Zwischen Tradition und Aufbruch

Die indische Regierung hat damit begonnen, die streng regulierten und jeweils regional abgeschotteten landwirtschaftlichen Märkte zu liberalisieren. Kleinbauern fürchten, im Wettbewerb nicht bestehen zu können.

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Die indische Landwirtschaft ist ein 350-Milliarden-Dollar Geschäft und schon 2022 soll der Exportanteil daran bei 60 Milliarden Dollar liegen. Das weckt Begehrlichkeiten.

Die indische Regierung hat damit begonnen, die streng regulierten und jeweils regional abgeschotteten landwirtschaftlichen Märkte zu liberalisieren. Dazu wurde Mitte 2020 per Gesetz unter anderem die Möglichkeit geschaffen, Vertragsanbau zu betreiben und mit den Landwirten entsprechende Abmachungen zu treffen.
Fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt
Indien ist bezogen auf die Fläche das siebtgrößte Land der Erde und hat nach China die zweitgrößte Bevölkerung. Der Bundesstaat ist nach den USA, China, Japan und Deutschland die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt. Beim Bruttoinlandsprodukt je Einwohner liegt das Land zwischen Ghana und Kenia auf Rang 146.
Einwohnerzahl: 1,38 Milliarden
Fläche: 3,287 Mio. Quadratkilometer
Bruttoinlandprodukt nominal: 2,59 Billionen US-Dollar
Bruttoinlandprodukt je Einwohner: 1.876 US-Dollar
Was für Befürworter einer freien Marktwirtschaft gut klingt, hat viele Bauern dazu gebracht, ihren Protest bis in die Hauptstadt Neu Delhi zu tragen, denn sie sehen die bisher staatlich garantierten Abnahmepreise und damit ihr Einkommen der Willkür von Investoren ausgeliefert. Hinzu kommen schlechte Erfahrungen mit Großunternehmen. Bereits 2002 hatte eine Monsanto-Tochter in Indien gentechnisch verändertes Baumwollsaatgut auf den Markt gebracht. Heute dominiert dieses Unternehmen zu 90 Prozent den indischen Baumwollmarkt und hat damit großen Einfluss auf die Preise.
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Die Stärke der Bauern

Die Regierung hatte den Widerstand der Bauern zunächst unterschätzt. Dabei war schon früher die Situation vieler Landwirte prekär. Für die meisten der etwa 100 Millionen Bauern sind die Reformpläne ein großes Problem. Ziel der Regierung ist nach offiziellen Aussagen zwar, die Einkommen der Landwirte nachhaltig und deutlich zu erhöhen, doch die aktuellen Maßnahmen haben bei vielen Betroffenen eher neue Existenzängste geschürt.
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Und die Bauern sind trotz der geringen Größe der einzelnen Betriebe, oft die Folge von Realteilung, in ihrer Masse eine Macht, denn Landwirtschaft und Urbanität insgesamt spielen in Indien immer noch eine wesentlich bedeutendere Rolle als zum Beispiel in Europa. Ihr Protest hat den Bauern und Landarbeitern zumindest einen Aufschub verschafft, denn die angeschobenen Reformen wurden vom obersten Gericht zunächst gestoppt. Wie es weitergeht, ist momentan unklar. Allerdings sehen selbst die etwa 40 Bauerngewerkschaften die Notwendigkeit für Reformen. Es geht also weniger darum, ob Reformen kommen, sondern um deren Inhalte.

Reis und Weizen

Das Land hat in den letzten Jahren zwischen 112 (2017/18) und voraussichtlich 117 (2020/21) Millionen Tonnen Reis produziert und nutzt dafür etwa 44 Millionen Hektar Anbaufläche. Etwa 4000 verschiedene Sorten bzw. Varianten sind bekannt.
Die Reisernte wird in Indien mehr und mehr von Maschinen übernommen.
Die Reisernte wird in Indien mehr und mehr von Maschinen übernommen.
Foto: Jörg Huthmann
Reis ist für die Bevölkerung zu 70 bis 75 Prozent Grundnahrungsmittel Nummer Eins und wird durch Weizen und andere Getreidearten ergänzt. Der bekannte Basmati Langkornreis macht nur wenige Prozent der indischen Reisernte aus. Er wird in den fünf nördlichen der 28 Bundesstaaten angebaut. Anbauflächen und Erntemengen wachsen, da die internationale Nachfrage für Basmati zunimmt. Aktuell werden dafür zwei Millionen Hektar genutzt die voraussichtlich eine 9,8 Mio. Tonnen Basmati Reisernte ergeben werden (Vorjahr: 9,2 Mio. Tonnen von 1,9 Mio. Hektar).
Schwergewicht in der Globalen Agrarproduktion

Indien gehört in vielen Kategorien zu den weltweit wichtigsten Erzeugern:

