblis hat sich auf außergewöhnliche Sorten spezialisiert und will beweisen, dass es nicht immer größer und mehr sein muss.

Siegbert Ochsenschläger kann weder mit konventioneller Landwirtschaft noch mit Bio-Siegeln viel anfangen. "Bio schränkt mich in meiner Kreativität ein", sagt der Landwirt aus Biblis, dessen Hof in Sichtweite zum ehemaligen, gleichnamigen Atommeiler steht. Auf seinen Feldern wächst eine Vielzahl seltener Gemüsesorten. Auch in seinen Ställen finden sich nicht-alltägliche Schweine- und Hühnerrassen.

Er will beweisen, dass ein Landwirt nicht viel produzieren muss, um überleben zu können. Gut, fair und sauber soll es sein, keine Massentierhaltung, sondern qualitativ hochwertig und vielfältig. "Nur eine Sorte von etwas zu haben, finde ich auch ziemlich langweilig", gibt er zu. Die Idee kam ihm, als er sich 2006 mit dem Slow-Food-Gedanken auseinandersetzte. Slow Food bezeichnet aus landwirtschaftlicher Sicht den verantwortungsvollen und artgerechten Umgang mit dem Vieh. Er baut auch nicht nur eine Sorte Kartoffeln, sondern viele ausgefallene an. Heute wachsen auf seinen Feldern über 20 Arten wie blaue Kartoffeln. Die billigste Sorte verkauft er als Direktvermarkter für 2 €/kg. Seltenere können auch das Doppelte abwerfen.

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Unabhängig von der Industrie

Auf dem gepachteten schweren Boden baut er unter anderem Urgetreide, Einkorn, Dinkel, Emmer und blaukörnigen Weizen an. "Jeweils immer nur einen halben Hektar, aber das Kilo kann ich für 3 Euro verkaufen", erklärt der gelernte Landwirt. Er versucht, so viele Betriebsmittel wie möglich selbst zu erzeugen. Die Pflanzen zieht er aus samenfesten Sorten, das Futter baut er selbst an. "Das ist der richtige Weg, um nicht von der großen Industrie abhängig zu sein", so Ochsenschläger.

So legt er die Preise selbst fest. Freilich stößt er damit auch an Grenzen: Für das Kilo Kotelette kann er 27,90 € verlangen, mehr geht nicht. Der hohe Preis erklärt sich bei einem Blick auf die seltenen Schweinerassen in seinem Stall. Neben schwarzen Ibérico und Duroc stehen Bunte Bentheimer und Berkshire. Mit drei Zuchtsauen produziert er den Samen selbst. Zu fressen gibt es Haferschrot, wodurch die Schweine langsamer wachsen und einen höheren Fettanteil haben. "Zur- zeit habe ich ein paar 200-Kilo-Tiere auf dem Hof", erklärt er. Um die Nachfrage macht er sich keine Sorgen. Er hat sein Klientel, das ihm das Fleisch abnimmt. Seine Kunden sind Privatpersonen und Restaurants in Frankfurt und der Pfalz. "Überall da, wo das Geld sitzt", sagt der Mittfünfziger.

Siegbert Ochsenschläger begutachtet eines seiner Nackthalshühner.
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Siegbert Ochsenschläger begutachtet eines seiner Nackthalshühner.

2014 stieg er mit La Bell-Rouge-Hühnern ins Geflügelgeschäft ein. Er übernahm eine Freilandhaltung aus Uelzen mit angehängtem Versand. So entstand der Kontakt zu einer Straßburger Brüterei, die ihn mit französischen Bresse versorgt. Ochsenschläger lässt seine Tiere langsam wachsen. So steigt der Futterbedarf zwar, doch die Kunden schätzen die Qualität.

Im ersten Monat fressen die Küken rund ein Kilogramm vom selbst erzeugten Futter. Riesige Brüste sucht man im Stall und seinen drei Hühnermobilen mit den rund 2 500 Tieren vergebens. Heute finden sich dort auch Nackthälse, Perlhühner und La Belle Rouge. Dazu kommt das Schwarzfederhuhn aus Frankreich, das es auf dem deutschen Markt nicht gibt. Richtig zubereitet, gilt das Fleisch als eines der besten der Welt. "Die können auch älter werden, das Fleisch bleibt auch während der Geschlechtsreife gut", sagt der Landwirt. Nur die Hähnchen werden bei ihm nie alt. Er schlachtet sie, damit der Frieden im Stall gewahrt bleibt.

Selbst gebaute Kühlpakete

Die Eier holt er mit dem eigenen Auto aus Straßburg – auf eigene Rechnung. Lediglich die Schwarzfederhühner aus Südfrankreich lässt er direkt an seine Brüterei schicken. Die Tiere wachsen, bis sie 1,7 bis 2 kg schwer sind, dann werden sie für rund 18,90 €/kg an Privatkunden verkauft. Dabei vertreibt der Bauer pro Woche rund 100 Hühner, die er selbst schlachtet, tiefkühlt und zum Kunden verschickt. "Meine Philosophie ist, das ganze Tier zu verarbeiten. Gute Köche wissen auch, wie man das macht." Montags wird geschlachtet, dann kühlt er die Tiere auf ein Grad Celsius herunter. Die Kühlpakete baut er selbst. Wenn die Ware am Folgetag beim Kunden ankommt, hat sie 7 bis 8 Grad Celsius.

Siegbert Ochsenschläger handelt seine Ware mit verschiedenen Genussnetzen wie den Jeunes Restaurateurs (JRE) und Slow Food Deutschland e.V. Er verkauft hauptsächlich an Restaurants, die Speisen jenseits der 20 € auf der Karte haben. Nicht jeder versteht, dass Schwarzfußhuhn anders schmeckt und zäher ist als normale Hühner. "Manche Kunden erwarten einen gewissen Geschmack. Aber andere Sorten schmecken eben auch anders."

Finanziell sei es sehr knapp, das räumt er unumwunden ein. Um sich besser abzusichern, steige er bald bei der Solidarischen Landwirtschaft ein. Der Verein finanziert die Ernte im Voraus und nimmt ihm die Ware dann ab.

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