Landwirtschaft und Gesellschaft

Warum die Gesellschaft ein Problem mit Bauern hat

Irgendetwas ist falsch in der Beziehung zwischen Landwirten und Verbrauchern. Doch was vergiftet eigentlich das Verhältnis zwischen denen, die sich doch so sehr brauchen? Der Frankfurter Landwirtschaftliche Verein lud zu einem Seminar ein, um das zu ergründen.

Die Landwirte fühlen sich angegriffen. Sowohl in den sozialen Medien, als auch im realen Leben gibt es Reibereien mit ihren Mitmenschen. Dabei haben sie einen schweren Stand, denn ihre Kritiker sind besser aufgestellt. Nur zehn von 300 Mitgliedern fanden sich beim Seminar des Frankfurter Landwirtschaftlichen Vereins ein, um darüber zu diskutieren.

Wenn man Bauern fragt, woran das liegt, dann bekommt man eine ganze Phalanx von Schuldigen präsentiert. Die Presse, die sozialen Medien, Tier- und Umweltschützer und ein gefährliches Halbwissen durch Google und Co. Verbraucher und Bauern distanzieren sich immer weiter, beobachtet eine Teilnehmerin.

Besondere Bedeutung gewinnt die Mensch-Tier-Beziehung

Der Philosoph Christian Dürnberger vom Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität München versuchte, Licht in die Beziehung zu bringen. Ungeachtet aller Probleme gelte der Landwirt hinter Ärzten und Lehrern immer noch als der drittwichtigste Beruf. Doch bei Menschen unter 29 Jahren fielen sie auf den fünften Platz. Ihre Meinung zur Landwirtschaft bilden sich die meisten Menschen hauptsächlich über die regulären Medien, doch stark zunehmend aus dem Internet. 

Eine besondere Bedeutung sieht Dürnberger in der Mensch-Tier-Beziehung. Mit neuen Kenntnissen über die geistigen Fähigkeiten des Tieres ändere sich auch der moralische Status des Tieres. Früher sah man ein Tier als reine Sache an. Die Anerkennung des Tieres als leidensfähige Kreatur begründete die Anfänge des Tierschutzes. Aus diesem Gedanken gingen die Fünf Freiheiten hervor, an denen sich Tierschützer und Bauern auch heute noch orientieren.

Die Fünf Freiheiten:
1. Freiheit von Hunger und Durst: Tiere haben Zugang zu frischem Wasser und gesundem Futter
2. Freiheit von Haltungsbedingten Beschwerden: Tiere sind angemessen unterbracht.
3. Freiheit von Schmerz, Verletzung und Krankheit: Tiere werden durch vorbeugende Maßnahmen, schnelle Diagnose und Behandlung versorgt
4. Freiheit von Angst und Stress: Vermeiden durch Verfahren und Management
5. Freiheit zum Ausleben normaler Verhaltensmuster: Tiere haben ausreichend Platz, sozialen Kontakten etc.


Die Frage, was der Verbraucher wolle, lasse sich leicht beantworten: Hochwertige Lebensmittel, die nicht giftig sind und bei der Herstellung der Umwelt nicht schaden. Erst an dritter Stelle werde der Preis genannt, belegt der Philosoph mit Studienergebnissen. Untersuchungen zeigen jedoch auch, dass die Zahlungsbereitschaft unterschiedlich ausgeprägt ist. Die meisten Menschen seien bereit, mehr zu zahlen, zögen die Grenze aber beim doppelten Preis. Wieviel der Verbraucher bereit sei zu zahlen, hänge auch vom Aussehen des Endproduktes ab. Je weniger vom Tier zu erkennen ist, desto weniger möchte der Käufer zahlen.

Früher sei das Verhältnis zu Bauern anders gewesen. Dürnberger erklärt das mit einem Wandel der Empfindungen. Früher waren Dinge, die mit Körperlichkeit, mit Gewalt und Tod zu tun hatten wesentlich akzeptierter. Das habe sich geändert. Heute gilt alles als unschicklich, was mit Gewalt, Leiblichkeit und Sterben zu tun habe. Der Verbraucher akzeptiere das Schlachten zwar, will es aber nicht in seiner Nähe wissen. "Es ist nicht falsch, aber unappetitlich", erklärt Dürnberger. Dementsprechend nehmen Menschen heute mehr Anstoß an Gülle, Schlachten und Brutalität Tieren gegenüber.

Dürnberger warnt allerdings ausdrücklich davor, den Verbraucher als unreflektiert oder dumm zu sehen. Denn trotz aller Entfremdung habe der Verbraucher ein hohes Informationsbedürfnis und das speise sich aus den Mainstreammedien. Und hier haben Landwirte einen denkbar schlechten Stand. In der Regel stehen sie dort im Zusammenhang mit Skandalen. Der Wiener Ethiker warnt ausdrücklich davor, sich mit aufgedeckten schwarzen Schafen zu solidarisieren. „Es gibt unter den Landwirten schon genügend Denunzianten, es ist mir unbegreiflich, warum Landwirte auf das sinkende Schiff aufspringen.“ Es wäre dringend nötig, sich von den Auslösern eines Skandals deutlich zu distanzieren. Was soll ein Verbraucher von einer Industrie halten, die ihre Missstände ignoriert?

Ein Pauschalrezept hat auch Dürnberger nicht. Er empfiehlt aber, sich deutlich zu äußern. Nicht nur über Zahlen und Daten, sondern auch über die eigenen Werte zu sprechen. Menschen wollen nicht nur wissen, sie wollen auch verstehen. Bauern sollten selbstbewusst, aber nicht arrogant das Gespräch suchen. Sie müssen offen für die Fragen und Sorgen von Nicht-Fachleuten sein. Nur so kann Verständnis beim Verbraucher entstehen.

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