Milchindustrie

Konkurrenz durch Pflanzendrinks


 Kuhmilch schneidet beim CO2-Fußabdruck schlecht ab. Molkereien beobachten neuen Trend zu Ersatzprodukten auf pflanzlicher Basis mit gemischten Gefühlen.
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Kuhmilch schneidet beim CO2-Fußabdruck schlecht ab. Molkereien beobachten neuen Trend zu Ersatzprodukten auf pflanzlicher Basis mit gemischten Gefühlen.

Alternativen zu Milchprodukten wie Haferdrinks liegen voll im Trend. Die Milchwirtschaft, auch in Deutschland, reagiert mit einer Mischung aus Anpassung und Widerstand.

Seit Jahren beobachtet die Milchbranche einen Verzehrrückgang bei Trinkmilch. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch von Trinkmilch in Deutschland lag 2018 bei 50,6 kg. Gegenüber dem Vorjahr ist dies ein Minus von 3,1 kg. Gleichzeitig bewegen sich die „Milch-Imitate“, beispielsweise auf pflanzlicher Basis, noch im Nischenbereich, verzeichneten aber laut dem Beratungsunternehmen Nielsen 2018/19 stärkere Wachstumsraten. Alle Milchalternativen zusammengenommen hatten in den letzten Jahren etwa das Volumen der Menge an Weidemilch abgedeckt und 2019 etwas mehr, etwa 30 bis 40 Prozent der Biomilchmenge und insgesamt circa 4 Prozent des Trinkmilchmarktes.

Hafermilch als Kassenschlager

Dr. Björn Börgermann vom Milchindustrie-Verband (MIV) ist sich unsicher bezüglich der kommenden Entwicklung: „Inwiefern die Wachstumsraten sich 2020 fortsetzen, ist derzeit nicht abzuschätzen.“ Global Market Insights prognostiziert, dass 2024 über 21 Mrd. US-$ im Markt für Milchalternativen stecken, davon fallen 8 Mrd. US-$ auf Sojaalternativen. Das Marktforschungsinstitut Innova Market Insights gibt an, dass im Jahr 2018 weltweit 16,3 Mrd. $ mit Pflanzenmilch umgesetzt wurden. Ein starker Anstieg im Vergleich zu 2010: Da waren es noch 7,4 Mrd. US-$.

Unbestritten ist jedoch für viele Beobachter, dass in diesem Sektor Potenzial liegt. Vielversprechend ist die Entwicklung von Hafermilch. Als Verkaufsargument bei den Kunden zieht hier nicht nur der Verzicht auf Milch und somit das Bedienen einer vegetarischen, veganen oder flexitarischen Ernährung, sondern auch das Argument der Nachhaltigkeit. So begründet Starbucks die großflächig angelegte Einführung von Hafermilch in der eigenen Kette. Das solle dabei helfen, die Klimaschutzziele zu erreichen. Anfang des Jahres gab die Kaffeekette die Kooperation mit dem Hafermilchriesen Oatly bekannt.

Oatly mauserte sich seit dem Markteinstieg 2014 in Deutschland mit einem Marktanteil von 30 Prozent zum Marktführer. Das gesamte Unternehmen positioniert sich hinter dem Kurs der Nachhaltigkeit. Vor sieben Jahren fuhr die Marke noch etwa 20 Mio. US-$ ein – bis 2019 hatte sich der Umsatz verzehnfacht.  In diesem Jahr werde sich der Umsatz erneut verdoppeln, „wenn die Fabriken das bewältigen können“, äußerte sich der CEO von Oatly, Toni Petersson, gegenüber der niederländischen Zeitung Het Financieele Dagblad. In einem Testbericht von Ökotest schneidet Oatly jedoch nur mittelmäßig ab. Die Gründe: das verarbeitete Calciumphosphat sowie der Zusatz von Vitaminen.

Nachhaltigkeit ist das, was Oatly-CEO Petersson nach eigenen Angaben bewegt: „Unser Fleisch- und Milchkonsum ist nicht nachhaltig. Das System muss sich ändern.“ Er erklärt gegenüber der niederländischen Zeitung, dass die Herstellung eines Liters Hafermilch um 73 Prozent weniger CO2 verursacht als die Produktion eines Liters Kuhmilch. Verbraucher begründen den Griff zu Alternativen meist mit dem Schutz des Klimas und im Sinne der Nachhaltigkeit. Besonders im Bereich des Tierwohls scheint für die Verbraucher die Sachlage schnell eindeutig: Für die Produktion von Alternativen werden keine Nutztiere benötigt.