Platz 1: Baumwolle, 6,1 Mio. t
Platz 2: Reis, 118,9 Mio. t, Zucker, 28,9 Mio. t
Platz 3: Weizen, 103,6 Mio. t; Milch 93,8 Mio. t
Platz 4: Rapssaat, 7,7 Mio. t; Sorghum, 4,8 Mio. t
Platz 5: Mais, 28,8 Mio. t, Rindfleisch, 3,8 Mio. t
Platz 6: Sojabohnen, 9,3 Mio. t, Geflügelfleisch, 4,0 Mio. t

Quelle: USDA, Stand 2020


Weizen, der je nach Jahr auf 29 bis 31 Mio. Hektar angebaut wird, spielt aktuell im Export praktisch keine Rolle, da er aufgrund der noch staatlich festgelegten Preise international nicht konkurrenzfähig ist. Der Himalaya versorgt die nördlichen Bundesstaaten mit Wasser, ermöglicht künstliche Bewässerung und das macht sich an den Ernten bemerkbar. Bewässerte Flächen bringen zum Beispiel 4,5 bis 5,0 Tonnen Weizen pro Hektar, ohne zusätzliche Bewässerung liegen diese Zahlen zwischen1,5 und 3,0 Tonnen. Der Import von hochwertigem Weizen, z. B. für die Pasta-Produktion, bewegt sich derzeit wegen hoher Zölle auf niedrigem Niveau. Dieses Szenario kann sich, je nach Versorgungs- und Preissituation, allerdings immer wieder ändern.


Verteilungsprobleme

Trotz des langsam wachsenden Wohlstands und einer immer selbstbewussteren Mittelschicht beschreibt die Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO aktuell etwa 14 Prozent der indischen Bevölkerung als unzureichend ernährt. Diese Zahl lag um 2003-2005 bei über 22 Prozent und nimmt seither stetig ab. Indien hat dabei weniger ein Hunger-, sondern ein Verteilungsproblem.
Hoher Importbedarf bei Pflanzenölen

Die indische Ernährungspolitik ist auf Selbstversorgung ausgerichtet. Angesichts seiner Größe spielt das Land auf dem Weltmarkt bei den meisten Agrarprodukten nur eine Nebenrolle. Ausnahmen sind Reis und Zucker und Pflanzenöle. Bei Palmöl (7,4 Mio. t) und Sojaöl (3,6 Mio. t) ist das Land jeweils der größte Importeur.

Mit einer Menge von 14,6 Mio. t ist Indien der mit Abstand größte Reisexporteur. Die indischen Ausfuhren entsprechen knapp einem Drittel des gesamten globalen Reishandels. Auch bei Zucker (5,8 Mio. t, Platz 3) und Rindfleisch (1,3 Mio. t, Platz 4) ist Indiens Bedeutung im Welthandel groß.

In den Jahren 1970/71 verfügten 51 Prozent der indischen Bauern über weniger als ein Hektar Land. Der letzte verfügbare Zensus von 2015/16 nennt bereits 68 Prozent. Nimmt man zwei Hektar als Messgröße, so wirtschaften 86 Prozent der indischen Landwirte auf Flächen bis zu dieser Größe und bearbeiten 47 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche.

Noch kauft der indische Staat etwa ein Drittel der Reisernte auf, um damit die Versorgung der einkommensschwachen Schichten mit billigen Grundnahrungsmitteln zu gewährleisten. Gerade die guten Ernten der letzten Jahre haben dazu geführt, dass die Lagerkapazitäten (nicht nur) für Reis erschöpft sind und große Mengen im Freien gelagert werden müssen, was zu teilweise hohen Verlusten führt. Das USDA (Landwirtschaftsministerium der USA) geht davon aus, dass derzeit etwa drei Mal mehr Getreide eingelagert wird, als es die staatliche Planung eigentlich vorsieht.

Hinzu kommen „Fake news“, die ganze Märkte zum Kippen bringen können. Das zeigte sich In der ersten Pandemiewelle im Frühjahr 2020: Die Nachfrage nach Geflügel sank rapide, weil es Gerüchte gab, dass Hühner das COVID 19 Virus übertragen könnten.

Der Kampf um Wasser

Wasserknappheit gehört zu den wachsenden Problemen Indiens. Steigende Entnahmemengen und sinkende Grundwasserspiegel haben Folgen. Eine 2018 veröffentlichte Statistik nennt  einen Bevölkerungsanteil von 163 Millionen, der keinen nahen Zugang zu sauberem Wasser hat. Das betrifft 15 Prozent der Landbevölkerung und sieben Prozent in den Städten.
163 Millionen Menschen haben in Indien keinen nahen Zugang zu sauberem Wasser.
163 Millionen Menschen haben in Indien keinen nahen Zugang zu sauberem Wasser.
Foto: IMAGO / Pacific Press Agency
Zudem hat Wasser für Indien ein geostrategische Bedeutung, denn viele Flüsse kommen aus Quellen im Himalaya. Die Regulierung von Wassermengen sorgt  für Dauerkonflikte mit den Nachbarn Pakistan und China.  Doch auch im Inland gibt es Streit um Wasser. Ein bekanntes Beispiel ist ein Urteil des obersten indischen Gerichts, das den Bundesstaat Karnataka (Hauptstadt: Bangalore) dazu zwang, dem benachbarten Bundesstaat Tamil Nadu pro Sekunde 340.000 Liter Wasser aus dem Kaveri Fluss zu überlassen. Für den Geberstaat zu viel, für die Empfänger zu wenig, eskalierte der Streit und kostete schon 2016 zwei Menschen das Leben. Der Wasserbedarf in ganz Indien steigt, doch der Klimawandel lässt die verfügbare Wassermengen wohl eher sinken. Konflikte um Wasser werden zunehmen.

Einfache und robuste Landtechnik

Indien verfügt über eine breit aufgestellte Landtechnikindustrie. Dazu gehört der nach Stückzahlen größte Traktorenhersteller der Welt Mahindra & Mahindra. Der konzentriert sich auf Traktoren zwischen 15 und 120 PS, maximal 150 PS, und hat nach eigenen Angaben schon im Finanzjahr 2019 mehr als 330.000 Traktoren produziert.
Der größte Traktorenhersteller der Welt Mahindra & Mahindra konzentriert sich auf Traktoren zwischen 15 und 120 PS.
Der größte Traktorenhersteller der Welt Mahindra & Mahindra konzentriert sich auf Traktoren zwischen 15 und 120 PS.
Foto: Jörg Huthmann
Sein Marktanteil für Traktoren in Indien liegt bei 47 Prozent. Der 1945 gegründete Konzern betreibt außer Landtechnik noch 21 andere Sparten, hat mehr als 200.000 Beschäftigte und hat schon 2018 über 20 Mrd. US-Dollar umgesetzt, 57 Prozent davon mit den Sparten Automotive und Landtechnik.

John Deere ist seit 1998, New Holland seit 1996 in Indien unterwegs. John Deere verfügt aktuell neben dem Headquarter in Pune über vier Produktionsstätten und viele weitere Standorte. New Holland betreibt eine Traktorenfabrik mit einer Fertigungskapazität von 60.000 Traktoren pro Jahr. Das Unternehmen verweist auf seine Historie und die Tatsache, dass bereits 1971 der erste Ford-Traktor in Indien hergestellt wurde. AGCO hält einen 20,7 Prozent Anteil am zweitgrößten indischen Landtechnikhersteller TAFE und produziert vor Ort Massey Ferguson-Traktoren für den indischen Markt und für den Export.

Claas produziert in Indien hauptsächlich Reismähdrescher.
Claas produziert in Indien hauptsächlich Reismähdrescher.
Foto: Jörg Huthmann
Der deutsche Landtechnikhersteller CLAAS hat 2008 ein Werk in der Nähe der nordindischen Stadt Chandigarh eröffnet, in dem hauptsächlich Reis-Mähdrescher produziert werden. Weitere Standorte sind Faridabad und Bangalore. 2008 ist auch das Gründungsjahr der indischen Tochtergesellschaft des japanischen Kubota Konzerns „Kubota Agricultural Machinery India Pvt. Ltd.“. Das Unternehmen bietet eine breite Landtechnikpalette an und unterhält dafür vier große Depots sowie ein Händlernetz in Indien. Hinzu kommt das im Februar 2019 gegründete Joint-Venture mit dem indischen Traktorenhersteller Escorts Limited.

Digitalisierung und Precision Farming

Einfach, robust und bezahlbar scheinen häufig die Haupteigenschaften indischer Landtechnik zu sein. Doch auch dort sind Themen aus dem Portfolio der Digitalisierung und des Precision Farming keine Fremdworte.
az
Laut dem Wirtschaftsdienst Bloomberg hat schon jedes neunte Startup weltweit, das sich mit Landwirtschaftsthemen auseinandersetzt, seinen Sitz in Indien. Und es gibt auch in Europa Venture Capital Firmen, die das Geld ihrer Kapitalgeber in solche Startups investieren. Meist geht es um Digitalisierungsthemen wie Handy-Apps, mit deren Hilfe indische Farmer Preise vergleichen und Dienstleistungen abrufen können. Preistransparenz und Marktzugang sind auch für indische Kleinbauern wichtige Werkzeuge im Existenzkampf. Mahindra & Mahindra investiert zum Beispiel in Low-Cost-Lösungen für kleine Farmen, für die u. a. das Thema Geo-Fencing wichtig ist. Eine der angebotenen Apps trägt den Namen Farm-Guru.
Foto: IMAGO / photothek
Indien ist auf dem Weg, seine Landwirtschaft zu reformieren und zu öffnen. Allen Beteiligten ist klar, dass es kein „weiter so“ geben kann. Doch der Streit um die Ausgestaltung der Reformen wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Die Auswirkungen auf die globalen Agrarmärkte sind dennoch nicht zu unterschätzen. Gerade für international aktive Händler und Produzenten gilt, diesen immer stärkeren Marktteilnehmer im Blick zu behalten und Chancen zu nutzen.
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