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Weitere Artikel zum diesem Thema finden Sie in unserem Report Ernährungstrends.

Eine Studie der Universität Oxford geht dem CO2-Fußabdruck der Milch und Milchalternativen auf den Grund. Die Forscher haben Daten von 40.000 Höfen weltweit ausgewertet. Das Ergebnis dieser Studie ist eindeutig. Sowohl beim CO2-Ausstoß als auch bei Land- und Wasserverbrauch belegt die Kuhmilch den letzten Platz. Die Alternativen schneiden deutlich besser ab. Hier spiegelt sich auch das Imageproblem der Trinkmilch wider. Am wenigsten Emissionen werden bei der Produktion von Mandelmilch ausgestoßen, auch Hafermilch positioniert sich hier gut. Die Produktion eines Glases Trinkmilch pro Tag und Jahr erfordert laut dieser Studie 650 Quadratmeter Land – und mehr als zehnmal so viel Fläche wie für die gleiche Menge an Hafermilch. Schwedische Forscher kamen schon zu ähnlichen Ergebnissen. Beim Flächenverbrauch gilt es aber zu bedenken, dass viele Grünlandflächen – besonders in Deutschland – nicht anders nutzbar sind.

In Sachen Wasserverbrauch herrscht Uneinigkeit. Sojamilch benötigt laut den englischen Forschern 28 Liter in der Produktion. Der kürzlich verstorbene Wissenschaftler Arjen Hoekstra kam aber zu ganz anderen Ergebnissen, ihm zufolge beansprucht die Produktion von Sojamilch etwa 297 Liter Wasser. Tätig war er an der Universität Twente und beschäftigte sich mit dem Wasserverbrauch von Lebensmitteln. Besonders viel Wasser benötigt Mandelmilch – rund 800 Liter. Das liegt an dem hohen Wasserbedarf von Mandeln.

Molkereien springen auf Zug auf

Die Milchindustrie beobachtet den Trend zu Milch-Imitaten mit Sorge und Interesse. Die streng reglementierte Benennung der Alternativen ist ein Versuch der Branche, sich von diesen Produkten abzugrenzen. In der Verordnung heißt es: Der Ausdruck „Milch“ ist ausschließlich dem durch ein- oder mehrmaliges Melken gewonnenen Erzeugnis der normalen Eutersekretion, ohne jeglichen Zusatz oder Entzug, vorbehalten. Daher werden Produkte im Handel als „Hafergetränk“ oder „Haferdrink“ verkauft. Laut MIV-Experten Börgermann gibt es bereits eine ganze Reihe von Molkereiunternehmen, die Milch verarbeiten und rein pflanzliche Lebensmittel herstellen. Dennoch zeigt sich der Branchenverband vorsichtig: „Über die strategische Ausrichtung, unter welchem Markendach man das letztlich macht, gibt es durchaus unterschiedliche Sichtweisen.“ Das verdeutlicht das gespaltene Verhältnis der Branche.

Einige Unternehmen präsentieren sich dennoch als Vorreiter in Sachen Milchalternativen. Die belgische Firma Alpro gehört zu dem Molkereiriesen Danone und ist bekannt für Sojaprodukte. In Deutschland steigt die genossenschaftliche Molkerei Schwarzwaldmilch über eine Tochtergesellschaft in das wachsende Geschäft mit veganen Milchalternativen ein. Black Forest Nature führt in diesem Frühjahr erste Bio-Haferdrinks mit regionalem Hafer aus dem Schwarzwald ein unter der veganen Marke „Velike!“. Andreas Schneider, Geschäftsführer der Schwarzwaldmilch-Gruppe und des neuen Start-ups, verweist auf die Sonderstellung des autarken Tochterunternehmens: „Wir weiten unsere Expertise in einem spannenden Wachstumsmarkt aus. Wichtig ist uns hierbei, dass unser neues Start-up-Unternehmen eigenständig und selbstbestimmt agiert.“

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